Grundwasser

Im Rudower Blumenviertel ist Land unter

In vielen Häusern des Blumenviertels in Rudow stehen die Keller unter Wasser. Grund ist der hohe Grundwasserpegel in dieser Gegend. Die Betroffenen fühlen sich von der Berliner Politik im Stich gelassen.

Foto: Christian Kielmann

Klaus Seiler hüpft in seinem Waschkeller auf und ab. „Sehen Sie?“, fragt der 69-Jährige. „Die Fliesen auf denen ich stehe, lösen sich – wegen des Wasserdrucks von unten.“ Dann trippelt er in Richtung Heizungsraum. Dort steht das Wasser zehn Zentimeter hoch. Eine Pumpe leitet es nach draußen. „Ich muss jeden Tag mehrere Stunden pumpen, um den Wasserstand in meinem Keller in Grenzen zu halten.“ Während Klaus Seiler die Pumpe aktiviert, steht Heike Seiler daneben. Die zierliche Frau beobachtet ihren Mann, schüttelt mit dem Kopf und murmelt: „Wie lange soll das noch so weitergehen?“

Die Seilers stehen mit ihrem Problem nicht allein da. Wie ihnen geht es vielen anderen Bewohnern des Rudower Blumenviertels, in dem etwa 2500 Häuser stehen. Zahlreiche Keller stehen dort derzeit unter Wasser. Das lässt sich zunächst mit der geografischen Lage des Areals erklärten: Das Blumenviertel liegt im Berliner Urstromtal, einem ehemaligen Sumpf- und Überschwemmungsgebiet. Von Natur aus ist der Grundwasserpegel hier sehr hoch. Bereits im Jahre 1901 wurde das Wasserwerk Johannisthal auf der anderen Seite des Teltowkanals gebaut. Das Wasserwerk lieferte eine knappes Jahrhundert lang Trinkwasser, das aus Grundwasser gewonnen wurde. So sorgte das Werk für einen niedrigen Grundwasserpegel – und trockene Keller im Rudower Blumenviertel.

Doch nach der Wiedervereinigung ging der Bedarf an Trinkwasser zurück. Die Berliner Wasserbetriebe reduzierten die Fördermenge seit 1990 um die Hälfte.

Vier Jahre lang ging das gut, bis zum Jahr 1994: Hunderte Keller im Blumenviertel standen damals unter Wasser. Klaus Seiler erinnert sich ganz genau: „Wir waren auf einer Messe, als unsere Tochter anrief und uns von dem vollgelaufenen Keller berichtete. Dass es sich um Grundwasser handelt, hatte ich gleich vermutet.“ Die Betroffenen gründeten eine Bürgerinitiative; mehr als tausend Protestunterschriften gingen an den Berliner Senat. Dieser reagierte mit dem Bau einer Brunnengalerie, die seitdem dafür sorgt, dass der Grundwasserspiegel niedrig bleibt. Aber die extremen Niederschläge der vergangenen Monate ließen den Pegel wieder ansteigen. Zudem wird das Wasserwerk Johannisthal seit 2001 saniert und ist daher abgeschaltet. „Wir prüfen derzeit, ob das Wasserwerk wieder ans Netz geht“, sagt der Sprecher der Berliner Wasserbetriebe Stefan Natz.

Jetzt sind die Keller im Blumenviertel wieder nass und die Bewohner wütend. Das gilt insbesondere für Klaus Langer, der bereits 1994 an der Spitze der Bürgerinitiative stand. Schon damals hat er Unterschriften gesammelt. Bei Langer liegen derzeit mehr als 500 Unterschriften, die er bald zum Abgeordnetenhaus bringen will. Die Senatsumweltverwaltung verweist auf die Pflichten der Hausbesitzer im Blumenviertel. Als Bauherren von Einfamilienhäusern hätten sie entsprechende Vorkehrungen beim Bau ihrer Häuser treffen müssen. „Natürlich ist das keine schöne Situation für die Bürger des Blumenviertels. Planungsfehler können jedoch nicht durch öffentliche Mittel ausgeglichen werden“, sagt eine Sprecherin der Umweltverwaltung.

Langer und seine Mitstreiter können das nicht akzeptieren. Eine Sanierung der Keller können sich die Wenigsten leisten. Und für Hausbesitzer wie die Seilers ist der Vorwurf der Fehlplanung besonders bitter. Ihr Architekt habe sich vor mehr als 30 Jahren an alle Bauvorgaben gehalten, berichten sie. Für die Fehler des Bauaufsichtsamts wollen die Seilers nicht gerade stehen. Der weiße 70-Jahre-Bungalow sollte eigentlich ihre Altersvorsorge sein. Doch das Haus der Seilers verliert kontinuierlich an Wert. Das Wasser zieht die Wände hoch und richtet langfristige Schäden an. Zudem ist das dauernde abpumpen des Grundwassers sehr schädlich für die Bausubstanz, weil das Fundament dadurch freigespült wird.

Kürzlich machte sich CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel ein Bild von der Lage im Viertel. „Hier muss dringend etwas geschehen“, sagte Henkel. Klaus Seiler weiß nicht, wie es weitergehen soll. Aber er will weiter kämpfen. Schon mehrmals habe er dem Regierenden Bürgermeister einen Brief geschrieben. Er zückt ein Dokument hervor und verliest die ersten beiden Zeilen: „Sehr geehrter Herr Wowereit, wo bleibt die Antwort?“