Berliner Initiative

iHateGossip – Schüler gegen Cyber-Mobbing

Nach der brutalen Attacke auf einen 17-Jährigen wehren sich Jugendliche der Berliner Fichtenbergschule mit der Aktion „iHateGossip" gegen Cyber-Mobbing.

Nach dem Überfall von 20 Jugendlichen auf einen 17-Jährigen hat die erste Berliner Schule reagiert. Die Fichtenbergschule in Steglitz will sich mit dem Phänomen der Internet-Pöbeleien nicht abfinden und startete eine Gegenaktion. In der Eingangshalle der Schule zeigten die Schülervertreter Bent Neumann und Niklas Maamar am Mittwoch ihren Aufruf gegen Cyber-Mobbing: eine klassentafelgroße Fläche, vollgeschrieben mit Namen von Schülern, die nicht einverstanden sind, dass Mitschüler von Mitschülern im Internet anonym fertig gemacht werden. "iHateGossip" steht in der Mitte der Tafel.

Mittlerweile interessieren sich auch andere Schulen für die Initiative der Schülervertreter. "Seit wir miteinander diskutiert haben, gibt es bei isharegossip keine Mobbing-Einträge mehr von unseren Mitschülern", sagt der achtzehnjährige Bent Neumann. "Wir rufen dazu auf, mit couragierten Einträgen auf die perverse Nutzung der Seite aufmerksam zu machen."

Schuldirektor Rainer Leppin ist begeistert vom Projekt seiner Schüler. Er hat sie dabei unterstützt. "Uns ist von einigen Seiten vorgeworfen worden, wir würden die Internetseite mit unserer Initiative noch bekannter machen. Wir haben uns trotzdem dafür entschieden, sehr offensiv mit dem Thema umzugehen", sagt er "Bisher waren wir ja auch sehr erfolgreich."

Opfer geht es besser

Dem Opfer des brutalen Überfalls vom Sonnabend geht es nach Polizeiangaben zunehmend besser. Der 17-jährige Bahadir D. ist am Dienstag aus dem Krankenhaus entlassen worden. Allerdings befindet er sich weiterhin in ärztlicher Behandlung.

Unterdessen sucht die Polizei mit Hochdruck nach den übrigen Tätern. Sechs Tatverdächtige im Alter von 14 bis 18 Jahren waren bereits am Montag von der Polizei ermittelt und festgenommen worden. Dabei handelt es sich um drei Mädchen und drei Jungen, darunter einen 16-Jährigen, der der Polizei bereits als Intensivtäter bekannt ist. Nach derzeitigem Ermittlungsstand geht die Polizei davon aus, dass die Mädchen an den Tritten und Schlägen auf Bahadir D. nicht beteiligt waren. Daher wurden sie aus dem Polizeigewahrsam entlassen. Auch die drei männlichen Jugendlichen kamen frei, nachdem sie einem Haftrichter vorgeführt worden waren. Ob es sich bei den Tätern, um Schüler der Carl-Bosch-Oberschule in Hermsdorf handelt, ist nach Polizeiangaben unklar.

Beim Umgang mit den Internet-Beleidigungen raten Experten zu Gelassenheit. Die Anonymität der Seiten sei allerdings ein Ansporn, die "Sau raus zu lassen", weiß Susanne Schumacher. Die Journalistin ist Mitinitiatorin der Stalking Opferhilfe Berlin und berät auch den Bundestag. Ihr Verein hat immer öfter mit Opfern von Cyber-Stalking und -Mobbing zu tun. "Ich rate den Opfern dazu, offen mit dem Problem umzugehen", sagt Schumacher. Auf jeden Fall müssten die Eltern und die Schulleitung informiert werden. "Je mehr Leute über einen Fall Bescheid wissen, desto größer ist die Hemmschwelle für die Täter, weiterzumachen."

Entsprechende Internetseiten meiden

Danach gelte es, die Quelle der Attacken möglichst zu ignorieren. "Opfer von Mobbing im Internet werden oft geradezu süchtig danach, permanent online zu sein und nachzuschauen, wer wieder was gepostet hat", sagt Schumacher. Besser jedoch als online einen Kleinkrieg mit den Hetzern anzufangen, sollten die Opfer versuchen, die entsprechenden Internetseiten zu meiden. "Frei nach dem Motto: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß", meint Schumacher. Schumacher plädiert für mehr Aufklärung im Umgang mit dem Internet – aber nicht nur an Schulen. "Auch Eltern müssen besser aufgeklärt werden."

Obwohl der Server von isharegossip im Ausland steht – rechtliche Konsequenzen haben im Internet geäußerte Beleidigungen trotzdem. "Egal ob im Internet oder auf der Straße – wer 'Schlampe' genannt wird, kann einen Strafantrag wegen Beleidigung stellen", sagt Mareke Aden, Sprecherin des Bundesjustizministeriums. Gegen Lästereien im Internet könne man zudem zivilrechtliche Ansprüche geltend machen – vom Widerrufsanspruch bis zum Schmerzensgeld. Noch gravierendere Konsequenzen hätten Amoklauf-Drohungen. Für solche "Störungen des öffentlichen Friedens durch die Androhung von Straftaten" sieht das Strafgesetzbuch eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren vor.

Juristisches Vorgehen

Allerdings ist das juristische Vorgehen gegen die Pöbel-Seite schwer. "Ein grundsätzliches Verbot der vollständigen Seite ist schwer durchsetzbar, auch wenn es zu wiederholten Rechtsverletzungen kommt", sagt der Berliner Medien- und Internetanwalt, Helge Reich. Die Seite stelle nur ein Forum zur Verfügung und liefere die Inhalte nicht selbst, deswegen seien die Möglichkeiten begrenzt, dagegen vorzugehen. "Solange nicht konkrete Aufrufe zu Straftaten durch die Betreiber selbst stattfinden, dürfte eine strafrechtliche Verfolgung schwierig sein", sagt Reich. Allerdings könnten zivilrechtlich Unterlassungen und Geldentschädigungen gefordert werden. Nach Ansicht des Internet-Experten besteht die Möglichkeit, den Betreiber auf seine Prüfpflichten hinzuweisen. Wenn auf der Seite wiederholt Beleidigungen gegenüber anderen ausgesprochen würden, könne der Betreiber dazu verpflichtet werden, die Inhalte vorab zu prüfen.

Der Anwalt spricht sich außerdem für einen schnellen und effektiven Opferschutz aus. "Um diesen zu gewährleisten, muss sichergestellt sein, dass Unterlassungsansprüche möglichst schnell und rechtswirksam durchgesetzt werden können, um vor Mobbing und Beleidigungen zu schützen", sagte Reich. Dafür stünden derzeit keine geeigneten Mittel zur Verfügung. "Ein Betroffener wird daher faktisch schutzlos gestellt, da er niemanden zur Verantwortung ziehen kann."

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.