Tierpark

Heinrich Dathe - ein ganz hohes Tier

Heinrich Dathe war 36 Jahre lang Direktor des Tierparks Berlin-Friedrichsfelde. Im Osten galt er als einer der populärsten Köpfe. Dieser Tage wäre er 100 Jahre alt geworden.

Foto: rü / Zentralbild

Das Schreiben hatte es in sich, eingegangen am Freitag, 7. Dezember 1990, nachmittags: „Sie werden am Montag, den 10. Dezember 1990 Ihre Amtsgeschäfte an Ihren Stellvertreter, Herrn Grummt, übergeben. Sie haben Zeit bis zum Freitag, den 14. Dezember, um ihr Büro zu übergeben. Leider müssen wir Sie auch anweisen, bis Ende des Monats Ihre Dienstwohnung zu räumen, was hoffentlich kein Problem für Sie sein wird, da Sie mit Ihrer Gattin ein Haus besitzen.“

Der Empfänger des Briefes hatte keine silbernen Löffel gestohlen, sich weder Illoyalitäten noch Untreue geleistet und war durch keine Unbotmäßigkeiten aufgefallen: Heinrich Dathe, gerade 80 Jahre alt geworden und seit 36 Jahren, seit der Gründung, Direktor des Ost-Berliner Tierparks in Friedrichsfelde, des flächenmäßig größten Zoos der Welt. Von Kollegen aus allen Kontinenten als Nestor der Tiergärtnerei angesehen, bis ins hohe Alter Hauptredner auf allen möglichen internationalen Kongressen in Ost und West, der sich noch im Mai 1989, kurz vor der Wende, auf einer Reise in die Bundesrepublik für den Zoo Hannover einsetzte, als dort heftige Finanzkürzungen drohten.

Star einer wöchentlichen TV-Sendung

In der DDR war er bekannt, gehörte zur Hauptstadt-Prominenz, auch wenn er sich stets geweigert hatte, in die SED einzutreten, und mehrfach am Telefon lautstark daran arbeitete, die Stasi aus seinem Parkbetrieb herauszuhalten. 30 Jahre lang war er Star der wöchentlichen Sendung des DDR-Fernsehen mit der höchsten Einschaltquote: „Im Tierpark belauscht“.

Zwei Schriftsteller aus den alten Bundesländern machten ihn in den vergangenen Jahren zum Protagonisten ihrer in renommierten Verlagen erschienenen Romane, ventilierten sein Verhältnis zur Kreatur und seinen wissenschaftlichen Disput mit Konrad Lorenz über zentrale Fragen der Verhaltensforschung. „Er war der Grzimek des Ostens“, sagt der eine der beiden Schriftsteller, Richard David Precht. Vielleicht sei es auch gerechter zu sagen: „Grzimek war der Dathe des Westens“. Beide waren tatsächlich gute Bekannte.

Heinrich Dathe hatte keine Illusionen, wollte nicht bis zum 100. Geburtstag weitermachen, den er am 7. November 2010 hätte feiern können. „Ist doch klar, dass ich mit meinen 80 Jahren nicht an meinem Stuhl festhalte“, sagte er. Allerdings fühlte er sich dazu verpflichtet, seinen Zoo noch über die ersten Wirren der Zeit nach dem Mauerfall zu führen. Groß war die Angst, dass eine der beiden Anlagen in der wiedervereinigten Stadt geschlossen würde. Was auf den Friedrichsfelder Park hinauslaufen würde, wie man dort befürchtete. Doch dann bekam der alte Herr, gestrenger, väterlicher Chef von 400 Tiergärtnern, den Brief: „Sie werden…“, „Sie haben zu…“, „wir müssen Sie anweisen…“ und: „kein Problem“. Geschrieben im Hause der Kulturstadträtin im Ostberliner Magistrat, Irana Rusta, SPD. 36 Jahre alt war sie, wie Dathes Tierpark.

Dathe überlebte den Brief gerade mal um einen Monat. Am 6. Januar 1991 starb der Zoodirektor. „An gebrochenem Herzen“, zitiert Jürgen Mladek „die, die ihn kannten“ in seiner Biografie „Professor Dathe und seine Tiere“ (Verlag Das Neue Berlin). Mehrere Tausend Trauergäste hörten Tage später am Grab eine grollende Rede des Pastors über „gedankenlose Taktlosigkeiten“. Falk Dathe, der Sohn, heute Kurator für Lurche und Kriechtiere im Tierpark, meint nicht, dass der Brief seinen Vater in den Tod getrieben habe, war er doch an Krebs erkrankt. Der Brief sei überzogen gewesen und er habe den Krankheitsverlauf womöglich beschleunigt, aber es wäre falsch, dies überzubewerten. „Sein Leben war ein positives, ein erfülltes. Er hat erreicht, was er angestrebt hatte.“

