Bebauung

Mauerpark soll eine grüne Oase bleiben

Abenteuerland, Flohmarkt, Karaoke: Die Dinge, wofür der Mauerpark in Prenzlauer Berg berühmt ist, könnten bald verschwunden sein. Doch Anwohner wehren sich gegen die Bebauung am Rand der Anlage. Ein Kompromiss ist derzeit nicht in Sicht.

Foto: Massimo Rodari

Frühling im Mauerpark: Junge Frauen und Männer dösen in der Sonne, Hundewelpen balgen sich, ein Rasta-Mann wirbelt Bälle durch die Luft, Kinder hängen lachend in einem Klettergerüst und Jugendliche kicken auf Jacken-Tore. Eine Idylle, mitten in der Großstadt.

Doch viele Berliner denken bei dem Grünstreifen am ehemaligen Mauerverlauf zwischen Prenzlauer Berg und Wedding längst nicht mehr an Idylle, sondern an Streit. An einen erbitterten Kampf um ein Projekt, das dessen Gegner „Mauerpark 21“ getauft haben – in Anlehnung an den umstrittenen Bahnhofsumbau „Stuttgart 21“. Die Anwohner, die die weitere Bebauung des Mauerparks ablehnen, treffen sich im Café Niesen nördlich des Gleimtunnels. Dort platziert Frank Möller zwischen Werbezetteln für Yoga-Kurse, Kampfkunst für Kleinkinder und Gestalttherapie einen neuen Stapel Flugblätter der Bürgerinitiative „Welt-Bürger-Park“. Denn diese Flyer gehen hier schneller weg als alle anderen.

Das kleine Lokal ist die Zentrale derjenigen, die sich seit Jahren gegen eine Bebauung des nördlichen wie südlichen Endes des Parks durch das Immobilienunternehmen Vivico wehren. Sie würden das umkämpfte Gelände mit Stiftungs- und Spendengeldern am liebsten selbst kaufen und als Grünfläche erhalten. In der vergangenen Woche stellte die Vivico die Ergebnisse des städtebaulichen Wettbewerbs vor, doch noch ist völlig offen, ob einer von diesen überhaupt realisiert werden. Der Baustadtrat von Mitte scheiterte erst vor kurzem mit dem Versuch, zwischen den verschiedenen Bürgerinitiativen und der Vivico zu vermitteln. „Also, um das noch einmal klar zu sagen: Was Vivico da angeboten hat, war wie ein Kubikmeter Granit auf den Schädel“, sagt Möller in die Runde seiner Mitstreiter. „Das war nicht ansatzweise ein Kompromiss.“ Die anderen Männer und Frauen nicken. Dann werden die nächsten Aktionen besprochen: Welche Bands spielen bei der Vollversammlung am 30. April im Amphitheater? Wer verteilt Flugzettel? Welche Prominenten können für einen Stiftungsrat gewonnen werden?

Schräg gegenüber, auf der Jugendfarm Moritzhof, hat die neunjährige Viola andere Probleme: Wie kommt sie aufs Pferd? Das Wetter könnte zum Reiten nicht schöner sein: Auch am späten Nachmittag liegen die Gehege des Kinderbauernhofes noch in der Sonne. Das wäre nicht mehr möglich, wenn das gegenüberliegende Areal bebaut würde. „Wir werden uns dann hier wohl eher wie in einer Streichholzschachtel fühlen“, sagt Valeska Sticher, Diplom-Pädagogin und gelernte Pferde-Wirtin, nachdem sie Viola aufs Pony geholfen hat.

Der Hahn kräht um 5 Uhr

Im Sommer lassen die Mitarbeiter der Jugendfarm die Ziegen und Schafe auf die Wiesen vor dem Hof. „Diese Fläche wäre dann ja quasi der verlängerte Vorgarten der neuen Nachbarn“, sagt Valeska Sticher. Sie ist realistisch: „Mist riecht nach Mist, der Hahn kräht morgens um 5 Uhr, und Kinder machen Lärm – das werden die neuen Anwohner bestimmt nicht toll finden.“ Und außerdem könnten Viola und ihre Freunde dann nicht mehr in die Savanne. So nennen sie das kleine Gebiet am nördlichen Parkende, in dem Büsche und Gräser mannshoch gewuchert sind. Für die Erwachsenen ist die Brache kostbares Bauland, für die Kinder ein Abenteuerland.

