Grundsteinlegung

Mit dem "Tour Total" erwacht Berlins Europacity

17 Etagen hat sie und insgesamt 69 Meter hoch wird die Konzernzentrale des Mineralölherstellers Total in Berlin werden. Nach der langen Architekturdebatte kündigt Regierungschef Klaus Wowereit an: Am Hauptbahnhof werde sich künftig sehr viel verändern.

Foto: Vivico Real Estate GmbH / Vivico Real Estate GmbH/Vivico Real Estate

Ameisenklein wirkten die Arbeiter am Grund der imposanten Baugrube nördlich des Hauptbahnhofs an der Heidestraße. Trotz der klirrenden Kälte und unbeeindruckt von der feierlichen Grundsteinlegung, zu der sich neben dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) auch zahlreiche weitere Gäste versammelt hatten, verlegten die Männer vom Bau die Stahlarmierungen für den „Tour Total“, die neue Deutschlandzentrale des französischen Mineralölkonzerns Total.

Denn in knapp anderthalb Jahren, so der ehrgeizige Plan, soll das Hochhaus fertiggestellt sein. Wichtig ist das Bauvorhaben nicht nur, weil die Franzosen damit „ein sichtbares Zeichen für unser dauerhaftes Engagement in Berlin setzen“, wie der Geschäftsführer von Total Deutschland, Hans-Christian Gützkow am Mittwoch sagte. Wichtig ist der Baustart am Europaplatz 1 auch, weil damit das Startsignal für die Bebauung der Europacity gegeben wird.

Hochwertiges Bauen angemahnt

Auf 17 Etagen sollen in dem 69 Meter hohen Gebäude rund 500 Mitarbeiter auf 14.000 Quadratmetern Bürofläche Platz finden. Rund 50 Millionen Euro investiert der Bauherr Vivico in das Gebäude, das nach seiner Fertigstellung von Total als alleinigem Mieter genutzt werden soll.

„Menschen, die keine Veränderungen mögen, haben Pech gehabt“, sagte der Regierende Bürgermeister in seiner Festansprache. Denn am Hauptbahnhof werde sich künftig sehr viel verändern. Dafür sei der jetzt begonnene Hochhausbau nur das erste sichtbare Zeichen. Schließlich umfasse das innerstädtische Entwicklungsgebiet 40 Hektar Bauland. „Was hier entsteht, wird einmal doppelt so groß wie das Stadtquartier am Potsdamer Platz.“

Projektentwickler und Bauherren müssten sich nun der Herausforderung stellen, etwas zu gestalten, das der exponierten Lage in der Mitte der Stadt angemessen sei. „Zu Recht wünschen sich die Berliner, dass an dieser Stelle mehr geschaffen wird als reine Funktionalität“, sagte Wowereit. Der Regierende Bürgermeister ging damit auf die seit Monaten schwelende Architekturdebatte ein, die sich an der mangelhaften Bauqualität im Umfeld des Hauptbahnhofs und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Regierungsviertel entzündet hatte. Insbesondere der Hotelneubau direkt am Bahnhof war in die Kritik geraten.

„Ich begrüße ausdrücklich diesen gesellschaftlichen Diskurs, in den sich die Bauherren gerne einbringen können“, so Wowereit weiter. Das Beispiel der Total-Firmenzentrale zeige, dass es gelingen könne, eine Architektur zu schaffen, die im Dialog mit dem Hauptbahnhof sowie dem angrenzenden Kunst-Campus und dem Hamburger Bahnhof mit der Flick-Collection treten könne.

Für das Bauvorhaben für den französischen Mineralölkonzern wurde, anders als bei den Hotel-Gebäuden, ein Architekturwettbewerb durchgeführt. Der Wettbewerbssieger, das Berliner Architekturbüro Barkow Leibinger, wurde mit den Planungen beauftragt. Man sei sich, versicherte Regine Leibinger, der Vorbildfunktion des Gebäudes für die Europacity bewusst. „Die Gebäudeform und die Kolonnaden sorgen für eine angemessene Einbindung in den Stadtraum“, so die Architektin. Die Fassade aus Betonfertigteilen gebe dem Turm sein besonderes Gesicht.

„Durch Wiederholung und Variation der Module ergibt sich ein plastischer Linienverlauf, der die Strenge des Rasters auflöst und die Wirkung von Licht und Schatten verstärkt.“ Der Turm, als sogenanntes Green Building konzipiert, soll auch in puncto ökologische Nachhaltigkeit Maßstäbe setzen. Zum Beispiel sollen die Fassaden die in der Energie-Einsparverordnung 2009 festgelegten Grenzwerte um 50 Prozent deutlich unterschreiten.

Mit seinen 69 Metern Höhe soll der Turm den nördlichen Abschluss des Europaplatzes bilden. Der Platz an der Invalidenstraße Ecke Minna-Cauer-Straße soll das Eingangstor zur Europacity werden. Nach dem 2009 genehmigten Masterplan des Senats werden auf dem ehemaligen Bahnhofs- und Speditionsgelände in den kommenden 15 Jahren einmal entlang der Heidestraße zwischen Invalidenstraße, Perleberger Brücke, Fernbahntrasse und Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal 4000 Menschen in 2000 neuen Wohnungen leben und 10.000 weitere dort Arbeit finden. Geplant sind außerdem Hotels, sowie zahlreiche Läden und Geschäfte an den neuen Stadtplätzen. Zur Aufwertung des Quartiers sind außerdem größere Park- und Grünflächen, ein künstlicher Stadthafen sowie eine begrünte Uferpromenade entlang des Schifffahrtkanals geplant.

Lebendiges Stadtquartier

Dass das Konzept aufgeht, davon ist insbesondere der Bauherr des Total-Turms und größte Grundstücksbesitzer im neuen Quartier, der Projektentwickler Vivico, überzeugt. Der Optimismus kommt nicht von ungefähr: Direkt neben dem Turm hat ein privater Investor ein 3100 Quadratmeter großes Eckgrundstück von der Vivico erworben. Der Käufer plant dort eine Kombination aus Hotel, Büro und Gastronomie. Für das Gebäude, so haben es das Land Berlin und die Vivico vereinbart, soll es einen Architekturwettbewerb geben. Und auch der Kaufvertrag für eine weitere Firmenzentrale ist bereits unterzeichnet: Auf dem 2800 Quadratmeter großen Areal, das direkt hinter dem Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof liegt, will ein Schweizer Ingenieurbüro seine Deutschlandzentrale errichten.

„Wir haben mit der Total-Firmenzentrale den wichtigen ersten Pionier“, so Bernhard Hansen, Vorsitzender der Vivico-Geschäftsführung. Um die Vision eines lebendigen Stadtquartiers wahr werden zu lassen, seien weitere Partner herzlich willkommen. Schließlich darf diese gigantische Fläche mitten in der Stadt mit rund 600000 Quadratmetern Büro-, Gewerbe und Wohnfläche bebaut werden. Voraussichtlich Mitte 2011 soll die Planungsgrundlage für das gesamte Areal beschlossen sein. Erst dann will die Vivico auch mit der Parzellierung der für Wohnzwecke vorgesehenen Bereiche entlang des Kanals beginnen.

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