Haushaltsplan

So führen Bau-Mängel zu Pannen in der Charité

Die Berliner Charité ist medizinisch Weltspitze, aber bauliches Entwicklungsland. Das hat Folgen für die tägliche Arbeit der Mediziner: 90.000 Störfälle gab im letzten Jahr. Doch repariert wird meist nur notdürftig.

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Es ist das Symbol für Deutschlands Spitzenmedizin: der Bettenhaus der Charité in Mitte. Doch sein maroder Zustand ist schon von außen erkennbar. Diesem trotzigen, retro-braunen Klotz aus Stahlbeton fehlen Ecken und Kanten. An seiner Fassade hängen große Auffangnetze, für den Fall, dass mal wieder etwas runter kommt. Was nach frostigen Nächten öfter passiert. In die poröse Fassade sickerte Regenwasser. Wenn das gefriert, platzen Stücke ab.

Hans-Peter Ahrens steht unten, im Foyer des Bettenhauses. Ein freundlicher Norddeutscher mit Vollbart, seit 30 Jahren im Dienst der Charité. Niemand kennt den baulichen Zustand der Uniklinik besser als er. Ahrens ist Bereichsleiter für Betriebstechnik, betreut die 210 Gebäude der Charité in Mitte, Wedding und Steglitz. Die Mängelliste klemmt unter seinem Arm. In den letzten Jahren avancierte Hans-Peter Ahrens in der Charité zum Herren der Havarie.

Die Mängelliste ist schier endlos: 90000 Störfälle gab es im letzten Jahr – vom tropfenden Wasserhahn bis zum Rohrbruch. Dächer sind undicht, technische Anlagen rosten, Leitungen lecken. Doch repariert wurde bisher nur notdürftig, der hoch verschuldeten Charité fehlt vor allem das Geld.

Kampf gegen Wasserschäden

Aus Sicht des Charité-Chefs Karl Max Einhäupl sind die marode Bausubstanz und andere Infrastruktur das wesentliche Hindernis, um schwarze Zahlen zu schreiben. Die Kosten, um die veraltete Infrastruktur zu erhalten, steigen von Jahr zu Jahr. 2010 musste die Uni-Klinik 4,5 Millionen Euro aufbringen, um Havarien zu beseitigen. Jeden Tag passiert im großen Charité-Reich eine nennenswerte Panne. 72 Mal kam es zu größeren Störfällen, deren Reparatur mehr als 5000 Euro kostete. Für die mehr als 250 kleineren Pannen waren zusammen 1,3 Millionen Euro nötig. Allein in Mitte kostete der Kampf gegen Wasserschäden 600000 Euro. Angesichts dieser Probleme fühlte sich Einhäupl ungerecht behandelt, als ihm vor allem der Finanzsenator Ulrich Nußbaum vorwarf, kein ordentliches Sanierungskonzept vorgelegt zu haben. 20 Millionen Euro soll der Charité-Vorstand in diesem Jahr einsparen, um einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen. 100 Millionen Euro braucht die Charité pro Jahr, um die Infrastruktur in den Griff zu kriegen, sagt Einhäupl. Jetzt ist nach monatelangem Streit ein Ende des Elends in Sicht: 330 Millionen Euro bewilligte der Senat, sie sollen an drei Standorten verbaut werden. Das Bettenhaus in Mitte wird 2013 zur größten Baustelle der Charité.

Der DDR-Bau aus den 70er-Jahren ist schon lange das größte Sorgenkind der Charité. „Hier hätte schon viel eher etwas gemacht werden müssen“, sagt Ahrens. Die Betriebstechnik bereitet ihm viel Arbeit, das Netz ist 30 Jahre alt. Besonders anschaulich wird das im Keller, ein paar Meter unter der Erde. Ahrens schiebt die schwere Eisentür auf, knipst das Licht an. „Fassen Sie bloß nichts an“, sagt er. Der Keller mutet wie ein Industriemuseum an. Da ist der tschechische Transformator, Baujahr 1978, der neulich explodierte, als Wasser auf ihn tropfte. Oder der alte Notstromgenerator, in den 80ern in Magdeburg gebaut. Die schlimmste Leiche im Keller: Eine mit Asbest ummantelte Leitung, die vor sich hinschimmelt. Die packen selbst geschulte Mitarbeiter, die hier immer wieder Reparaturen vornehmen, nicht mehr an.

