Umgestaltung

Kreative bekommen in Kreuzberg eine neue Heimat

Der Kreuzberger Moritzplatz soll zum kreativen Zentrum werden. Ab Mai ziehen Läden, Werkstätten, Theater und Kita ins Aufbau-Haus. Auch entlassene Strafgefangene sollen hier unterkommen.

Foto: Marion Hunger

Der Moritzplatz in Kreuzberg hat eine Zukunft. Sie wächst im Rohbau heran, der an der Oranien-/Ecke Prinzenstraße hinter Bauzäunen und Planen steht. Staubig und laut geht es innen zu, bei den letzten Bauarbeiten. Doch Andreas Krüger von der Firma Modulor hat eine Vision für das Haus und seine Umgebung vor Augen. Seine GmbH ist eines von mehr als 60 Unternehmen, Projekten und Initiativen, die ab Mai einziehen. Auch eine Kita, ein Theater, ein Buchladen und ein Café siedeln sich an. Das „Kreativhaus“, wie es von den künftigen Nutzern genannt wird, soll auf den gesamten Platz ausstrahlen und ihn beleben. Mitte Mai eröffnen die Läden, Mitte Juni das gesamte Haus.

Eine Art Marktplatz entsteht

Noch kreischen Sägen im Gebäude, rumpeln Gabelstapler über den Hof. Bei jedem Schritt durch die riesigen Etagen wirbelt Staub auf. Modulor-Geschäftsführer Andreas Krüger, der gelernter Tischler, Bootsbauer und Diplomkommunikationswirt ist, führt durch das Haus, das seit Monaten um- und ausgebaut wird. Es stammt aus der Zeit um 1970. Der Aufbau-Verlag hat es gekauft und wird etwa ein Drittel der Fläche beziehen, hauptsächlich in den oberen Etagen. Auf zwei Dritteln, etwa 14000 Quadratmeter, soll sich das Vorha ben „Planet Modulor“ ausbreiten.

Die Modulor GmbH aus der Gneisenaustraße zieht ein und nutzt etwa die Hälfte davon. Sie bietet für kreativ Tätige Materialien, Produkte und Werkzeuge der verschiedensten Art an: Von der Gummimatte bis zur Strohseide, von Sackleinen über Alu-Bleche, Hosenträgergummiband bis zu Blattsilber und Muschelgold, Sägen und Schneidemaschinen. Mehr als zwei Millionen Euro investiert das Unternehmen in den Umzug.

Um Modulor herum gruppieren sich im umgebauten Haus Werkstätten, Läden, Ateliers, Studios und Kursräume – fast wie ein Planet. Es gibt auch Bildungsangebote für kreativ Tätige wie Designer und Modellbauer. Eine Art Marktplatz solle entstehen, an dem Menschen arbeiten, sich begegnen und kommunizieren, sagt Andreas Krüger. Teil der Vielfalt sei auch eine Anlaufstelle für junge, entlassene Strafgefangene, in Kooperation mit der Jugendstrafanstalt in Plötzensee. Die Jugendlichen würden von einem Bildungsträger betreut und im Haus qualifiziert werden. An der Ecke zum Moritzplatz wird der Buchladen einziehen. Auch das Café und das Theater werden sich im Erdgeschoss befinden. „Es wird in diesem Haus auch ein Leben nach 20 Uhr geben“, sagt Andreas Krüger.

Eine Vision, die beim Bezirk Zustimmung findet. Denn der Moritzplatz hat Belebung dringend nötig. Er sei eine der ärmsten und schwächsten Regionen in der Stadt, sagt Friedrichshain-Kreuzbergs Wirtschaftsstadtrat Peter Beckers (SPD). „Abends ist der Platz wie tot.“ Er solle durch Veranstaltungen wie Lesungen, Ausstellungen und Workshops belebt werden.“ Deshalb befürwortet der Bezirk ein Projekt des Vereins Planet Modulor, der sich gegründet hat, um den Moritzplatz zu beleben und zu verschönern.

Ein „Kreatives Netzwerk Moritzplatz“ soll von April 2011 bis März 2013 auf- und ausgebaut werden. Planet Modular gehört dazu und weitere Anlieger, wie etwa das Beta-Haus der GSG, in dem Freiberufler und Start-up-Unternehmen arbeiten, und die Prinzessinnengärten. Das Netzwerk soll Vorschläge machen, wie das ehemalige Wertheim-Grundstück entwickelt werden kann. Schmuddelecken am Platz sollen verschwinden. Anwohner können ihre Ideen einbringen. Stadtfest und Wochenmarkt sind angedacht. In das Projekt „Kreatives Netzwerk Moritzplatz“ sollen 304000 Euro investiert werden. Davon kommen 120000 aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung. Die übrige Summe soll der Verein aufbringen. Das bezirkliche Bündnis für Wirtschaft und Arbeit in Friedrichshain-Kreuzberg habe dem Antrag des Planet Modulor e.V. für das Kreative Netzwerk zugestimmt, sagte Wirtschaftstadtrat Peter Beckers (SPD). Jetzt fehle noch die Zustimmung des Landesauschusses. Mittelpunkt und Projektsitz wird das Aufbau-Haus sein.

Ein Haus mit Geschichte

Das Gebäude hat eine interessante Geschichte. Anfangs produzierte die Textilfabrik Ertex in den vier Meter hohen Räumen. Später stellte Nixdorf Computer her. Bechstein baute Klaviere, Visolux produzierte Optoelektronik. Kein Unternehmen habe das große Haus bisher ganz bespielt, erzählt Krüger. Das wird sich ändern. 250 Menschen werden im Gebäude arbeiten. „Unser Vorhaben ist eine neue Art, wie man einen städtischen Platz beleben kann“, sagt Andreas Krüger. „Eine Art Pilotprojekt.“

Es stehe auf sicheren Füßen, denn das Unternehmen Modulor sei wirtschaftlich stabil. Krüger sagt, er habe das Modell Planet Modulor auch in Hamburg, Köln und London vorgestellt. „Berlin ist wie keine andere Stadt dazu geeignet, dieses Projekt auszuprobieren“, sagt Krüger. „Hier kann man experimentieren.“