Bildungspolitik

Neuer Brandbrief - Schulleiter in Mitte verzweifeln

Marode Gebäude, eine problematische Sozialstruktur und die Abwanderung von Schülern in andere Stadtgebiete oder an Privatschulen machen Berlin-Mitte schwer zu schaffen. In einem Hilferuf warnen die Direktoren nun: Die Schulen im Bezirk stehen vor dem Aus.

Alle Schulleiter der 68 Grund-, Real- und Hauptschulen sowie Gymnasien von Mitte haben vor dem bildungspolitischen Aus im Bezirk gewarnt. Sie könnten zurzeit den vom Schulgesetz auferlegten Bildungsauftrag „nicht mehr guten Gewissens erfüllen“, betonten sie. Gute Schüler verließen in Scharen den Bezirk oder das öffentliche Schulsystem, das mit den Angeboten der Privatschulen nicht mithalten könne. Der erst jetzt bekannt gewordene Brief vom Dezember richtet sich an den Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) sowie an Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) und den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD).

Mitte 2006 hatte bereits ein Brandbrief der Neuköllner Rütli-Schule weit über Berlin hinaus für Schlagzeilen gesorgt. Der Hilferuf der Lehrer, die sich mit den Problemen allein gelassen fühlten, löste damals eine bundesweite Debatte über Bildungspolitik und Integration aus. „Senator Zöllner wird sich mit Vertretern der Schulleiter aus Mitte - wie Anfang des Jahres vereinbart - in zehn Tagen treffen. Die Schulleiter sprechen in ihrem Brief Probleme an, die grundsätzlich auch Senator Zöllner sieht“, sagte Jens Stiller, Sprecher der Bildungsverwaltung.

Im Brief werden vier Problemfelder benannt. Ausdrücklich weisen die Schulleiter auf die problematische Sozialstruktur von Mitte mit einer hohen Kriminalitätsrate, vielen sozial benachteiligten Familien und Schülern aus Einwandererfamilien hin. Diese besondere Situation verlange bei den finanziellen Zuwendungen eine stärkere Förderung als in den weniger belasteten Bezirken, heißt es.

Ein anderes Problem sei die Versorgung der Schulen mit Personal, besonders mit Hausmeistern und Sektretärinnen. Das müsse verlässlich geregelt werden. Darüber hinaus fordern die Schulleiter, die bauliche Unterhaltung der Schulen zu sichern. Gegenwärtig entspreche diese nicht einmal dem normalen Standard. Stattdessen gäbe es einen lähmenden Kompetenzstreit zwischen Schulamt, Bezirksamt und Hochbauamt.

„In meiner Schule wurde seit 20 Jahren nicht renoviert“, sagt Hartmut Blees (63), Schulleiter der Moses-Mendelssohn-Gemeinschaftsschule in Moabit. Die Wände im Flur sind schwarz vor Dreck, der Keller ist von Schimmel befallen und die Fenster der Schule sind morsch, Scheiben drohen herabzufallen. „Aber das ist nicht das Hauptproblem. An meiner Schule kommen 65 Prozent der Kinder aus sozial schwachen Familien, 80 Prozent haben einen Migrationshintergrund“, sagt Blees. Diese Zusammensetzung erfordere eine spezielle pädagogische Aufmerksamkeit. „Wir müssen oft erst soziale Probleme lösen, bevor wir unterrichten können.“ Integration an den Schulen könne, laut Blees, nur funktionieren, wenn der Anteil der Kinder aus Migrationsfamilien an den Schulen bei 50 Prozent läge.

Konkurrenz der Privatschulen wird stärker

Jochen Pfeifer, Schulleiter des John-Lennon-Gymnasiums in Mitte, betonte: „Wir konkurrieren mit einer steigenden Zahl an Privatschulen. Während meiner 14-jährigen Amtszeit haben in unmittelbarer Nähe des John-Lennon-Gymnasiums fünf Privatschulen ihre Pforten geöffnet.“

Auch die Schülerzahlen an der Gustav-Falke Grundschule in Wedding gehen kontinuierlich zurück. Anfang der 90er-Jahre seien 620 Kinder unterrichtet worden, jetzt nur noch 360, sagt Schulleiterin Karin Müller. Mehr als 87 Prozent der Mädchen und Jungen kommen aus Familien mit türkischem, arabischem, asiatischem und afrikanischem Hintergrund – das schreckt einheimische Familien ab.

Kindern fehlt es an einfachen Grundkenntnissen

Vielen Kindern fehle Grob- und Feinmotorik, sie könnten nicht mit einer Schere schneiden, Farben nicht zuordnen, beklagt die Pädagogin. „Das ist früher in den Vorschulgruppen vermittelt worden, die Kitas können das nicht leisten“, sagt Müller. Früher habe sie nur 20 Kinder pro Klasse gehabt, jetzt seien in mancher Klasse sogar 27. Die Schule bemüht sich, auch Eltern ein Bildungsangebot zu machen. Es gibt Deutsch-Kurse für Mütter, ein Mediencafé und ein Elterncafé.

Der Ganztagsbetrieb wurde 2004 eingerichtet. Die Aula konnte erneuert, der Schulhof umgestaltet werden. Doch auch in der Aula platzt Farbe an den Wänden ab. Im Treppenhaus fehlt an vielen Stellen der Putz. „Der Zustand bedrückt uns“, sagt Karin Müller. Natürlich haben Lehrer, Eltern und Schüler diesem Zustand den Kampf angesagt. Die schmutzigen und fleckigen Wände auf den Fluren sind mit Bildern voller Farben und Fantasie bemalt. Die riesigen Gemälde von Weltall, Dschungellandschaft und Unterwasserwelt ziehen sich vom Boden bis zur Decke und lenken ab. „Wir brauchen die Instandsetzung“, sagt die Schulleiterin.

Im Abgeordnetenhaus reagierte die Opposition am Montag mit Kritik am Senat. Wowereit müsse die Lehrer ernst nehmen und in Bildung und Erziehung mehr investierten, forderte Grünen-Bildungsexperte Özcan Mutlu. Die Vorsitzende der Bildungskommission der CDU, Eva-Maria Kabisch, warnte: „Es besteht die Gefahr des Absturzes ganzer Schulmilieus in unseren Problemkiezen.“ Die FPD sprach von einer „schallenden Ohrfeige“ für den Senat.