„Für die meisten Maschinen kriege ich keine Ersatzteile mehr“, sagt Ahrens. Ohnehin hätte man längst die meisten der Anlagen durch neue ersetzen müssen, auch das ist nicht geschehen. Inzwischen hat er sich zu den Heizungs- und Warmwasseraufbereitungsanlagen durchgeschlagen. Leitungen sind verkalkt, der Rost frisst unermüdlich immer größere Löcher ins Netz. Er rüttelt an einem rostigen Rohr, das notdürftig mit einem von einer Schelle gehaltenen Gummipfropfen geflickt wurde. Wie viele Löcher schon gestopft werden mussten? Ahrens kann das nicht zählen, es ist eine Sisyphos-Arbeit. Allein die Rohre, die im Bettenhaus verbaut sind, würden von hier bis Peking reichen, sagt er. Nach einem anstrengenden Tag hat Ahrens das mit Kollegen mal ausgerechnet. Eine grobe Schätzung, sagt er, die aber verdeutlichen soll, was Instandhaltung bedeutet und warum das alles so teuer ist.

Ahrens guckt an die Kellerdecke, seufzt bei dem Anblick: Betonausschwemmungen bilden 40 Zentimeter lange Tropfsteine. Ahrens kennt das nicht nur aus dem Keller im Bettenhaus, sondern auch von anderen Standorten. „Eine Million wird die Beseitigung der Wasserschäden im letzten Jahr wohl insgesamt gekostet haben“, sagt er. Wenn die Temperaturen unter den Gefrierpunkt sinken, rächt sich das notdürftige Löcherstopfen: Im Winter platzen Rohre, die dem Heizdruck nicht mehr standhalten. Im Bettenhaus passierte das mehrere Male. „Dann packen glücklicherweise alle mit an“, sagt Ahrens. Bis Handwerker zur Stelle waren, bekämpfen Krankenschwestern und Ärzte die Fluten. Auch wegen der neuen Geräte, die dann gerettet werden müssen. „Da wird einem schon mulmig, wenn man bedenkt, dass so ein Computertomograph eine Million Euro kostet“, sagt Ahrens.

Stromausfall im OP

In einigen Etagen zeigt die Charité schon ein Gesicht, wie Einhäupl sich das wohl überall wünscht. Vorzeigbar ist beispielsweise die Geburtsklinik, die jüngst ihr raumschiffartiges, offenes MRT einweihte. Ärzte konnten hier erstmals einen Geburtsvorgang darstellen, für Mediziner ist das eine kleine Sensation. Bislang wusste man so gut wie nichts über diesen Vorgang, der sich im Mutterleib vollzieht. Ebenfalls vorzeigbar ist die Schlaganfallstation, die mit modernster Überwachungstechnik ausgestattet wurde. Neue Monitore, neue Laptops zur besseren 24-Stunden-Betreuung der Patienten – bei Schlaganfällen zählt jede Minute. Doch wie harmonieren die alten Anlagen im Keller mit neuester Medizintechnik?

Manchmal fällt der Strom aus, wie vor einigen Monaten im OP-Trakt. Wasser aus den darüber liegenden Duschräumen tropfte auf einen Transformator, plötzlich lag eine ganze Station im Dunkeln. Für solche Fälle gebe es aber die Notstromanlage, beschwichtigt Ahrens: 15 Sekunden dauert es, dann springt sie im Keller an. Einen Tag lang kann sie das Haus versorgen – das muss sie auch, die teuerste Medizintechnik nutzt nichts, wenn das Netz versagt.

Patienten in Interimscontainer

2013 soll mit der Sanierung begonnen werden. „Wir investieren, um langfristig bei der Instandhaltung zu sparen“, betont Ahrens. Und es geht um Energieeinsparungen, um den Verbrauch pro Patient. 727 Betten gibt es derzeit in Mitte – diese Zahl soll deutlich sinken. Insgesamt hat die Charité zugesichert, 500 Betten abzubauen. Zudem soll an der Gebäudeisolierung gearbeitet werden. Wände und Häuserfassaden müssen gedämmt, Fenster abgedichtet werden. Ahrens denkt an die vielen Einfachverglasungen und an die hohen Heizkosten. „Das entspricht schon lange nicht mehr dem modernen Standard“, sagt er. Das Bettenhaus soll komplett entkernt werden. In zweieinhalb Jahren, so der Plan, soll alles fertig sein. Ahrens hält das für optimistisch. Die Anlagen im Keller müssen ausgetauscht werden, neue Rohre verlegt, neue Klimaanlagen montiert werden. Auch die poröse Fassade soll saniert werden. In dieser Zeit sollen Patienten in Containern untergebracht werden, was schwer vorstellbar ist, weil die noch nicht gebaut sind. Sie sollen dort entstehen, wo sich heute die Cafeteria befindet, die muss aber erst abgerissen werden. Falls der Platz nicht ausreicht, sollen Patienten auf andere Häuser verlegt werden.

2014 will der Senat über weitere Gelder für die Sanierung der Uniklinik beraten. „Die Charité wird wohl noch viele weitere Millionen Euro brauchen“, sagte Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner. Jetzt muss sie aber erst mal zeigen, dass sie das Geld sinnvoll verbauen kann.