Abriss beginnt

Bolles Eisfabrik-Ensemble in Mitte ist bedroht

Wieder verliert Berlin ein Stück Tradition. Am Montag beginnen Baufahrzeuge mit dem Abriss der historischen Gebäude der Berliner Meierei Bolle. Nur die einstige Eisfabrik bleibt erhalten.

Das hätte Bolle gar nicht amüsiert. Wenn der 1910 verstorbene Gründer und Namensgeber der traditionsreichen Berliner Meierei Bolle noch erlebt hätte, wie es um die Bauten seiner ehemaligen Eisfabrik- und Kühlanlage steht, wäre "Amüsemang" kein Thema gewesen.

Auf dem Areal an der Köpenicker Straße in Mitte beginnen heute die Vorbereitungen für den Abriss der historischen Kühlhäuser. Wieder ein Stück (Bau-)Geschichte Berlins, das verschwindet. Das Ensemble einzelner Denkmäler wie Wohngebäude, Kühlhäuser und Eisfabrik aus den Jahren 1896 bis 1922 wird damit zerstört. Zwar bleibt die Eisfabrik mit Maschinenhalle und Kesselhaus erhalten, doch geht mit dem Abriss der Kühltürme der Eindruck der historisch einzigartigen Anlage verloren.


In den Ziegelsteinbauten, die jetzt abgerissen werden, wurden noch im vergangenen Jahrhundert Grundnahrungsmittel der Berliner gelagert. Wo früher Milch, Käse oder Würstchen gekühlt wurden, sollen Lofts, Büros und Gewerberäume entstehen. "Aquadrat" heißt das Projekt der TLG Immobilien GmbH, die mit dem noch vagen Neubauvorhaben nicht nur auf positive Resonanz stößt. Denn ursprünglich war hier eine kulturelle Nachnutzung gedacht.

Anwohner kämpfen für Kühlhäuser

So kämpft eine Initiative aus Mietern des ebenfalls zum Areal gehörenden Wohnhauses Köpenicker Straße 41 und Freunden des Denkmals jetzt für den Erhalt der Kühlhäuser. "Wenn die Türme verschwinden, wird die historisch einzigartige Anlage zerstört", sagt Peter Schwoch, Sprecher der "Initiative zum Erhalt des Ensembles um die Eisfabrik". Mit den Gebäuden verbinde sich Stadt- und Technikgeschichte. Ohne die Kühlhäuser wäre die Versorgung der damals stark ansteigenden Bevölkerung nicht problemlos möglich gewesen, sagt Schwoch. Der 42 Jahre alte Zimmermann wohnt im Mietshaus der Anlage und engagiert sich schon seit Jahren für den Erhalt des Ensembles auf dem 12 000 Quadratmeter großen Areal.

Vor 15 Jahren übernahm die TLG die Immobilie, die vor der Wende zuletzt als VEB Teil der Berliner Kühlhaus GmbH war. Passiert ist seither nicht viel, abgesehen davon, dass die einzelnen Gebäude in den vergangenen Jahren heruntergekommen sind.

Die TLG setzte beim Bezirk eine Abrissgenehmigung der Kühlhäuser durch, deren Unterschutzstellung aufgehoben wurde. Zwar sind die Kühlhäuser noch Denkmal, gelten aber offiziell nicht mehr als schützenswert. "Wir waren in 2007 und 2008 in intensiven kritischen Verhandlungen mit der TLG und froh, dass sich wenigstens für die architektonisch bedeutsamen Baukörper Maschinenhaus und Kesselhaus an der Spree eine Perspektive abzeichnete", sagt Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe heute.

Seit vielen Jahren schon habe der völlige Verlust des Ensembles gedroht. 2006 sei der Bezirk mit einer Sanierungsanordnung gegen die TLG vorgegangen, "die sich nicht in der Lage sah, überhaupt etwas zu erhalten", so Gothe. Der Baustadtrat hält die Kühlhallen architektonisch von untergeordneter Bedeutung und nur bedingt für Nachnutzungen geeignet. "Deshalb haben wir für diese Baukörper eine Abbruchgenehmigung erteilt - trotz der Zugehörigkeit zum Denkmalensemble, diese lässt sich auch keinesfalls nachträglich aufheben", betont Gothe.

Der seiner Ansicht nach erhaltenswertere Bau, die Eisfabrik, wurde allerdings auch erst nach dem Verkauf an die Telamon GmbH, Entwickler und Besitzer des Radialsystems, gesichert. "Das war auch wirklich allerhöchste Zeit. Wir haben das Gebäude standfest gemacht, lose Teile abgeschlagen und das Dach geschützt", sagt Gerhard Spangenberg, der für die Eisfabrik einen Sanierungsentwurf erarbeitet hat. Der Zustand der Bauten ist für den Architekt kein Zufall. "Man kann schon den Eindruck gewinnen, dass die TLG die Anlage hat verkommen lassen." Als Architekt des gegenüberliegenden, von ihm ausgebauten Radialsystems V, weiß Spangenberg sehr gut, welches Potenzial in solchen Industrieanlagen steckt. "Die Bausubstanz des Radialsystems war vor unseren Sanierungsarbeiten weitaus schlechter als die der Kühlhäuser. Die kann man durchaus sanieren."

Bei der TLG sieht man das anders. "Die Kühlhäuser sind nicht erhaltenswert", sagt Olaf Willun, Marketingleiter der TLG Niederlassung Berlin-Brandenburg. "Man sollte sich nicht zu sehr an das Alte klammern", meint Willun. "Warum sollen wir hier nicht etwas Neues bauen, das in 300 Jahren als Denkmal betrachtet werden könnte?"

Doch selbst die zeitgenössischer Architektur gegenüber sehr aufgeschlossene Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hofft, dass der Abriss der Kühlhäuser noch verhindert werden kann. "Natürlich würden wir das begrüßen."

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