Lehrermangel

Berlins Schüler sind Mathe-Verlierer

An Berlins Grundschulen werden die fünften und sechsten Klassen in Mathematik und den Naturwissenschaften häufig von fachfremden Lehrern unterrichtet. Die Folge: Schüler verlieren die Lust und liegen ein Jahr oder sogar mehr im Unterrichtsstoff zurück.

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Die Chancen für Berliner Schüler, gute Ergebnisse im Mathematik-Unterricht zu erzielen, stehen schlecht. Denn die Bedingungen sind im Vergleich zu anderen Bundesländern ungleich schwieriger.

Die Mehrheit der Unterrichtsstunden in Mathematik wird in den fünften und sechsten Klassen der Grundschulen von fachfremden Lehrern erteilt. Auch die Naturwissenschaften werden in diesen Jahrgangsstufen mehrheitlich von Pädagogen gelehrt, die dafür keine Ausbildung haben. Das geht aus einer Kleinen Anfrage des bildungspolitischen Sprechers der CDU hervor. Im Schuljahr 2010/2011 werden demnach nur 4768 von insgesamt 11727 Mathe-Stunden in den fünften und sechsten Klassen von Fachlehrern gegeben. Für die rund 371 Grundschulen stehen nur 614 Mathe-Lehrer zur Verfügung. Im Durchschnitt gibt es gerade anderthalb qualifizierte Fachkräfte pro Grundschule für die fünften und sechsten Klassen.

Berliner Schüler sind zurück

In den Naturwissenschaften werden 62 Prozent der 13111 Stunden fachfremd erteilt. Für den naturwissenschaftlichen Unterricht in den oberen Klassen aller Grundschulen gibt es nur 600 Fachlehrer.

Laut Kultusministerkonferenz sind diese Jahrgänge aber die entscheidende Orientierungsstufe für die Oberschulen. In Berlin werden anhand der Noten in den fünften und sechsten Klassen die Förderprognosen für Gymnasien oder Sekundarschulen erteilt. In allen anderen Bundesländern sind die Schüler der fünften und sechsten Klassen bereits an der weiterführenden Schule, wo qualifizierte Fachlehrer zur Verfügung stehen. „Es ist angesichts dieser Zahlen kein Wunder, dass die Berliner Schüler in den Tests im Vergleich zu den anderen Bundesländern immer wieder so schlecht abschneiden“, sagt Sascha Steuer, bildungspolitischer Sprecher der CDU. Die Grundschulen müssten dringend mit den Oberschulen in diesen Fächern kooperieren, fordert Steuer. Nur so könne der Nachteil für die Berliner Schüler im Vergleich zu den anderen Bundesländern ausgeglichen werden. Angesichts dieser Bedingungen werde es schwierig, von Berlin an eine Schule in einem anderen Bundesland zu wechseln. Denn häufig würden die Berliner Schüler um ein Jahr oder sogar mehr im Unterrichtsstoff zurückliegen.

Wenig Interesse an Leistungskurs Mathematik

Besonders beunruhigend ist, dass das Interesse der Oberschüler an den naturwissenschaftlichen Fächern in den vergangenen Jahren nachgelassen hat. Dabei werden angesichts des bevorstehenden Fachkräftemangels gerade in diesen Fächern Studenten dringend gebraucht.

„In der Grundschule muss Neugierde an Mathematik und Naturwissenschaften geweckt werden“, sagt Helmke Schulze, Leiterin des naturwissenschaftlich geprägten Dathe-Gymnasiums in Friedrichhain. Gerade dafür sei es wichtig, dass ausgebildete Lehrer die Fächer unterrichten. Später lasse sich diese Begeisterung nur noch sehr schwer wecken.

Die Folge: Die Zahl der Schüler, die im Abitur einen Leistungskurs Mathematik oder Physik belegen, stagniert oder ist sogar rückläufig. Während 2007 beispielsweise noch zehn Prozent der Abiturienten eine Leistungskursprüfung in Chemie ablegten, waren es 2010 nur noch 8,4 Prozent. In Mathematik ging die Quote im gleichen Zeitraum von 30,4 auf 27,6 Prozent zurück. Nur zwei Sekundarschulen und 20 Gymnasien haben ein ausgeprägtes naturwissenschaftliches Profil. Die Verteilung über die Bezirke ist sehr verschieden. So hat Spandau vier solcher Profil-Oberschulen und Tempelhof-Schöneberg gar keine.

Lehrer-Nachwuchs fehlt

Besserung ist kaum in Sicht, denn es fehlt auch an Lehramtsstudenten, die in den gefragten Fächern ihre Ausbildung abschließen. 2009 gab es nur 22 Lehramts-Absolventen mit dem ersten Fach Mathematik, im Jahr zuvor waren es 38. Absolventen mit dem Erstfach Informatik gab es im Jahr 2009 gerade sechs. 2008 waren es noch 16.

Auch an den weiterführenden Schulen werden die Lehrer in den Naturwissenschaften dringend gesucht. „Die Absolventen haben kein Interesse, an die Grundschulen zu gehen, schließlich verdienen sie als Studienrat am Gymnasium eine ganze Gehaltsstufe mehr“, sagt Rose-Marie Seggelke, Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW. Dieses Dilemma sei nur zu lösen, wenn man die Grundschullehrer besser bezahlen würde. Während die Oberschulen in Chemie oder Physik auf Quereinsteiger aus der Praxis zurückgreifen, seien diese für Fünft- und Sechstklässler nicht zu gebrauchen, so Seggelke. Schon an den Gymnasien gebe es oft Probleme, wenn Wissenschaftler mit Schülern arbeiteten.