Historische Eisfabrik

Warum Berliner Luxuslofts Kultur vertreiben

Radialsystem-Investor Thomas Durchlaub hat die denkmalgeschützte Eisfabrik in Berlin-Mitte erworben. Er möchte den Ort mit Kunst beleben. Der Bund sieht allerdings ein anderes Nutzungskonzept vor.

Foto: Christian Hahn

Die bundeseigene TLG Immobilien GmbH verhindert, dass Berlins Kreativszene um einen weiteren Kulturstandort bereichert wird. So lautet die Kritik des Investors Thomas Durchlaub. Mit dem „Radialsystem V“ hat der 44-Jährige ein Industriedenkmal am Friedrichshainer Spreeufer zum erfolgreichen Kulturstandort entwickelt. Jetzt will der Rechtsanwalt und Geschäftsführer der Bochumer Telamon Vermögensgesellschaft auch die am gegenüber liegenden Ufer stehende Eisfabrik in Mitte mit Kunst und Kultur beleben. Doch direkt daneben plant die TLG einen Neubaukomplex für Luxuswohnungen. Warum dies dem Konzept für einen Kunststandort in der Eisfabrik im Weg steht, erläutert Durchlaub im Gespräch mit Morgenpost Online.

Morgenpost Online: Herr Durchlaub, Sie haben auf dem ehemaligen Areal der Meierei Bolle die denkmalgeschützte Eisfabrik erworben, um dort einen weiteren Kulturstandort zu entwickeln. Wie soll der Standort direkt gegenüber dem erfolgreichen Radialsystem am anderen Spreeufer funktionieren?

Thomas Durchlaub: Das Radialsystem ist Heimstätte für Tanz und Musik. Die Bildende Kunst fehlt. Insofern ist das historische Hallengebäude der Eisfabrik als Ort Bildender Kunst mit all ihren Formen wie Performances oder Videoinstallationen das ideale Gegenüber. Die Eisfabrik ist als Ergänzung, nicht als Konkurrenz zum Radialsystem gedacht.

Morgenpost Online: Sie sind seit 2008 Eigentümer der Eisfabrik, warum ist da seitdem noch überhaupt nichts passiert?

Thomas Durchlaub: Das stimmt so nicht. Wir haben das Gebäude erst einmal für knapp 400000 Euro gesichert. Die frühere Eigentümerin, die bundeseigene TLG Immobilien GmbH, hat die Eisfabrik und die unterdessen abgerissenen Kühlhäuser seit den 90er-Jahren bewusst verrotten lassen. Die wollten unbedingt eine Abrissgenehmigung für die Kühlhäuser erreichen, um dort trotz Denkmalschutzes ein Neubauprojekt realisieren zu können. Und der Bezirk Mitte hat den Abriss abgesegnet.

Morgenpost Online: Die Eisfabrik steht aber noch unter Schutz?

Thomas Durchlaub: Ja. Dass das Gebäude überhaupt verkauft wurde, ist einzig der Tatsache geschuldet, dass es als Denkmal aus der Sicht der TLG ein Klotz am Bein gewesen wäre. Denn die bundeseigene Immobilien GmbH agiert hier mit Blick auf den schnellen Euro. Sie ist an diesem Standort nicht am Gemeinwohl oder an der Stadtentwicklung orientiert, sondern nur daran, schnell ein Bauprojekt zu realisieren. Danach zieht sie sich raus, so wie das die meisten Bauträger machen, ohne die weitere Entwicklung im Blick zu haben.

Morgenpost Online: Aber warum beginnen Sie nicht einfach wie geplant mit dem Umbau der Eisfabrik?

Thomas Durchlaub: Weil das nicht so einfach ist, solange die TLG an ihren Planungen für Luxuslofts festhält, was mit unserem Konzept und unseren Nutzern nicht kompatibel ist. Wir wollen dort einen Ort schaffen, der Kunst präsentiert, aber auch ebenso Möglichkeiten zur Produktion bietet. Also Werkstätten, Proberäume und ähnliches. Das hätte im Zusammenspiel von Eisfabrik und Kühlhäusern auch gut funktioniert. Das geht aber nicht, wenn direkt neben einem Veranstaltungsort ein Wohngebäude steht. Stellen Sie sich vor, Sie organisieren da mindestens vier, fünf Veranstaltungen in der Woche mit 200 bis 500 Menschen. Das gibt mit den Mietern der Lofts in kürzester Zeit Streit. Das wird nicht funktionieren, das sieht auch jeder Nutzer sofort ein.

Morgenpost Online: Gab es denn für beide Gebäude Nutzer oder Interessenten?

