isharegossip

Cyber-Mobbing - Zöllner nimmt Eltern in Pflicht

Ende März will Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) mit Schulen, Eltern und Experten über Internet-Mobbing beraten. Bei möglichen Maßnahmen gegen Verleumdungskampagnen warnt er jedoch vor Schnellschüssen.

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Morgenpost Online: Herr Zöllner, reicht es aus, die Internetseite „isharegossip“ auf den Index zu setzen? Warum wird sie nicht gesperrt?

Jürgen Zöllner: Das kann ich nicht entscheiden. Aber ich meine sicher, dass man sich um diesen konkreten Fall kümmern muss. Ich warne aber vor der Illusion, dass man damit das Problem löst.

Morgenpost Online: Bedarf es neuer gesetzlicher Regelungen um solche Internethetze einzudämmen?

Zöllner: Ich finde, dieser Vorfall ist auf jeden Fall geeignet um Folgendes bewusst zu machen: Hier haben wir eine neue Qualität von Cyber-Mobbing. Aber Schnellschüsse, wie sie in dieser Gesellschaft so beliebt sind, führen nur dazu, dass man ein paar Monate seine Hände in Unschuld waschen kann. Man hat schnell irgendwas gemacht, aber das Problem nicht gelöst. Und gerade beim Thema Internet haben wir schon oft gesehen – rechtliche Lösungen zu schaffen, die etwas bringen, ist nicht einfach. Da sollte man lieber etwas sorgfältiger die Folgen bedenken.

Morgenpost Online: Also erst mal Experten zusammen setzen…

Zöllner: Natürlich. Aber es gibt auch schon mehrere Ansätze, die eine gute Basis bilden. Wir müssen uns verstärkt um die Umsetzung der Anti-Gewalt-Programme und Anti-Mobbing-Programme kümmern, die es natürlich in Berlin schon gibt. Zweitens muss die Medienkompetenz in diesem Zusammenhang verstärkt geschult werden. In den letzten fünf Jahren haben immerhin 27.000 Lehrkräfte Fortbildungen zur Medienkompetenz besucht, um auch Jugendliche vor den Gefahren des Missbrauchs sensibilisieren zu können. Die Möglichkeiten, in Online-Foren zu kommunizieren, fangen ja immer spielerisch an und entwickeln plötzlich Dimensionen, die von den Jugendlichen oft nicht so gewollt waren. Wir sind in Berlin auf verschiedenen Ebenen aktiv: Elternarbeit, Schülerarbeit und kontinuierliche fachübergreifende Treffen bildenden Schwerpunkte der Maßnahmen.

Morgenpost Online: Wer muss da jetzt aktiver werden? Die Länder oder auch der Bund?

Zöllner: Die Verantwortung dafür, junge Menschen auch auf diese Dimension der Internetnutzung hinzuweisen, ist ganz klar Länderkompetenz also Aufgabe von Schule. Aber das Internet und seine Kommunikationsmöglichkeiten entwickeln sich rasend schnell. Da haben sich jetzt Kommunikationsformen entwickelt, die junge Menschen nutzen – das ist so nicht steuerbar und auch nicht vorhersehbar gewesen. Ich schäme mich nicht, dass ich es nicht geahnt habe. Wir haben das Grundproblem erkannt und wir haben ja auch bereits Medienkompetenzprogramme in der Schule eingerichtet, aber wir müssen diesem neuen Aspekt wohl stärkere Beachtung in der Umsetzung schenken.

Morgenpost Online: Welche Schritte wird die Bildungsverwaltung jetzt unternehmen?

Zöllner: Es gibt bereits das Internet-Seepferdchen in den Grundschulen, für den Sekundarbereich ist etwas Ähnliches in Arbeit, das bald startet. Wir müssen jetzt nur noch einmal schauen, ob die geplanten Module auch den jetzt neuen Erkenntnissen über Formen des Missbrauchs entsprechen. Auch die Beratungskompetenz der Schulen muss man sicher in diesem Bereich noch verstärken.

Morgenpost Online: Wie könnte das aussehen?

Zöllner: Wir haben ja einen sehr guten schulpsychologischen Dienst und ein gut ausgebautes System der Gewaltprävention. Da gilt es nun zu schauen, wo Ergänzungen nötig werden.

Morgenpost Online: Sie haben ein Fachgespräch zum Thema Cyber-Mobbing anberaumt. Was soll dabei herauskommen?

Zöllner: Ich tue nicht so, als wüsste ich immer alles. Ich warte erst einmal ab, was diejenigen dann zu sagen haben, die mit dem Thema täglich konfrontiert sind. Ein Senator kann da sicher eine Menge wertvoller Hinweise bekommen.

Morgenpost Online: Brauchen wir auf lange Sicht ein Unterrichtsfach Medienkompetenz?

Zöllner: Eine ganz typische Frage. Wenn Kinder laut Statistik durchschnittlich zu dick sind, dann soll sofort Ernährungsunterricht eingeführt werden. Ich muss der Medienkompetenz verstärkt Aufmerksamkeit widmen in der Schule. Das tun wir, aber wir stellen unsere Maßnahmen nach den neuen Vorfällen jetzt noch einmal auf den Prüfstand. Das ist keine Schande, wenn man dazu lernt, auch als Schule und auch als Politiker.

Morgenpost Online: Wie sieht es denn mit der Medienkompetenz der Eltern aus?

Zöllner: Eltern müssen auf jeden Fall auch mal überprüfen, was ihre Kinder so im Internet tun. Und sie sollten auch besser Bescheid wissen, ich sage das jetzt ganz ohne Vorwurf. Die Eltern müssen es vor allen Dingen schaffen, dass ihre Kinder Vertrauen zu ihnen haben, dass sie selber ihnen erzählen, was sie im Internet erleben. Und dann dürfen die Erwachsenen nicht sagen „Was soll denn der Quatsch?“. Jugendliche brauchen ein offenes Ohr, gerade wenn sie dort beschimpft werden. Eltern müssen das bewerten können – auch um eventuell die Polizei einzuschalten. Diese Art von Mobbing ist kein Kavaliersdelikt. Bei uns im Haus wird jetzt mit dem Landeselternausschuss ein Konzept erarbeitet, wie man Eltern in diesen Dingen besser schulen kann. Das ist in Arbeit, denn Schule muss viel mehr ein Ort des Zusammenspiels nicht nur von Lehrern und Schülern, sondern auch der Eltern werden. Darum soll jetzt ein Kursangebot für Medienkompetenz für die Eltern erstellt werden.

Morgenpost Online: Mobbing gehört an Berliner Schulen zum Alltag. Müssen wir uns an ein solch verrohtes Klima gewöhnen?

Zöllner: Ich glaube nicht, dass es eine Verrohung von Gesellschaft oder Jugendlichen gibt. Es ist eher so, dass das Internet den Umgang mit Privatheit verändert hat – und dadurch auch mehr Verletzlichkeit des Einzelnen offen legt. Und wir stecken noch in den Kinderschuhen dieser Entwicklung. Ich sage voraus: Es wird eine Dauerbeschäftigung von uns sein, auf die Gefahren, die eine jeweils neue Nutzungsform auch mit sich bringt, zu reagieren.