Grüne in Mitte

Warum Andrea Fischer Bürgermeisterin sein will

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Joachim Fahrun

Foto: picture-alliance / Sven Simon

In Berlin-Mitte geht bei den Wahlen im September für die Grünen die frühere Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer als Bürgermeisterkandidatin an den Start. Morgenpost Online sprach mit der 51-Jährigen darüber, warum sie in die Tiefen der Kommunalpolitik eintauchen will.

Morgenpost Online: Frau Fischer, als Sie 2002 als Ministerin zurücktraten, haben Sie den Eindruck vermittelt, genug von Politik zu haben. Waren Sie nicht ausgelastet in ihrer freiberuflichen Tätigkeit als Beraterin in der Gesundheitsbranche?

Andrea Fischer: Ich bin vollkommen ausgelastet. Aber Bürgermeisterin in Mitte zu sein ist eine reizvolle Aufgabe, die ich stattdessen machen könnte.

Morgenpost Online: Was reizt eine Ex-Bundesministerin, in die Tiefen der Kommunalpolitik einzutauchen?

Fischer: Politik betrifft in der Kommune die normalen Bürger unmittelbar. Da wird viel für das praktische, alltägliche Zusammenleben der Menschen entschieden. Das finde ich sehr spannend.

Morgenpost Online: Gab es denn in den vergangenen Jahren Kontakte zur Kommunalpolitik in Mitte?

Fischer: Ich habe in den letzten Jahren überhaupt keine aktive Politik bei den Grünen gemacht. Ich habe mich anderweitig ehrenamtlich engagiert. Dann haben mich die Grünen aus Mitte gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte.

Morgenpost Online: Sie arbeiten ja in Mitte. Wohnen Sie dort auch?

Fischer: Ich wohne in Charlottenburg, das ist ja nicht so weit weg. Aber ich bin eine überzeugte Herzensberlinerin. Deswegen ist die Frage nicht entscheidend, ob ich jetzt genau in dem Bezirk antrete, in dem ich auch wohne.

Morgenpost Online: Hätten Sie auch für einen anderen Bezirk kandidiert oder nur im Hauptstadtbezirk Mitte?

Fischer: Ich hätte genauso über einen anderen Bezirk nachgedacht, aber aus Mitte sind sie zu mir gekommen.

Morgenpost Online: Wie schätzen Sie ihre Chancen ein, Bürgermeisterin zu werden gegen die Hauptkonkurrenz SPD?

Fischer: Die Grünen haben in den letzten Jahren, bei der Europawahl und bei der Bundestagswahl, in Mitte deutlich zugelegt. Und wir sind insgesamt in einer positiven Phase. Wir haben eine reelle Chance, den Bürgermeister in Mitte zu stellen.

Morgenpost Online: Stehen Sie auch als Stadträtin zur Verfügung, falls es nicht reichen sollte?

Fischer: Prinzipiell ja. Das muss die Bezirksgruppe hinterher entscheiden. Ich vermute, dass die Grünen weiter Sozialstadtrat Stefan von Dassel haben wollen, schließlich macht der gute Arbeit.

Morgenpost Online: Es gibt ja die glamouröse Mitte und dann gibt es Wedding oder Moabit mit enormen sozialen Problemen. Sehen Sie da einen besonderen Schwerpunkt?

Fischer: Mich reizt natürlich, dass dieser Bezirk enorme Differenzen in sich vereinigt. Eine der ganz großen Aufgaben für die Zukunft wird sein, wie so ein Bezirk eine Gemeinschaft bleibt und wie die verschiedenen Leute überhaupt noch etwas miteinander zu tun haben. Und wie kann man sicherstellen, dass auch Menschen aus schwierigen sozialen Verhältnissen nicht zurückgelassen werden.

Morgenpost Online: Aber hat man in der Kommunalpolitik dafür die Instrumente? Die Bezirke klagen doch immer, sie hätten kein Geld und sie könnten nichts machen.

Fischer: Selbstverständlich gibt es viele Gründe, darüber zu klagen, dass Kommunen nicht genug machen können. Als Bürgermeisterin wäre ich bestimmt auch öfter mal verärgert. Aber das ist die Herausforderung, unter schwierigen Bedingungen etwas zu erreichen für die Leute. Das schreckt mich nicht ab.

Morgenpost Online: Wie sehen Sie das Thema Verdrängung von armen Leuten aus der Innenstadt? Ist da in Alt-Mitte schon alles passiert?

Fischer: Das ist noch nicht irreversibel passiert. Deswegen muss kommunale Politik natürlich darauf achten, dass es nicht nur schicke, teure Dachwohnungen gibt.

Morgenpost Online: Die Grünen schicken Renate Künast und Sie, zwei prominente Frauen, ins Rennen. Kommen Sie sich da in die Quere im Wahlkampf?

Fischer: An diese Möglichkeit habe ich überhaupt noch nicht gedacht. Wir bekommen gerade relativ viel Zustimmung. Da macht es doch Sinn, zu versuchen, auch in einzelnen Bezirken die Rathäuser zu gewinnen. Das kann sich nur gegenseitig befruchten.

Morgenpost Online: Ihre Partei stellt ja nicht nur in Mitte Bürgermeister-Kandidaten auf, sondern auch in anderen Bezirken. Ist das ein Anzeichen dafür, dass die Grünen Volkspartei sind und nicht mehr nur auf Platz spielen?

Fischer: Wir haben jetzt eine neu uns zugewiesene Verantwortung. Die nehmen wir auf.

Morgenpost Online: Werden Sie versuchen, den Wahlkampf gegen Bürgermeister Christian Hanke von der SPD auch zu personalisieren? Die Bezirksbürgermeister in Berlin sind ja nicht so vielen Wählern überhaupt bekannt.

Fischer: Ich gehe davon aus, dass so ein Bezirkswahlkampf relativ wenig Aufmerksamkeit bekommt über den Bezirk hinaus. Denn da geht es ja auch um relativ nahe liegende Themen. Dazu muss ich mich als Kandidatin verhalten. Aber es kann auch hilfreich sein, als Kandidatin oder Bürgermeisterin mal von außen auf Probleme zu gucken.

Morgenpost Online: Aber wenn es um Details geht, wie wollen Sie da bestehen gegen einen Amtsinhaber?

Fischer: Ich bin in der Lage, mich schnell in neue Themen einzuarbeiten. Das habe ich gemacht, als ich Gesundheitsministerin wurde, das werde ich in Mitte auch tun.