Solartechnik

Mit Idealismus und Tatkraft für die Umwelt

Dagmar Vogt, Vorstandsvorsitzende der Vogt Group, betreut weltweit den Bau von Solarfabriken. Berlin zählt zu den wichtigsten Standorten.

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Dagmar Vogt hat wenig Zeit. Maximal eine Stunde könne sie für das Gespräch mit uns erübrigen, sagt sie und betritt mit energischem Schritt den kleinen Konferenzraum. Die Vorstandsvorsitzende der Vogt Group ist im Stress, wie so oft. Entweder geht sie gerade auf Reisen, kehrt zurück oder sitzt in Meetings mit Projektentwicklern. Mindestens eine Woche pro Monat hält sich die Chefin der Vogt Group im Ausland auf. Dort projektiert sie Solarfabriken – von der Entwicklung bis zur fertigen Produktionslinie. Immer wieder muss sie zurzeit nach Indien reisen. Oft geht es auch nach China oder in die USA, wo wichtige Kunden der Vogt Group zu Hause sind.

Dagmar Vogt zählt in der deutschen Solarszene zu den Pionieren. Seit mehr als 20 Jahren ist die studierte Biotechnologin im Geschäft. „Schon in der Schule wusste ich, dass ich mich für die Umwelt einsetzen wollte. Das hat sich bis heute nicht geändert“, sagt Vogt. Mit diesem Idealismus und viel Tatkraft schuf sie ein international operierendes Unternehmen mit 80 Mitarbeitern und Büros in Berlin, London und Delhi. Bereits 1991 machte sich Dagmar Vogt gemeinsam mit einem Netzwerk von Freiberuflern im Bereich Umwelttechnik und Recycling selbstständig. Im Jahr 2002 gründete sie dann ihre Firma, die ib vogt GmbH, mit der Spezialisierung auf die Fotovoltaikindustrie.

Mit Fördergeld zur Holding

Damals erhielt sie Fördergeld von der Investitionsbank Berlin sowie der Bürgschaftsbank Berlin-Brandenburg, die ihr den Start ermöglichten. Es folgten Gründungen weiterer Ländergesellschaften sowie die Gründung der Vogt Group, einer Holding, unter der die verschiedenen Unternehmensteile zusammengefasst sind. „Als ich 1998 den ersten Auftrag aus der Fotovoltaik-Branche erhielt, existierte diese Industrie noch gar nicht“, sagt sie. „Man kannte sich zwar untereinander, aber die Branche war sehr überschaubar. Auch hatten mir eine Menge Menschen abgeraten, mich überhaupt selbstständig zu machen und eine gut bezahlte Managementposition aufzugeben, die ich vorher hatte.“

In Berlin hat die Vogt Group ihren Hauptsitz in einem unscheinbaren Industriekomplex an der Helmholtzstraße in Charlottenburg – alles wirkt weitläufig und offen. „Kommunikation ist alles in unserer Branche“, sagt Dagmar Vogt, „gerade wenn es darum geht, solche komplexen Projekte wie den Bau einer Solarfabrik umzusetzen.“ Je größer und vielschichtiger ein Vorhaben ist, desto größer sind die damit verbundenen Unsicherheiten. „Das fängt damit an, dass wir zunächst gemeinsam mit dem Investor herausfinden müssen, was für ihn das Richtige ist und in welchem Umfang. Steht genug Geld zur Verfügung, erleichtert das zwar vieles, es ist aber nicht das allein Entscheidende. Vielmehr kommt es darauf an, ein Konzept zu entwickeln, das zur Größenordnung einer Investition passt, denn heute werden immer mehr Projekte von Investoren finanziert, die von der eigentlichen Materie wenig Ahnung haben.“ Zwar habe heutzutage fast schon jeder mal davon gehört, dass mithilfe der Sonne Strom erzeugt werden kann – wie das im Detail funktioniert und worauf dabei zu achten ist, wisse aber kaum jemand.

„Wenn man leichthin sagt, dass man auf der grünen Wiese anfängt, so bedeutet dies konkret, dass es keine Wasseranschlüsse, keine Straßen, keine Stromanschlüsse und keine Lagerkapazitäten gibt“, sagt Dagmar Vogt. Insofern sei der Bau einer solchen Fabrik oft auch ein entwicklungspolitisches, bisweilen sogar ein städtebauliches Projekt.

