Bustouren scheinen unter Kulturpolitikern im Trend zu liegen: Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister und damit auch für die Kultur zuständig, bereist regelmäßig Berliner Bezirke – bis zur Wahl in knapp einem Jahr wird er alle durchhaben. Sein Kulturstaatssekretär André Schmitz macht es ihm nach (meist am selben Tag, aber immer in einem anderen Bezirk) – und jetzt haben auch die Grünen diese Art der informativen Fortbewegung in Zeiten des Vorwahlkampfes entdeckt.

Im Mittelpunkt der Tour am Freitag stand der Bezirk Mitte, weil sich die „Zahl der existenzbedrohten Kulturstandorte in den vergangenen Monaten rasant vermehrt hat“, wie Alice Ströver, die kulturpolitische Sprecherin der Grünen, betonte. Und um den Stellenwert der Kultur innerhalb der Partei zu demonstrieren, machte auch die Fraktionsvorsitzende Ramona Pop die Tour mit. Das löst allerdings noch nicht die Frage, wer die große Lücke schließen wird, wenn Alice Ströver, gewissermaßen das kulturpolitische Gewissen der Partei, wie angekündigt im kommenden Herbst nicht mehr für das Abgeordnetenhaus kandidiert.

Insgesamt sechs Kultureinrichtungen wurden besucht – die Probleme sind allerdings nur begrenzt vergleichbar. Erstes Beispiel: Die Alte Eisfabrik an der Köpenicker Straße – vis-à-vis dem Radialsystem – ist momentan noch ein leerstehendes Industriedenkmal. Erworben wurde sie von demselben Investor wie das Radialsystem, allerdings konnte der nicht das ganze Areal kaufen, weil die Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG) einen Teil selbst vermarkten will, wie Gerhard Spangenberg erläuterte.

Dem Architekten schwebt im Auftrag des Investors der Ausbau der Alten Eisfabrik zu einem „Produktions- und Ausstellungshaus“ vor. Diese Pläne freilich kollidieren mit denen der TLG, die laut Spangenberg nebenan auf „Edelwohnungen mit Spreeblick“ setzt. Noch aber gebe es keinen Bauantrag, die TLG wolle die dort stehenden Kühlhäuser „auf Vorrat abreißen“, kritisiert Spangenberg. Entsprechende Vorarbeiten hätten gestern begonnen.

Der Architekt will hingegen die denkmalgeschützten Bauten erhalten und hofft auf ein Abriss-Moratorium und neue Verhandlungen mit dem Bund, dem die TLG gehört. Schließlich gebe es zahlreiche Interessenten für eine kulturelle Nutzung des gesamten Areals: Das Haus der Kulturen der Welt will demnach in der Alten Eisfabrik ausländischen Künstlern Ausstellungsmöglichkeiten und Werkstätten anbieten. Außerdem habe der Deutsche Chorverband und die Rundfunk- Orchester und -Chöre GmbH (ROC) Interesse an Proben- und Aufführungsräumen in den von Abriss bedrohten Kühlhäusern.

Während in der Köpenicker Straße ein neues Künstlerhaus entstehen soll, steht ein altes vor dem Aus: Dem Tacheles an der Oranienburger Straße droht bekanntlich die Räumung. Die Grünen fordern den Senat auf, mit dem Eigentümer des Areals, der HSH Nordbank, zu verhandeln, um den Kulturstandort zu retten.

Probleme mit den Eigentümern von Immobilien scheinen ein zentrales Problem in diesem unsubventionierten Kultursegment zu sein. Das trifft auf den Admiralspalast zu, wo Betreiber- und Eigentümer-Gesellschaft einen erbitterten Kampf führen. Die Betreibergesellschaft von Falk Walter ist derzeit in der Insolvenz. Und beim Schokoladen in der Ackerstraße versucht der Eigentümer, die Bewohner aus dem integrierten Wohn- und Kulturarbeitsprojekt hinauszuklagen.

So weit ist es bei der Fotogalerie C/O Berlin noch nicht, aber auch dort schwebt das Damoklesschwert über den Ausstellungsmachern. Bereits am 31. März kommenden Jahres läuft der Mietvertrag aus – die israelischen Investoren haben andere Pläne mit dem Postfuhramt. Weil das unsubventionierte Ausstellungshaus von vielen Touristen besucht wird, soll unbedingt ein neuer Standort in Mitte gefunden werden. Allerdings stehen die Chancen für einen Umzug in den nicht gut. Der Bezirk setzt dort lieber auf mehr Grün.