Bahnstrecke wiedereröffnet

Endlich planmäßig von Berlin nach Cottbus

Mit drei Monaten Verspätung wurde die Bahnstrecke zwischen Berlin und Cottbus wiedereröffnet. Die Baustelle hat nicht nur die täglich etwa 7000 Fahrgäste Nerven gekostet, sondern auch die Planer und die Bauabteilung der Deutschen Bahn. Kabeldiebe verzögerten die Ausbauarbeiten.

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Der erste Zug ist ein ganz besonderer. 17 Stunden vor der offiziellen Wiedereröffnung der Bahnstrecke Berlin–Cottbus rollt die nachtblau lackierte Elektrolok E18047 (Baujahr 1939) in den Bahnhof Königs Wusterhausen, im Schlepp grüne Reisezugwagen der Reichsbahn nebst rotem Mitropa-Speisewagen. Kameras und Handys werden in die Höhe gestreckt, um die besten Bilder zu bekommen. Einige Dutzend Männer und Frauen steigen ein, alle Mitarbeiter der Deutschen Bahn, die in den vergangenen Monaten an der Strecke gearbeitet haben. Die Oldtimer-Sonderfahrt am Freitag ist ein Dankeschön des Arbeitgebers für schwierige 15 Monate. Im Führerstand der Museumslok steht Heiko Heisig. Für ihn ist die Fahrt in Richtung Cottbus nichts Besonderes. Im Hauptberuf fährt Heisig Güterzüge über die gleiche Strecke nach Cottbus.

Für die Bahn ist es hingegen ein besonderer Tag. Mit drei Monaten Verspätung wird die wichtige Bahnverbindung an diesem Sonnabend mit dem ersten regulären Zug um 4.24 Uhr wieder eröffnet. Die Baustelle hat nicht nur die täglich etwa 7000 Fahrgäste Nerven gekostet, sondern auch die Planer und die Bauabteilung der Detuschen Bahn. Mehrfach musste die Freigabe der seit Mai 2010 gesperrten Strecke verschoben werden. Immer wieder hatten Kabeldiebe zugeschlagen. Als die Stellwerk- und Signaltechnik im Frühjahr erprobt werden sollte, funktionierte nichts.

An etwa 60 Stellen fehlten die Kupferkabel zur Steuerung der Technik. Allein den Materialschaden beziffert Projektleiter Thomas Rath nach vorläufigen Hochrechnungen auf 800.000 Euro. Hinzu kommen Kosten durch die um Monate verzögerte Wiedereröffnung. Vom ursprünglichen Termin am 1.Mai wurde jene zunächst auf Juni, später auf Juli verschoben. Weitere Zusatzarbeiten wurden nötig, weil die starken Regenfälle Böschungen abgeschwemmt hatten und an einer Stelle die Gleise über sumpfigem Untergrund nachgebessert werden mussten. Die letzte Verzögerung bis zum heutigen Sonnabend war wieder eine Folge der Diebstähle, wie Rath betont. Erst nachdem alle Kabelschäden behoben waren, konnten die fälligen Stellwerk- und Signalprüfungen in den vergangenen zwei Monaten nachgeholt werden.

Erfolg gegen Kabeldiebe

Immerhin: Im Kampf gegen die Buntmetall-Diebe, die inzwischen fast täglich in der Region Berlin-Brandenburg für Einschränkungen im Bahnverkehr sorgen, können Bundespolizei und Bahn auch positive Ergebnisse vermelden. Nach den enormen Schäden aus dem Winter und Frühjahr war der Einsatz an der Strecke Berlin–Cottbus massiv erhöht worden, um weitere Bauverzögerungen zu verhindern. Vorsorglich hatte die Deutsche Bahn schon Ende April die Oberleitung unter Strom gesetzt, damit wenigstens sie vor Kriminellen geschützt war. Hubschrauber, getarnte Zivilfahnder und berittenen Kräfte waren regelmäßig im Einsatz – mit Erfolg. Nach Raths Angaben wurden zuletzt drei mutmaßliche Tätergruppen auf dem Bauabschnitt zwischen Königs Wusterhausen und Lübbenau auf frischer Tat ertappt. Sie müssen nun mit einem Verfahren rechnen, sagte Rath.