Thomas Durchlaub: Ja, bevor die TLG die Kühlhäuser abgerissen hatte, gab es sowohl für die Eisfabrik als auch für die Kühlhäuser eine Reihe ernsthafter Interessenten. Darunter beispielsweise das Haus der Kulturen der Welt, das eine Produktionsstätte für internationale Künstler sucht, oder auch das ROC Berlin (Rundfunk Orchester und Chöre GmbH Berlin unter anderem mit dem Deutschen Sinfonie Orchester Berlin oder auch dem Rias Kammerchor, d. Red.) sowie der Internationale -, der Deutsche - und der Berliner Chorverband. Galerien und Sammler sind ebenfalls interessiert.

Morgenpost Online: Laut TLG wäre der Erhalt der Kühlhäuser wegen Kontaminierung und schlechter Räumlichkeiten unwirtschaftlich gewesen.

Thomas Durchlaub: Das stimmt, wenn man von der 0815-Planung ausgeht, mit der die TLG jetzt anstelle der Kühlhäuser Lofts und Gewerbe realisieren will. Dies wäre in den alten Kühlhäusern nicht realisierbar gewesen. Aber wir hatten ein machbares räumliches Nutzungskonzept mit komplettem Belegungsplan auf die Bedürfnisse der an den Kühlhäusern interessierten ROC und der Chorverbände hin erstellt.

Morgenpost Online: War das der TLG bekannt? In einer Antwort von Staatssekretär Steffen Kampeter aus dem Bundesfinanzministerium auf eine Anfrage der Grünen zur Eisfabrik heißt es, es hätte kein Konzept für die Kühlhäuser gegeben.

Thomas Durchlaub: Die TLG kannte nicht die Details, wusste aber, dass wir ein Nutzungskonzept haben, das auch besondere Synergien aufweist.

Morgenpost Online: Welche?

Thomas Durchlaub: Wir hatten bereits einen auch zeitlich übergreifenden Raumbelegungsplan zwischen Chorverband, die mit ihren Laiensängern hauptsächlich abends die Räume nutzen und der professionellen Probennutzung der ROC, die tagsüber stattfindet. Das wäre eine wirtschaftliche Nutzung gewesen. Da gab es bereits Planungen auf fachlicher Ebene. Das ist die Nutzungsphantasie, die Sie brauchen abseits von ,ich mach mal ein bisschen Gewerbe mit einem Penthouse oben drauf'. Aber für kreative Lösungen müssen Sie unbedingt die Nutzer in die Planungen einbeziehen.

Morgenpost Online: Und das Problem der Kontaminierung?

Thomas Durchlaub: Das war seitens der TLG ein vorgeschobener Grund, um die Kühlhäuser abzureißen. Wir hätten die kontaminierten Beläge versiegelt und dann wäre das gut gewesen. Das ist alles machbar.

Morgenpost Online: Ist Ihr Projekt für die Eisfabrik jetzt auf Eis gelegt?

Thomas Durchlaub: Im Moment schon. Wir werden erst beginnen, wenn das Nutzungskonzept des ganzen Areals miteinander kompatibel ist. Uns laufen die Nutzer für die Eisfabrik weg, weil sie sich nicht beheimatet sehen in einer völlig neuen Umgebung mit Luxuswohnungen. Die Kreativen und Kunstproduzenten wollen nicht die Rolle einer Schmuckbrosche spielen, die letztlich nur der Gentrifizierung dient.

Morgenpost Online: Berlin wirbt immer damit, Kreativstadt zu sein. Was muss getan werden, damit es nicht beim Slogan bleibt?

Thomas Durchlaub: Berlin muss aktiv Standortpolitik betreiben. Das Engagement, das bislang viele Leute wie die Betreiber des Radialsystems an dem Standort erbracht haben, verdient mehr politische Unterstützung.

Morgenpost Online: In welcher Form?

Thomas Durchlaub: Bezirk und Senat müssen sich deutlich für den Kulturstandort im Bereich der Mediaspree einsetzen.

Morgenpost Online War kulturelle Nutzung nicht für Eisfabrik und an Stelle der abgerissenen Kühlhäuser vorgeschrieben?

Thomas Durchlaub: Nein, das war immer unser Wunsch, wurde aber nicht festgelegt. Wir wollen die Kette von Kulturstandorten unterschiedlichster Schwerpunkte von Radialsystem über Eisfabrik hin zum Deutschen Architekturzentrum oder zum Kraftwerk Mitte stärken.

Morgenpost Online: Was können Sie jetzt noch tun?

Thomas Durchlaub: Ich kann nur an die Politik appellieren, sich dieses Standortes anzunehmen. Es kann doch nicht sein, dass eine bundeseigene Immobilien GmbH hier Platz für Luxuswohnungen schaffen will und das Gemeinwohl komplett außer Acht lässt. Die Eisfabrik und das ganze Areal haben Potenzial für einen erfolgreichen Kunst-Standort