Stadtplanung

So verändert die City West ihr Gesicht

Das angestaubte Image der City West wird aufpoliert. Denn Bauherren entdecken den alten Berliner Westen wieder. Sie investieren rund eine Milliarde Euro in Hotels, Büros, Läden und Wohnungen.

Normalerweise sind es Luxusboutiquen, die in der Nachbarschaft eines Waldorf-Astoria-Hotels liegen. Rund um das Zoofenster, in dem in einem Jahr die Berliner Dependance des New Yorker Nobelhotels öffnen wird, sind es aber Spielhallen, Pfandleihhäuser, Billigdiscounter und ein Erotik-Museum. Doch das stört die Investoren nicht. Sie sind sicher, dass das Waldorf auf die Nachbarschaft abstrahlt. Jean-Thierry Schüler, der die Bauherren des „Zoofenster“-Turmes mit dem „Waldorf-Astoria“ vertritt, sagt: „Die Umgebung wird sich sehr schnell ändern, wenn die Bauphase erst einmal abgeschlossen ist.“ Für pessimistische Gedanken wäre es jetzt ohnehin zu spät. Die Kolonne der Bauarbeiter hat mittlerweile die oberste 32. Etage erreicht. Am 22. Oktober soll Richtfest gefeiert werden.

Auch Charlottenburgs Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) ist davon überzeugt, dass der Hotelturm nach der für Herbst 2011 geplanten Eröffnung auch die Nachbarschaft aufwerten wird. „Die Billigläden“, sagt Gröhler, „wird man hier nicht mehr lange finden.“ Und so könnte sich erfüllen, was Stadtplaner und Anrainer seit Langem hoffen: Dass das Zentrum der City West rund um die Gedächtniskirche sein Schmuddel-Image verliert. Bauherren haben Projekte angeschoben, die es zusammen auf einen Investitionswert von rund einer Milliarde Euro bringen. „So viel Entwicklung hat die City West seit dem Wiederaufbau nach dem Krieg nicht mehr erlebt“, schwärmt Gröhler von der ungewohnten Dynamik, die so nach dem Fall der Mauer nur im Ostteil der Hauptstadt zu beobachten war.

Der Bau des „Zoofensters“, das Investoren aus Abu Dhabi finanzieren, war so etwas wie eine Initialzündung für weitere Bauvorhaben in der City West. Nach achtjähriger Bedenkzeit hatte sich jüngst auch die Bayerische Hausbau entschieden, ihre Immobilie, das heruntergekommene 50er-Jahre-Gebäudeensemble entlang der Budapester Straße, für einen dreistelligen Millionenbetrag umzubauen. Gekauft hatten sie das früher „Zoobogen“ genannte Ensemble aus Bikini-Haus, „Zoo Palast“ und dem benachbarten Hochhaus bereits 2002. Dann allerdings kamen dem bayerischen Unternehmen Zweifel, ob sich ein Investment in dreistelliger Millionenhöhe an diesem Standort auszahlen würde. Doch als das Zoofenster Stockwerk um Stockwerk in den Himmel wuchs, gaben die Bayern ihre Zurückhaltung auf.

Blick auf Giraffen und Elefanten

Nun sollen auf dem Dach des Bikinihauses Penthouses errichtet werden. In dem Gebäude ist eine Einkaufsmall, in dem bislang unzugänglichen Abschnitt zum Zoo eine Erlebnislandschaft geplant. Der Komplex unter der neuen Marke „Bikini Berlin“ werde unter Berücksichtigung der Denkmalschutzauflagen zu einer „neuartigen Adresse für Lebensfreude, intelligenten Konsum, Wohlstand ohne schlechtes Gewissen und für nachhaltiges Wachstum werden“, sagt der Chef der Bayerischen Hausbau, Jürgen Büllesbach. Ob die Mieter wirklich andere sein werden als in den sonstigen zahlreichen Einkaufspassagen Berlins, bleibt abzuwarten. Sicher ist dagegen, dass die Besucher des Hauses ab 2012 von der rund 7000 Quadratmeter großen begrünten Terrasse am Zoo fortan einen ungehinderten Blick auf Elefanten, Giraffen und anderes exotisches Getier haben werden. „In welcher Großstadt der Welt gibt es so etwas? – vorne Großstadt, hinten Entspannung“, wirbt Büllesbach.

Auch für den Zoo Palast gibt es gute Nachrichten. Der Kinobetreiber und Filmproduzent Hans-Joachim Flebbe wird nach der Sanierung das Haus übernehmen. Flebbe, der auch die Astor-Filmlounge betreibt, will aus dem Zoo Palast ab 2012 ein Erlebniskino machen.

Seit das Zoofenster seinen Schatten auf den Breitscheidplatz wirft, scheint auf einmal fast alles möglich. Selbst für das Haus Cumberland, die ewige Problemimmobilie am Kurfürstendamm 193/194, gibt es nun ernsthafte Investment-Absichten. Geld soll auch in das Kudamm-Karree fließen.

Angesichts der stadtbildprägenden Neubauten müssen die Postkarten, die heute noch in der City West verkauft werden, wohl bald eingestampft werden. Das beliebte Fotomotiv mit dem hohlen Zahn der Gedächtniskirche und dem blau leuchtenden Oktogon von Egon Eiermann daneben hat sich bereits radikal gewandelt. Das 118 Meter hohe Zoofenster dominiert nun die Sichtachse vom Wittenbergplatz über den Tauentzien bis zum Breitscheidplatz und lässt die 72 Meter hohe Kirchenruine, die auch Mahnmal gegen den Krieg ist, auf „Zwergenmaß“ schrumpfen.

Nur an der Hertzallee am Zoo scheinen die schönen Aussichten ein uneinlösbares Versprechen zu sein. Dort ist seit Jahren eine 13.000 Quadratmeter große Brache für den Bau eines Riesenrades reserviert, das aus seinen Gondeln spektakuläre Blicke über die Stadt bieten sollte. Für den Bau von Riesenrädern in Berlin, Peking und Orlando wurden von Kleinanlegern 208 Millionen Euro eingesammelt. Ein Teil davon wurde ausgeben, ein anderer umgeleitet. Staatsanwälte ermitteln.