Ermttlungen

Missbrauch in Steglitz war der Kirche bekannt

Ein katholischer Pfarrer soll in den 90-er Jahren in der Steglitzer Rosenkranz-Gemeinde einen 16-Jährigen sexuell missbraucht haben. Nach Informationen von Morgenpost Online hat die Diözese den Fall verschwiegen.

Der katholischen Kirche in Berlin droht eine neue unangenehme Diskussion über ihren Umgang mit Missbrauchstaten von Geistlichen. Anlass ist der am Wochenende bekannt gewordene Fall eines heute 52-jährigen Pfarrers aus Reinickendorf, der beschuldigt wird, in den neunziger Jahren als Kaplan in Steglitz einen damals 16-Jährigen sexuell missbraucht zu haben. Im Brennpunkt steht dabei weniger das Delikt selbst als vielmehr die Tatsache, dass der Fall der Diözese bekannt war, der Pfarrer aber dennoch in seinem Amt belassen wurde.

Noch scheint völlig unklar, was genau damals passierte und wie der Vorfall heute juristisch zu bewerten ist. Eines wird dennoch bereits deutlich: Von der Offenheit und Konsequenz, mit der die Kirche inzwischen Missbrauchsfälle in den eigenen Reihen behandelt und auch ahndet, war sie Mitte der neunziger Jahre, als dieser Fall passierte, ganz offenbar noch sehr weit entfernt. Das sei in diesem Fall in der Tat der wunde Punkt, bekannte Bistumssprecher Stefan Förner am Montag.

Wann genau der mutmaßliche Missbrauch stattfand, dazu machte Förner keine Angaben. Nach Informationen von Morgenpost Online soll es zwischen 1995 und 1997 zu der Tat gekommen sein. Förner teilte lediglich mit, es habe einen Verdacht gegen den damaligen Kaplan in der Steglitzer Rosenkranz-Gemeinde gegeben, dieser sei daraufhin vom damalige Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky zum Gespräch zitiert worden. „Das Gespräch fand seinerzeit unter vier Augen statt, danach hieß es, der Fall sei erledigt, weitere Einzelheiten wurden nicht bekannt “, sagte Förner.

Was genau passierte, dass ist jetzt Gegenstand der inzwischen eingeleiteten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Die muss, wie in vielen ähnlichen Fällen zunächst prüfen, ob der Fall inzwischen verjährt ist. Auch die Erzdiözese Berlin hat inzwischen Untersuchungen eingeleitet und den Pfarrer, der zuletzt in der Gemeinde St. Marien in Reinickendorf tätig war, von seinem Amt entbunden. Bislang halten sich alle Beteiligten mit Äußerungen zurück und auch die Gläubigen von St. Marien möchten über ihren Pfarrer und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe nicht sprechen. Der beschuldigte Pfarrer selbst ist für die Presse nicht zu sprechen, das mutmaßliche Opfer möchte derzeit ebenfalls unerkannt bleiben. Und den Kardinal kann auch niemand zu dem damaligen Vorgang befragen: Georg Kardinal Sterzinsky ist schwer krank.

Mühsame Rekonstruktion

Man wisse zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich nur, dass zwischen dem Pfarrer und dem Jugendlichen irgend etwas passiert sei, was genau es war, müsse jetzt mühsam rekonstruiert werden, hieß es am Montag aus Ermittlerkreisen. Über den beschuldigten Pfarrer weiß man, dass er 1994 zum Priester geweiht wurde. Zuvor hatte der in Hermsdorf geborene Mann eine Ausbildung zum Bankkaufmann und ein Betriebswirtschaftsstudium absolviert.

Die Erzdiözese Berlin ist wie andere Bistümer auch gerade in den vergangenen zwei Jahren häufig mit Missbrauchsfällen konfrontiert worden. Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses standen dabei vor allem die Vorfälle am Canisius-Kolleg. Nach Jahrzehnten des Verschweigens hatte sich die katholische Kirche neu positioniert, Missbrauchstaten durch Geistliche ohne Einschränkung als Verbrechen bezeichnet und angekündigt, auf diese entsprechend konsequent zu reagieren. Kardinal Sterzinsky war dabei einer der Voreiter des neuen Weges. Umso tragischer ist es, dass er jetzt möglicherweise in den Mittelpunkt eines Falles gerät, der die Sünden früherer Jahre deutlich macht.

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