Strecke gesperrt

S-Bahn rast in Kühlschrank - Gleise lahmgelegt

Durch einen auf den Gleisen liegenden Kühlschrank sind zwei Züge der Berliner S-Bahn schwer beschädigt worden. Die 120 Fahrgäste wurden nicht verletzt. Ein gezielter Anschlag wird nicht ausgeschlossen.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Die Kunden der Berliner S-Bahn leiden unter immer neuen Pannen. Auch am Mittwochmorgen kamen erneut Tausende Fahrgäste zu spät zur Arbeit, weil Züge ausgefallen waren und sich verspäteten.

„Schuld“ waren aber weder streikende Lokführer, noch technische Probleme bei der S-Bahn. Dieses Mal hatten bislang unbekannte Täter in der Nacht zu Mittwoch eine Kühl-Gefrierkombination auf die Gleise zwischen den Bahnhöfen Ostkreuz und Warschauer Straße gehievt und damit die Fahrgäste im Berufsverkehr in große Gefahr gebracht. Zwei S-Bahnzüge kollidierten mit dem schweren Gerät. Ein Zug der Linie S7 knallte um 4.55Uhr gegen das Hindernis. Die Frontschürze des ersten Triebwagens riss ab, der Zug konnte aber weiterfahren.

Nur vier Minuten später überrollte ein Zug der Linie S5 trotz Notbremsung den Kühlschrank und wurde so schwer beschädigt, dass die Weiterfahrt nicht möglich war. Nur durch Glück wurde keiner der Fahrgäste verletzt. „Das hätte schlimmer ausgehen können“, sagte Meik Gauer, Sprecher Bundespolizei, die nach dem Vorfall die Ermittlungen aufnahm.

Motive noch unklar

Doch auch ohne Verletzte und entgleiste Züge waren die Folgen massiv, wie ein Bahnsprecher bestätigte. Mehr als vier Stunden lang war der Zugverkehr der S-Bahn auf den Ost-West-Strecken gestört. Betroffen von den Einschränkungen waren die gerade im Berufsverkehr stark genutzten Linien S5 (Strausberg Nord–Westkreuz), S7 (Ahrensfelde–Potsdam) und S75 (Wartenberg–Spandau).

Nach Angaben eines Bahnsprechers blieb der betroffene Gleisabschnitt zwischen Ostkreuz und Ostbahnhof bis 9.10 Uhr gesperrt. Fahrgäste mussten auf die parallel verlaufende Linie S3 ausweichen. Die 120 Fahrgäste des Unfallzuges kamen mit dem Schrecken davon, mussten ihren Weg aber zu Fuß fortsetzen. Weil der Zug durch den Zusammenprall so schwer beschädigt war, dass er nicht weiterfahren konnte, wurden die Fahrgäste über das Bahngelände in Richtung Revaler Straße geleitet. Gegen 7.20 Uhr traf der Hilfsgerätezug der S-Bahn an der Unfallstelle ein, um den havarierten Zug provisorisch flott zu machen und in die Werkstatt abzuschleppen. Die Höhe des Sachschadens konnte die S-Bahn noch nicht beziffern.

Die Bundespolizei ermittelt jetzt wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr. Noch am Vormittag starteten die Ermittler in der Nachbarschaft des Unfallortes, etwa 100 Meter westlich des Bahnhofes Ostkreuz einen Zeugenaufruf, um Beobachtungen zu sammeln. Dass der Kühlschrank von einer Brücke auf das Bahngelände geworfen wurde, hält die Polizei für unwahrscheinlich. Die nächste Brücke sei die Modersohnbrücke, sie liege zu weit vom Tatort entfernt, hieß es. Nach Polizeiangaben wird das weitläufige Bahngelände am Ostkreuz immer wieder als Müllabladeplatz missbraucht. Dort soll auch die Kühl-Gefrierkombination gelegen haben, bevor sie auf die Gleise geschleppt wurde. Politische Hintergründe sind nach Behördenangaben nach den ersten Ermittlungsergebnissen nicht erkennbar. „Dem Gewicht nach müssen es mindestens zwei Täter gewesen sein, deren Motive sind völlig unklar“, so Gauer.

Mehrere Anschläge auf die Bahn

Bei der Deutschen Bahn hält man einen gezielten Anschlag hingegen nicht für ausgeschlossen. „Wer seinen Kühlschrank loswerden will, schmeißt ihn die Böschung hinunter und trägt ihn nicht auf die Gleise“, sagte ein Unternehmenssprecher Morgenpost Online. Beobachter verweisen auch auf die Nähe des Tatorts zum sogenannten Mediaspree-Gelände, gegen dessen Bebauung es in der Vergangenheit wiederholt Aktionen der linksalternativen Szene gegeben hatte.

Auch auf Anlagen der Deutschen Bahn und der S-Bahn hatte es in den vergangenen Monaten mehrere Anschläge gegeben. Anfang November 2010 legte ein Brandanschlag den Verkehr der Ringbahn lahm. Unbekannte Täter hatten in Neukölln Kabel in einem Kabelschacht in Brand gesetzt. Hintergrund war laut einem Bekennerschreiben der Transport von Atommüll aus Frankreich zum Zwischenlager nach Gorleben (Niedersachsen). Mehrere Tage war der Verkehr erheblich beeinträchtigt, weil die Signalanlagen nicht funktionierten.

Vor wenigen Tagen erst hatten unbekannte Täter an der Holzmarktstraße in Friedrichshain – in unmittelbarer Nähe also zum gestrigen Unfallort – ein Auto der Deutschen Bahn angezündet. Eine offenbar linksgerichtete Gruppe bekannte sich im Internet zu dem Anschlag. Hintergrund diesmal: Eine Solidaritätsbekundung für die streikenden Lokführer der Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer (GDL).