Bildungsmisere

Berliner Schulleiter schreiben neuen Brandbrief

Mit ihrem ersten Brandbrief vor einem Jahr hatten die Lehrer aus Berlin-Mitte für bundesweites Aufsehen gesorgt - doch passiert ist seitdem nicht viel. Den Schulen fehlen Geld und Personal, die Gebäude sind marode und die Klassen zu groß. Jetzt gehen die Schulleiter erneut in die Offensive.

Viele Schulleiter des Bezirks Mitte sind frustriert. Sie haben sich deshalb erneut mit einem Schreiben an das zuständige Bezirksamt gewendet. „Seit unserem Hilferuf vor einem Jahr ist nicht viel passiert. Die meisten Schulen haben nach wie vor große Probleme, die Arbeitsbedingungen haben sich nicht verbessert“, sagte Manuela Gregor, Schulleiterin der Schule am Zille-Park und Sprecherin der AG Schulleiter des Bezirks.

Die Klassenfrequenzen an den Brennpunktschulen seien zu hoch, es fehle an qualifiziertem Personal, längst nicht alle Schulen, die dringend sanierungsbedürftig sind, würden entsprechende Mittel bekommen, so Gregor. „Die Schulen müssen ausbaden, dass der Bezirk pleite ist.“

Um auf die schwierige Lage der Bildungseinrichtungen in Mitte aufmerksam zu machen, hatten die Rektoren der 68 Grund-, Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien des Bezirks sich im Dezember vergangenen Jahres mit einem Brandbrief an den Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD), an Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) sowie an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gewendet. In dem Schreiben warnten sie vor dem bildungspolitischen Aus in Mitte.

Gute Schüler verließen in Scharen den Bezirk oder das öffentliche Schulsystem, das mit den Angeboten der Privatschulen nicht mithalten könne, hieß es. Die Schulleiter forderten damals unter anderem stärkere finanzielle Zuwendungen für den hohen Anteil von Schülern aus sozial benachteiligten Familien und Kindern aus Einwandererfamilien. Außerdem sollte die bauliche Unterhaltung der Schulen gesichert werden.

„Unser Brandbrief hat ein großes öffentliches Interesse ausgelöst“, sagte Manuela Gregor. Viel getan habe sich aber nicht. In einem Resümee haben die Schulleiter jetzt ihren Unmut darüber zu Ausdruck gebracht. „Nach anfänglichem Entgegenkommen zeigt das Bezirksamt kaum noch Kooperationsbereitschaft. Es gibt keine Initiativen mehr, unsere Probleme anzugehen“, heißt es da. Bis auf die Neu- beziehungsweise Festanstellung von Hausmeistern gebe es keine konkreten Ergebnisse zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Die Probleme an den Schulen sind vielfältig. So fordert Brigitte Burchardt, Schulleiterin des Diesterweg-Gymnasiums Gesundbrunnen, die Möglichkeit, kleinere Lerngruppen einzurichten. „In unseren siebten und achten Klassen liegt der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund inzwischen bei 90 bis 100 Prozent. Viele dieser Schüler haben Sprachdefizite und müssten ganz anders gefördert werden“, sagt sie.

Kleinere Klassen würden aber mehr Räume nötig machen. Dafür habe der Bezirk kein Geld. Angesichts der prekären Lage müsse der Bezirk wenigstens für eine bessere Mischung der Schülerschaft sorgen, betont Burchardt. Integration sei nicht mehr möglich, wenn die Klassen fast nur noch aus Kindern nicht deutscher Herkunft bestünden. Für Miachel Wüstenberg, Schulleiter des Lessing-Gymnasiums im Wedding, ist der bauliche Zustand seiner Schule das größte Problem.

„Uns wurde kurzfristig mitgeteilt, dass wir nun doch keine Mittel aus dem Konjunkturprogramm II bekommen werden. Dabei ist unsere Schule baufällig und viel zu eng.“ Das Schulgebäude sei hundert Jahre alt und seit zwanzig Jahren nicht mehr saniert worden, so Wüstenberg. Auch eine Mensa fehle. „Kein Wunder, das bildungsbewusste Eltern in andere Bezirke oder an Privatschulen abwandern.“

Die Personalausstattung seiner Schule lasse ebenfalls zu wünschen übrig, sagt der Schulleiter. „Wir haben zwar eine 100prozentige Ausstattung, sobald aber Kollegen krank werden, reicht das hinten und vorne nicht aus.“ Notwendig wäre auch eine zweite

Auch Schulleiter Thomas Leb hat Sorgen. Leb leitet die Anna-Lindh-Grundschule in Tiergarten. „Wir bräuchten dringend mehr Platz, um kleinere Klassen einzurichten“, sagt er. Zudem fehle Geld für die nötige Grundsanierung der Schule. Ein Vater habe jetzt seine Tochter wegen des schlechten Zustandes der sanitären Einrichtungen abgemeldet. Das sei nicht hinnehmbar. „Das Profil unserer Schule ist die Förderung hoch begabter Kinder. Wir sind berlinweit gefragt“, so Leb. Die Schule müsse schon deshalb in einem guten baulichen Zustand sein. „Die bittere Wahrheit aber ist, dass wir immer gerade so zurecht kommen. Das geht eigentlich nicht.“

Mittes Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) kann die Kritik der Schulleiter indes nicht nachvollziehen. Ein Jahr lang habe ein Sonderausschuss der Bezirksverordnetenversammlung sich mit dem Thema Schule beschäftigt, betont er. Ein Ergebniss sei beispielsweise die Einrichtung eines bezirklichen Sprachförderzentrums, das im Januar seine Arbeit aufnehmen soll. Hanke räumt allerdings ein, dass die finanzielle Notlage des Bezirks sich auch auf die Bildungseinrichtungen auswirke. „Im kommenden Jahr müssen wir 32 Millionen Euro einsparen. Die Mittel für die Schulsanierung sind begrenzt.“