Gymnasiumplätze

Eltern klagen nach Ablehnung der Wunschschule

Wer den angebotenen Platz nicht annehmen will, muss sich selbst auf die Suche nach Alternativen machen und hoffen, woanders genommen zu werde – oder vor Gericht ziehen.

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Die Eltern der zwölfjährigen Sona müssen sich jetzt entscheiden, ob sie den vom Amt für ihre Tochter angebotenen Schulplatz am Gymnasium annehmen oder nicht. Je nach Bezirk läuft die Frist dafür an diesem oder am kommenden Freitag aus. Wenn sie ablehnen, haben sie nur noch die Möglichkeit, selbst einen Platz an einer Schule zu finden.

Bisher waren alle ihre Gespräche und Interventionen bei den Mitarbeitern des Schulamtes Treptow-Köpenick umsonst. Die Schülerin mit Gymnasialempfehlung wurde an allen drei Wunschschulen abgelehnt. Ihr Durchschnitt von 2,1 reichte bei der harten Auslese nach Noten nicht aus. Dabei war Sona so stolz, trotz langer Krankheit die Gymnasialempfehlung geschafft zu haben. Am liebsten würde sie auf das Dathe-Gymnasium gleich in ihrer Nähe gehen.

Der Bezirk hat ihr jedoch einen Schulplatz am Alexander-von-Humboldt-Gymnasium angeboten, das von ihrem Wohnort eine Stunde Fahrweg entfernt ist. Die Strecke von zehn Kilometern müsste sie mit dem Bus, der nur im 20-Minuten-Takt fährt, zurücklegen. Wegen eines schweren Verkehrsunfalls, den sie vor einem halben Jahr erlitt, hatte sie eigentlich auf eine Härtefallregelung gehofft, um auf die Schule in ihrer Nähe zu kommen. Fast zwei Monate konnte sie nicht zur Schule gehen. „Doch die Mitarbeiterin des Schulamtes hatte sich die ärztlichen Gutachten gar nicht erst angesehen“, sagt Sonas Mutter Masomeh Ayatollahi.

Für sie steht fest, dass sie die angebotene Schule ablehnen werden. Nicht nur der Schulweg sei eine Zumutung, die Ausrichtung der Schule entspreche nicht den Neigungen des Mädchens. So will Sona als zweite Fremdsprache Spanisch lernen, an der zugewiesenen Schule müsste sie aber Russisch oder Französisch lernen.

Kampf bis zur letzten Instanz

Die Eltern haben mit der Hilfe eines Rechtsanwaltes Klage gegen die Ablehnung an der Wunschschule eingelegt. „Die Auswirkungen der neuen Zulassungsregeln an Gymnasien sind unmenschlich“, sagt die Mutter. Zudem sei das Gesetz nicht gründlich formuliert. So bleibt völlig unklar, wie die Härtefälle definiert werden. Seit diesem Jahr können übernachgefragte Gymnasien und Sekundarschulen erstmals 60 Prozent ihrer Schüler selbst auswählen. Die meisten nehmen den Notendurchschnitt als entscheidendes Auswahlkriterium. Zehn Prozent der Plätze bleiben Härtefällen vorbehalten. 30 Prozent der Plätze werden verlost. Die CDU fordert eine Korrektur der Aufnahmekriterien. Statt der Losquote soll eine Wohnortquote eingeführt werden.

Auch Lucas Gröbler aus Lichtenrade hofft noch auf einen Platz an seiner Wunschschule, der Carl-Zeiss-Sekundarschule – auf dem Klageweg. Seine Eltern werden den angebotenen Schulplatz an einer ehemaligen Hauptschule in Lichtenberg zum Fristende am heutigen Freitag ablehnen. „Das ist sehr nervenaufreibend für die ganze Familie, denn die Unsicherheit wird wohl noch einige Wochen andauern“, sagt Lucas' Mutter Heike Gröbler. Die Eilverfahren für Schulplatzklagen werden meist erst in den Sommerferien entschieden. Bis dahin will sich die Familie auch nach anderen freien Schulplätzen umsehen. „Wir suchen in alle Richtungen, auch Privatschulen gucken wir uns jetzt an“, so die Mutter. Sollten sie Pech haben und bis zum Schluss ohne Schulplatz bleiben, wird ihnen zu Beginn des Schuljahres eine Schule zugewiesen, die bis dahin noch freie Plätze hat. Das will die Mutter unbedingt verhindern.

Berlinweit haben 93 Prozent der Schüler einen Platz an einer der drei Wunschschulen erhalten. Den meisten der 1800 abgelehnten Kinder wurde ein Angebot im eigenen oder im Nachbarbezirk gemacht. In 158 Fällen sollen die künftigen Siebtklässler weite Wege auf sich nehmen. In Tempelhof-Schöneberg fehlen die meisten Plätze. Dort müssen noch 85 Schüler mit einem Platz versorgt werden. Bisher sind 150 Widersprüche gegen die Ablehnung an der Erstwunschschule im Bezirk eingegangen.

Der Bezirk Neukölln hat jetzt trotz Raumknappheit eine zusätzliche Klasse mit 30 Plätzen am Ernst-Abbe-Gymnasium eingerichtet. Im Bezirk fehlten 42 Gymnasialplätze. Und auch für die übrigen zwölf Schüler soll noch eine wohnortnahe Lösung gefunden werden. Die Kinder hätten sonst in Spandau untergebracht werden müssen. Diesen weiten Weg wollte Schulstadträtin Franziska Giffey (SPD) den Schülern dann doch nicht zumuten.

Jetzt hoffen auch Eltern aus Tempelhof-Schöneberg, dass das Neuköllner Beispiel Schule macht. Doris Dreißig vom Bezirkselternausschuss will das Thema auf der nächsten Bezirksverordnetenversammlung am 18.Mai zur Sprache bringen.

Letzte Hoffnung für viele Schüler bleiben die Privatschulen. Das Galileo-Gymnasium, das zum kommenden Schuljahr eröffnet, rechnet nach Ablauf der Rückmeldefrist in den Schulämtern mit zusätzlichen Anmeldungen.

Die reformpädagogische Schule mit einem speziellen Zug für Hochbegabte befindet sich in der Schlangenbader Straße 3 in Wilmersdorf. Das Schulgeld beträgt je nach Einkommen der Eltern monatlich zwischen 100 und 480 Euro. Am Sonnabend findet hier um 16.30 Uhr ein Infonachmittag für interessierte Schüler und Eltern statt. Das neue Gymnasium ist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln auch aus Schöneberg und Steglitz-Zehlendorf gut zu erreichen.