Die Berlinerin, die mit ihren 60 Projektentwicklern weltweit rund 20 solcher Anlagen gebaut hat, lächelt ein wenig bei der Frage, ob sich ihr Unternehmen nicht ab und an zu viel vornehme. „Man wächst mit seinen Aufgaben“, sagt Dagmar Vogt. Im Übrigen arbeite man viel mit externen Projektentwicklern, Behörden und Zulieferern zusammen, die bei den Projekten ebenfalls ihre Erfahrung einbringen.

Kind oder Karriere

Trotz all ihrer Erfahrung schlägt Dagmar Vogt auf internationalem Parkett mitunter auch Unglaube entgegen, wenn sie als Unternehmenschefin eines weltweit agierenden Unternehmens auftritt. Frauen an der Spitze eines Unternehmens sind immer noch selten. Die Diskussion über mehr Frauen in führenden Positionen sei daher richtig. In ihrer Firma hat sie einiges für die Frauenförderung getan. Dort gibt es weibliche Führungskräfte unter anderem im Personalwesen, im Projektmanagement sowie in der Finanzbuchhaltung. Sie selbst ist verheiratet, Kinder hat sie jedoch nicht. „Im Zuge meiner Selbstständigkeit musste ich mich an einem bestimmten Punkt für Kinder oder Karriere entscheiden. Aufgrund meiner Leidenschaft für meinen Beruf entschied ich mich für die Karriere“, sagt sie – eine Entscheidung, die sie bis heute nicht bereut.

In Berlin hat Vogt im vergangenen Jahr ein Solarnetzwerk gegründet. Denn die Solarenergietechnik sei eine der innovativsten und wachstumsstärksten Branchen in der Region. In der Tat wächst die Produktionskapazität rasant: Mehrere Tausend Arbeitsplätze sind in der Branche direkt entstanden, Tendenz: steigend (s. Kasten). Laut aktuellen Schätzungen sind bereits mehr als 30000 Arbeitsplätze indirekt mit der Branche in der Region verknüpft.

Vor allem kleine und mittelständische Betriebe schöpften ihr Potenzial noch nicht voll aus. „Hier wollen wir den Dialog eröffnen“, sagt Vogt, die auch Präsidentin des Netzwerkes ist. An den Berliner Hochschulen sei oft nicht bekannt, welche Firmen in der Fotovoltaik arbeiten, ebenso wüssten viele Unternehmen nicht, welche Universitätsinstitute sich mit welchen Themen beschäftigen. Das wolle man ändern. Denn die Fotovoltaik sei ein Exportschlager.

„Wertschöpfungskette“ in der Stadt

Eine große Stärke Berlins sei, dass hier die gesamte „solare Wertschöpfungskette“ vertreten ist. Dazu gehörten Anlagenplanung, Forschung und Entwicklung, Materialprüfung, Zulieferer von Glas und Spezialchemikalien, Wartung und Überholung von Maschinen sowie das Recycling von Solarmodulen. „Zwischen 2008 und 2010 wurden in Berlin-Brandenburg Investitionsentscheidungen von über einer Milliarde Euro geplant und teilweise schon umgesetzt“, sagt Vogt. Obwohl in Deutschland die Förderung der Einspeisung von Strom aus Solaranlagen zurückgefahren wird und einige deshalb schon manche Investitionen infrage gestellt sehen, könne Deutschland in der Solartechnik ein Vorreiter bleiben, wenn die richtigen Weichen gestellt würden.

Trotz aller Erfolge richtet Dagmar Vogt auch mahnende Worte an die Politik. „Wir brauchen in der Debatte in Deutschland unbedingt mehr Verlässlichkeit, was die erneuerbaren Energien angeht, weil wir sonst unseren Vorsprung verlieren können und im Ausland nicht mehr der gesuchte Partner sind. Indem wir unseren Kunden Schnelligkeit und Flexibilität bei ihrem Wachstum ermöglichen, treiben wir auch die Dynamik der Solarbranche voran.“