Bevor der erste reguläre Zug rollen kann, fuhren an den vergangenen zwei Tagen noch 2500 Tonnen schwere Schotterzüge die Gleise ab, um die Stabilität zu prüfen. Von diesem Sonnabend an rollen die Regionalzüge der Linien RE2 (Rathenow–Cottbus) und RB14 (Nauen–Senftenberg) wieder ebenso planmäßig wie der Güterverkehr und die Fernzüge von Hamburg nach Krakow und von Norddeich nach Cottbus. Umleitungen und der lästige Ersatzverkehr mit Bussen entfallen. Nachdem bereits 2008 der eingleisige, rund 38 Kilometer lange Abschnitt zwischen Cottbus und Lübbenau ausgebaut worden war, ist nun die gesamte Strecke von Berlin nach Cottbus für höhere Geschwindigkeiten geeignet. Nach weiteren Messfahrten und Nacharbeiten am Schotterbett – beides kann erst erledigt werden, wenn die Strecke „eingefahren“ ist – sollen die Züge vom Fahrplanwechsel im Dezember an mit bis zu 160 Kilometern pro Stunde fahren. Bislang waren nur 120 Stundenkilometer möglich. Die Reisezeit vom Berliner Ostbahnhof nach Cottbus verringert sich dadurch nach Bahn-Angaben um 20 Minuten auf dann etwa 68Minuten. 130 Millionen Euro wurden seit Mai 2010 in das Vorhaben investiert, finanziert aus dem Konjunkturprogramm des Bundes.

Auf dem 60 Kilometer langen Abschnitt zwischen Cottbus und Lübbenau wurden in dieser Zeit 185.000 Meter neue Schienen und 145000 neue Schwellen verlegt, 31 Weichen wurden erneuert und 1700 Oberleitungsmasten aufgestellt. Rund 500.000 Tonnen Schotter wurden gereinigt oder ersetzt.

Und nicht allein die Gleisanlagen wurden mit Unterstützung des Bundes fit für die kommenden Jahrzehnte gemacht. Auch zwei Brücken und zwölf Unterführungen hat die Bahn grundlegend saniert, um Unfälle zu vermeiden wurde die Signal- und Sicherungstechnik an acht Bahnübergängen angepasst. Wichtiger noch für die Fahrgäste: Zusammen mit dem Streckenausbau wurden auch acht Stationen modernisiert. Zeesen, Bestensee, Groß Köris, Halbe, Oberin, Brand, Schönwalde und Lubolz haben neue Bahnsteige bekommen, die an die Einstiegshöhe der Züge angepasst sind, und alle Bahnhöfe haben nun behindertengerechte Zugänge.

Die nächste Großbaustelle

Davon profitieren werden ab Dezember 2012 allerdings nicht mehr die Fahrgäste der Deutschen Bahn. Wie berichtet hat die private Ostdeutsche Eisenbahn (Odeg) nach einer Ausschreibung des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) den Zuschlag für den Betrieb der Strecke des heutigen RE2 erhalten.

Die Bahn-Fahrgäste in der Region müssen sich unterdessen bereits auf die nächste Großbaustelle einstellen. Diesmal trifft es die nachfragestärkste Linie in Berlin und Brandenburg, den Regionalexpress RE1 (Magdeburg–Berlin–Frankfurt (O.)/Eisenhüttenstadt). Von Dezember an wird die Strecke, auf der täglich Tausende Pendler auch zwischen Potsdam und Berlin unterwegs sind, unterbrochen. Zwischen Potsdam und Berlin-Charlottenburg müssen 16 Brücken erneuert werden, die zum Teil mehr als 80 Jahre alt sind und nach dem Zweiten Weltkrieg nur provisorisch repariert worden waren. Statt einer schrittweisen Sanierung, die fünf Jahre gedauert hätte, wird die Trasse für ein Jahr voll gesperrt werden – zeitgleich mit den Sanierungsarbeiten auf der parallel verlaufenden Autobahn A115 (Avus). Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) hält Befürchtungen über ein drohendes Verkehrschaos im Südwesten dennoch für unbegründet. Die Ersatzangebote mit umgeleiteten Regionalzügen und S-Bahnen im 10-Minuten-Takt reichen nach VBB-Einschätzung aus.