Bestes Beispiel dafür allerdings war gerade die Wohnung auf dem Parkgelände, die er zuletzt innerhalb weniger Tage, an den Weihnachtstagen, räumen sollte. „Was heißt da Wohnung? Es war eine Mischung aus Museum, Gelehrtenstube und Management-Zentrale, das Herz des Tierparks, der Ausguck und Hochsitz des Machers. Angefüllt mit Tausenden Büchern und noch mehr wundervollen Erinnerungen“, schreibt Mladek. Und Falk Dathe sagt: „Mein Vater konnte gar nicht unterscheiden zwischen privat und Dienst, immer wieder arbeitete er abends, saß stets an vielen Artikeln und Aufsätzen gleichzeitig, hatte für jeden Vorgang zu Hause einen eigenen Tisch.“ Auch Sohn Falk wuchs auf in der Wohnung im Park. Gleich damals sind sie eingezogen, als alles anfing.

Bevölkerung durch Attraktionen versöhnen

Es war 1953, als man im Rathaus und auch in der SED-Spitze plötzlich auf die Idee gekommen war, einen Tierpark im Osten der Stadt aufzubauen. „Was den Magistrat überhaupt dazu bewogen hatte, so eine Anstrengung zu unternehmen, ist bis heute noch nicht genau geklärt“, schreibt Mladek. Alle Baubrigaden hatten schließlich die Kriegsruinen zu beseitigen und den Wohnungsbau voranzutreiben. Und der attraktive Zoo im Westen war damals, acht Jahre vor dem Mauerbau, noch für alle Ostdeutschen zugänglich, wobei sie seit der Währungsreform auf dem Schwarzmarkt astronomische Summen an DDR-Mark aufwenden mussten, um die nötigen West-Mark für den Eintritt zusammenzubekommen.

Letztlich dürfte die gerade niedergeschossene Revolte vom 17. Juni 1953 den Sinn dafür geweckt haben, die Bevölkerung durch Attraktionen zu versöhnen. Drei traditionsreiche Zoologische Gärten gab es damals in der DDR: Halle, Dresden und Leipzig. Als berühmtester unter den dreien sollte Letzterer nun beim Neuaufbau eines vierten in der Hauptstadt helfen, mit Tieren, Personal und Konzeptarbeit. Dathe, der zuvor als stellvertretender Direktor des Leipziger Zoos gearbeitet hatte, war schnell klar, dass es für den Chefposten des neuen Zoos in Berlin wohl auf ihn hinauslaufen würde. Auch deshalb, weil es fachlich bessere und frei verfügbare Kandidaten nicht gab. Doch Dathe hatte anfänglich keine Lust, aus seiner geliebten Messestadt „in das Häusermeer Berlins überzusiedeln“, wie er in seinen „Lebenserinnerungen“ schrieb.

Dann kam der Tag, an dem eigentlich Dathes Chef Karl Max Schneider zur Beratung über die Tierparkpläne nach Berlin fahren sollte, doch Schneider weilte auf einer Auslandsreise. Dathe musste ihn vertreten. Man stellte ihm das für den Tierpark geplante Gelände vor: den Schlosspark Friedrichsfelde mit dem Schloss selbst, das den Krieg überstanden hatte. „Das ist die Chance meines Lebens“, erkannte Dathe nun doch. Er sah die Chance für einen Landschaftspark von 160 Hektar Größe (der Charlottenburger Zoo hat nur 35), mit Hügeln, mit romantischen Accessoires wie kleinen Denkmälern und idyllischen Gewässern – und bald voller exotischer Tiere. Schon als Kind und Jugendlicher kannte Dathe nur ein Hobby: hinaus in die vogtländische Natur zum Beobachten von Vögeln und anderen Tieren. Er bewarb sich um die Stelle und nahm Abschied von Leipzig.

Am 27. August 1954 wurde Heinrich Dathe Zoodirektor, vorerst allerdings noch ohne Zoo. Der war erst noch zu bauen. Das „Nationale Aufbauwerk“ musste einspringen, das die Werktätigen aller möglichen Branchen nach Feierabend und ohne Lohn zur Arbeit anhielt. Als Erstes ließ Dathe Käfige bauen für Tiere, die es im Winter auch ohne Heizung aushielten, weil man sich die noch nicht leisten konnte. Der VEB Kälte stiftete einen Eisbären, die Stadt Strausberg ein Straußenpaar und die Staatssicherheit – hier blieb der Grund geheim – einen Brillenbär. So fing es an mit dem Ostberliner Tierpark, damals, in den 50er-Jahren.

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