Bildung

Familien klagen gegen negativen Schulbescheid

27.000 Berliner Familien haben am Sonnabend Post von den Oberschulen bekommen, doch nicht für alle war im Umschlag die ersehnte Zusage. Viele der Eltern wollen sich jetzt gegen den negativen Bescheid zur Wehr setzen.

Foto: Christian Kielmann

Bei Familie Gröbler in Lichtenrade herrscht gerade Ausnahmezustand. „Wir haben einen Ablehnungsbescheid bekommen“, sagt Heike Gröbler. Ihr Sohn Lucas (12), der im Sommer in die siebte Klasse komme, habe unbedingt an die Carl-Zeiss-Sekundarschule wechseln wollen. „Auch wir fanden diese Schule absolut passend für unser Kind“, sagt Heike Gröbler. Nun habe der Bezirk ihnen mitgeteilt, dass an der sehr stark nachgefragten Carl-Zeiss-Schule nur Kinder mit einem Notendurchschnitt bis zu 2,5 genommen worden seien. Wer diesen nicht hatte, konnte nur noch auf das Losverfahren hoffen.

Doch Lucas – sein Notenschnitt liegt bei 2,7 – hatte kein Losglück. Und auch an seiner Zweitwunsch-Schule, der Gustav-Heinemann-Sekundarschule, bekam der Zwölfjährige keinen Platz. Als dritten Wunsch hat Lucas die Evangelische Schule Steglitz angegeben. Um einen Platz an dieser Privatschule müssten sich seine Eltern nun selbst kümmern.

Gute soziale Mischung ist gescheitert

Heike Gröbler und ihr Mann wollen den Bescheid allerdings nicht hinnehmen. „Wir haben uns bereits mit einem Rechtsanwalt verabredet und werden klagen“, sagt die Mutter. Ihr Sohn habe sich sehr angestrengt und von 2,9 auf 2,7 verbessert. Das sei ein recht guter Durchschnitt. Sie sehe nicht ein, dass er jetzt an eine Restschule gehen solle. Dort würde er untergehen. Heike Gröbler ist wütend. Das Konzept der neuen Sekundarschulen bestehe doch gerade darin, dass unterschiedliche Schüler miteinander lernen sollen. Es könne nicht sein, dass vor allem Kinder mit einer gymnasialen Empfehlung die Plätze auf den gefragten Sekundarschulen bekämen. „Statt Sekundarschulen mit einer guten Mischung gibt es jetzt solche mit sehr guten Schülern und andere, an denen der Rest unterkommt“, sagt Gröbler. Das aber würden sie und ihr Mann nicht akzeptieren.

Klagen will auch die Familie Heidemann, die einen Ablehnungsbescheid für die Gustav-Heinemann-Sekundarschule erhielt. Ihr älterer Sohn Nicholas besucht bereits die Heinemann-Schule. Dort sollte nun auch der jüngere Sohn Dion angemeldet werden. Mutter Verena Heidemann sagt, dass sie und ihr Mann voll berufstätig seien und dass sie außerdem noch ihre eigene Mutter pflege. „Wir sind deshalb darauf angewiesen, dass unser großer Sohn sich um den kleineren kümmert. Das ist ein Härtefall.“ Das Schulamt ist jedoch anderer Meinung und hat auch dem Zweit- und Drittwunsch der Heidemanns nicht entsprochen, sondern dem elfjährigen Dion einen Platz an der Dag-Hammarskjöld-Sekundarschule zugewiesen. „Gegen diese Entscheidung werden wir klagen“, sagt Verena Heidemann.

Wie Gröblers und Heidemanns haben am Sonnabend etliche Familien per Post Bescheid bekommen, ob es mit dem gewünschten Platz an einem Gymnasium oder an einer Sekundarschule geklappt hat oder nicht. Die meisten Familien werden allerdings erst Montag oder Dienstag den betreffenden Brief vom Bezirksschulamt erhalten. Insgesamt gab es laut Bildungsverwaltung 26.787 Anmeldungen für eine weiterführende Schule. Davon habe 22.512 Erstwünschen und 2.393 Zweit- und Drittwünschen entsprochen werden können. Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) sagt, dass sich 15.183 Schüler für einen Platz an einer Integrierten Sekundarschule und 11.604 für einen Platz an einem Gymnasium beworben haben. „An den Integrierten Sekundarschulen stehen nun noch 1043 offene Plätze für 947 Schüler zur Verfügung, die noch keinen Schulplatz haben. An den Gymnasien sind es 580 offene Plätze für 469 Schüler“, so Stoffers. Berlinweit seien damit ausreichend Kapazitäten vorhanden.

In Tempelhof-Schöneberg dürfte der Ärger vieler Eltern bezüglich der Schulplatzzuweisung besonders groß sein. Wie berichtet, musste der Bezirk mehr als 1000 Erstwünsche ablehnen. Das hängt auch damit zusammen, dass fast alle der elf Sekundarschulen des Bezirks sehr stark begehrt sind. Dazu gehören beispielsweise die Sophie-Scholl-Schule, die Carl-Zeiss-Schule oder die Gustav-Heinemann-Schule, die auch von vielen Schülern anderer Bezirke gewählt worden sind. Dieter Hapel (CDU), Bildungsstadtrat in Tempelhof-Schöneberg, spricht von einem „brutalen Numerus clausus“, der daraufhin an diesen Schulen entstanden sei. „Die Schulen wirken wie Staubsauger. Sie saugen sich voll mit guten Schülern. Alle anderen haben da keine Chance“, sagt Hapel. Nach Meinung des Bildungsstadtrats sei das Ziel, eine gute soziale Mischung an den Sekundarschulen zu schaffen, damit gescheitert.

In Steglitz-Zehlendorf musste das Schulamt 340 Erstwünsche ablehnen. Laut Bildungsstadträtin Anke Otto (Grüne) fehlen im Bezirk 15 Gymnasialschulplätze und 36.Plätze an Sekundarschulen. „Wir prüfen gerade, ob wir noch eine weitere Sekundarschulklasse aufmachen können“, sagt Otto. Ansonsten setze man auf den Ausgleich zwischen den Bezirken, der am Mittwoch beraten werden soll.

Auch in Reinickendorf fehlen jeweils 20.Plätze an den Gymnasien und Sekundarschulen. Bildungsstadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU) ist sehr unzufrieden. „Ich werde alles versuchen, um den Reinickendorfer Schülern im Bezirk einen Schulplatz anzubieten“, sagt sie. Es müsse verhindert werden, dass die Schüler durch die ganze Stadt fahren müssen.

Marzahn-Hellersdorf hat noch Plätze

Viele freie Plätze gibt es indes an den Oberschulen in Marzahn-Hellersdorf. Bildungsstadtrat Stefan Komoß (SPD) sagt, dass an den fünf Gymnasien noch mehr als 100 Plätze frei sind. An den zehn Sekundarschulen gebe es noch 70 freie Plätze. Auch in Pankow stehen noch Plätze zur Verfügung. Die genaue Zahl will Bildungsstadträtin Lioba Zürn-Kasztanzowicz (SPD) aber nicht nennen. „Wir werden zunächst die Kinder unseres Bezirks versorgen, die keinen Platz an ihrer Wunschschule bekommen haben“, sagt sie.