Bildungspolitik

Berliner Lehrkräfte drohen abzuwandern

Wenige Monate vor Beginn des neuen Schuljahres ist noch nicht klar, wie viele Lehrer eingestellt werden können. Die Bildungsverwaltung plant Einstellungsgespräche erst im Juni – für Schulleiter und Eltern der Schüler ist das zu spät. Experten befürchten, dass gute Lehrkräfte die Hauptstadt verlassen könnten.

In Berlins Bezirken herrscht Unruhe und auch viele Eltern sind verunsichert, weil noch immer nicht feststeht, wie viele Lehrer zum neuen Schuljahr in den einzelnen Regionen eingestellt werden können. Kathrin Schulz, Vorsitzende des Bezirkselternausschusses Pankow, befürchtet, dass viele Pädagogen in andere Bundesländer abwandern werden. „Hamburg oder Brandenburg stellen jetzt schon ein und verbeamten ihre Lehrer außerdem“, sagt sie. Berlin sei wieder viel zu spät dran.

Unlängst haben bereits mehrere Hundert Lehrerinnen aus fünf Berliner Bezirken mit einer Resolution auf die unhaltbaren Arbeitsbedingungen an vielen Schulen aufmerksam gemacht und unter anderem eine bessere Personalausstattung gefordert.

Die Bildungsverwaltung hat gestern bekannt gegeben, dass berlinweit etwa 340 Lehrkräfte zum kommenden Schuljahr neu eingestellt werden. Für weitere 387 Pädagogen soll es eine Entfristung der Verträge geben. Sie werden dauerhaft in den Schuldienst übernommen. Hinzu kommen 140 Vertretungskräfte aus der „Lehrerfeuerwehr“, die ebenfalls in den regulären Schuldienst übernommen werden sollen. Für sie wird es Nachbesetzungen im gleichen Umfang geben. „Die Termine für die zentralen Bewerbergespräche sind Mitte Juni“, sagte Jens Stiller, Sprecher von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Auf diese Weise könnten die 400 Referendare berücksichtigt werden, die dann fertig würden.

Fachlehrer fehlen

Rose-Marie Seggelke, Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, äußerte indes ihre Zweifel daran, dass 480 Neueinstellungen ausreichen werden, um alle Schulen zum kommenden Schuljahr zu 100 Prozent mit Lehrkräften auszustatten. Schon jetzt fehlten Fachlehrer für Mathematik, Physik, Latein, Englisch, Informatik und fast alle berufstheoretischen Fächer.

Skeptisch ist man auch in Pankow. Dort fehlen momentan für 19 erste Klassen Lehrer und Lehrerinnen. Das bestätigte Bildungsstadträtin Lioba Zürn-Kasztanzowicz (SPD). „Wie viel Neueinstellungen insgesamt im Bezirk benötigt werden, steht noch nicht fest“, sagte sie. Es sei aber eine beachtliche Zahl, da Pankow der Bezirk mit dem größten Schülerzuwachs sei.

Pankows Elternsprecherin Katrin Schulz hält diesen Zustand für fatal. „Die Schulen können nicht planen. Viele Eltern von Erstklässlern werden auch zur Elternversammlung im Juni nicht erfahren, wer die Klasse übernehmen wird.“

80 neue Lehrer pro Bezirk

Kathrin Schultze-Berndt (CDU), Bildungsstadträtin in Reinickendorf, geht davon aus, dass ihr Bezirk etwa 80 neue Lehrer braucht. Auch sie kritisierte, dass die Bildungsverwaltung die zentralen Bewerbergespräche erst für Mitte Juni angesetzt hat. „Das ist viel zu spät, die besten Lehrkräfte sind bis dahin in andere Bundesländer abgewandert“, so Schultze-Berndt.

Auch Paul Schuknecht, Vorsitzender der Vereinigung Berliner Schulleiter, ärgerte sich über das Zeitmanagement des Senats: „Die Bedarfsermittlung in den Bezirken hätte viel früher anfangen müssen.“

Harsche Kritik an der Einstellungspolitik des Senats kommt von Sascha Steuer, bildungspolitischer Sprecher der CDU. „Am Ende bleiben 340 echte Neueinstellungen übrig“, sagte er. Davon seien jedoch fast alle für zusätzliche Aufgaben vorgesehen: 100 für den Ganztagsausbau, 50 für eine bessere Ausstattung der Brennpunktschulen und etwa 80 für das Duale Lernen. „Weitere 86 Lehrer werden benötigt, um die Absenkung des Unterrichtsdeputats auszugleichen.“ Letztlich blieben 24 Lehrer übrig, die 778 ausscheidenden Lehrkräften gegenüberstehen, rechnete Steuer.

Jens Stiller, Sprecher der Bildungsverwaltung, wies diese Rechnung als falsch zurück. „Die 778 ausscheidenden Lehrer beziehen sich auf das gesamte Jahr 2010. Deshalb müssen auch die 200 Neueinstellungen vom Februar berücksichtigt werden.“ Hinzu käme ein Rückgang der Schülerzahlen um 1600. Das entspräche 254 Stellen, die nicht mehr gebracht würden. „Rechnet man dann die 140 Stellen der Lehrerfeuerwehr dazu, die ja in den regulären Schuldienst übernommen und in gleichem Umfang ersetzt werden, stellen wir etwas mehr Lehrer ein, als in den Ruhestand gehen“, betonte Stiller.