Max Kant sucht sein Abenteuer in der Höhe. In atemberaubender Geschwindigkeit erklimmt der durchtrainierte 48-Jährige die 15 Meter hohe Schwedter Nordwand, den Kletterfelsen nahe der S-Bahntrasse. Oben angekommen, könnte er theoretisch in die Fenster des vierten Stockwerks der geplanten Gebäude schauen. Doch statt die Aussicht zu genießen, seilt er sich ab und ist in Sekundenschnelle wieder am Boden. Einen Konflikt mit neuen Anwohnern fürchtet der Industriedesigner nicht: „Wir Kletterer machen schließlich keinen Lärm.“ Spricht es und klettert ein weiteres Mal den Felsen hoch.

Ziemlich laut werden aber die Gitarrenspieler, Trommler und Saxofonisten. „Dass hier Bands spielen, gleichzeitig gegrillt wird, Leute feiern – das macht diesen Ort doch gerade aus“, sagt Christian Trittel, der gemeinsam mit Freundin Antje Eismann auf einem Mäuerchen sitzt und die Sonne genießt. Der selbstständige Qualitätsmanager wohnt unweit des Parks an der Kopenhagener Straße. Dass am Falkplatz vor der Max-Schmeling-Halle nicht mehr gegrillt werden darf, findet er gut. „Ich fände es auch nicht toll, wenn bei mir die Rauchschwaden ins Wohnzimmer ziehen würden“, sagt Trittel. Doch den Mauerpark ohne die legendären Karaoke-Nachmittage mag er sich nicht vorstellen. Derartige Konflikte mit neuen Anwohnern könne man problemlos vermeiden, sagt Freundin Antje Eismann. „Warum lässt man nicht einfach alles so, wie es ist“, sagt sie. Diesen Spruch hört man in Prenzlauer Berg immer öfter – auch beim Streit um den Ausbau der Kastanienallee.

Flohmarkt zieht Besucher an

Wie so viele andere fürchtet auch Murat Artuc, Besitzer des Cafés Al Muretto an der Eberswalder Straße, die Veränderung. Er profitiert seit langem vom Ruf des Mauerparks und den vielen Besuchern, die gerade am Wochenende zu den Open-Air-Partys strömen. „Am Sonntag ist es immer voll“, sagt Artuc. Am Wochenende habe er genauso viele Gäste wie an allen übrigen fünf Tagen einer Woche. Vor allem der Flohmarkt ziehe Tausende Touristen und Berliner zum Mauerpark. Wo derzeit noch regelmäßig getrödelt wird, möchte die Vivico Gewerbe ansiedeln: Büros, Einzelhandel, vielleicht einen Supermarkt. In welcher Form der Flohmarkt dann weiterbestehen könnte, ist völlig unklar.

Es wird Abend im Mauerpark: Anstelle der Mütter mit ihren Kinderwagen bestimmen nun Jugendliche die Szene. Freya Astrup ist in Prenzlauer Berg aufgewachsen, für die 18-Jährige sind die Steintribünen in der Mitte des Parks der Treffpunkt Nummer eins. „Das Tolle ist, dass man hierher auch alleine kommen kann, weil man immer irgendjemanden trifft“, sagt die 18-Jährige. Der Mauerpark habe ein ganz besonderes Flair, das es so in Berlin nicht noch einmal gebe. Die beiden Gitarrenspieler, die hoch oben auf dem Kamm des Hügels sitzen, singen „Get up, stand up, don't give up the fight!“ Es klingt wie das Motto für all diejenigen, die am Mauerpark nichts verändern wollen.