Ausstellungen

Weltweit erstes Computerspiel-Museum für Berlin

Wie wär's mit einer Partie Pong? Oder ein Wiedersehen mit den Lemmings? In Friedrichshain eröffnet das weltweit erste Museum für Computerspiele. Und dort darf auch ausprobiert werden.

Foto: KRAUTHOEFER

Erwachsene Menschen haben wochenlang kleine grüne Wesen an ihrem Bildschirm mit ihren Augen verfolgt, die ziellos durch eine bunte Welt laufen und nur gerettet werden können, wenn ein Mensch ihnen per Mausklick genau im richtigen Augenblick einen Schirm in die Hand gibt, sie ein Loch graben oder eine Brücke bauen lässt. Wenn sie ihr Ziel erreicht haben, rufen sie piepsend „Yippieh“ und springen in die nächste feindliche Welt. Diese kleinen grünen Selbstmörder hießen „Lemmings“ und bevölkerten vor ziemlich genau 20 Jahren die Bildschirme der PCs und Spiele-Konsolen – heute kennt sie fast niemand mehr. Zeit also, dass die Lemmings in einem Museum ausgestellt werden und dort leise „Yippieh“ rufen.

Dieses Museum gibt es demnächst wieder in Berlin, in den Räumen des ehemaligen Café Warschau an der Karl-Marx-Allee 93A nahe Straße der Pariser Kommune. Dort wird am 21. Januar das weltweit erste Computerspiele-Museum neu eröffnet. Anfang 1997 gab es schon einmal eine Ausstellung mit veralteten Geräten und Spielen, die aber nach vier Jahren schließen musste. In den folgenden zehn Jahren suchte das Team um Sammler und Kurator Andreas Lange neue Räume, lagerte Geräte und Spiele in Friedrichshain. Über 2300 Stück Hardware und rund 16.000 Spiele hat der 43-Jährige gesammelt. In der Zeit ohne festen Ausstellungsort gab es zwar immer wieder kleinere Ausstellungen im In- und Ausland – und vor allem hat sich in dieser Zeit die Außenwahrnehmung von Computerspiele gewandelt.

„Längst sind Computerspiele keine Nischenprodukte mehr“, sagt Andreas Lange, „sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen und greifen in alle möglichen anderen Bereiche der Kultur über.“ So gibt es inzwischen Romane und Filme zu aufwendigen Spielen wie „Halo“ oder „World of Warcraft“, und allgemein spielt schon jetzt die Videospielindustrie jährlich mehr Geld ein als die Filmindustrie. Die Spielfigur Lara Croft ist für einige zur Ikone einer selbstbewussten Frauenbewegung geworden – und Spiele wie „Grand Theft Auto“ haben schon Debatten darüber angeheizt, ob es denn nötig sei, dass der Bösewicht ausgerechnet von einem Serben gespielt werden muss. „Spiele waren schon immer Ausdruck der Welt, in der sie entstanden“, sagt Lange, und wer mit diesem Wissen durch die Ausstellung läuft, kann noch ganz eigene Geschichten entdecken. Doch schon die Entstehungsgeschichte der ersten Heimspiel-Konsolen hat mit der Realität des Krieges zu tun. Da ist die Geschichte von Ralph Baer, 1922 in Rheinland-Pfalz als Sohn jüdischer Eltern geboren, der im Alter von 16 Jahren mit seiner Familie in die USA emigrieren musste. Dort studierte Baer Fernsehtechnik und entwickelte ein Gerät, dass per Hebeldruck ein Quadrat auf einem TV-Bildschirm die Farbe von Rot zu Blau wechselte. Seine Firma dachte, Baer verschwende seine Zeit, und so forschte er zu Hause weiter – bis er die erste Version des heutigen „Pong“ entwickelt hatte, eine einfache Tennisvariante für den Fernsehbildschirm.

Pong-Automat hielt nur einen Tag

Wie erfolgreich Pong, das erste gewinnbringende Computerspiel, war, erfährt der Besucher des Museums im ersten Teil der Ausstellung, dem Geschichtsteil, der ganz in Gelb gehalten ist, übrigens auch die Farbe des ersten Pong-Automaten, der in einer Kneipe in den USA aufgestellt wurde. Nach nur einem Tag funktionierte er nicht mehr – es waren zu viele Münzen in den Automaten gesteckt worden, was ihn blockierte. Diese und andere Geschichten werden in der Ausstellung erzählt. Und es werden Maschinen gezeigt, die vielleicht einige sogar noch zu Hause haben. „Wir verstehen uns vor allem als Vermittler“, sagt Andreas Lange. Er wolle zeigen, dass Computerspiele nicht von außen auf die Menschheit kamen, sondern, dass der Mensch schon immer gespielt hat und die Entwicklung dieser Spiele eine ganz logische Folge ist.

Im Zentrum dieses Geschichtsteils hängt auch ein Foto, das zeigt, dass die Wiege des Computerspiels eigentlich in Berlin liegt: Es ist ein unscheinbares Schwarz-Weiß-Foto von einer Wirtschaftsmesse in Berlin von 1951. Darauf ist der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard mit Kanzler Adenauer zu sehen, wie sie das weltweit erste Computerspiel spielen. Eine britische Firma wollte ihren neuen Computer auf dieser Elektronik-Messe vorstellen – und kam für die Präsentation der Rechenleistung auf die Idee, den Zuschauer zum Spielen aufzufordern. Die Maschine bestand nur aus leuchtenden Dioden, die mit einer Konsole an- und ausgestellt werden konnten – und so ein altes Streichholzspiel imitierten. Auch dieses Spiel kann noch in der Ausstellung selbst nachgespielt werden. Wie überhaupt das Museum das Wort „Spiel“ im Namen sehr ernst nimmt. „Uns war von Anfang an wichtig“, sagt Andreas Lange, „dass die Zuschauer hier kein normales Museum betreten, bei dem sie nur Dinge betrachten und lesen müssen.“ Sie können auf farbigen Punkten auf dem Boden herumspringen, Flugsimulatoren testen oder selbst mit ihrem Körper einen Joystick nachstellen, jenen Spielhebel, der inzwischen schon fast aus der Mode geraten ist. Viele Spiele können deshalb angespielt werden – nicht zuletzt, um Eltern die Berührungsängste zu nehmen. Andreas Lange will eben vermitteln.

Mit dem Joystick zu den Meilensteinen

Im Zentrum der Ausstellung ist eine große grüne „Wand der Meilensteine“ aufgebaut. Mit einem Joystick können die Besucher ein Fadenkreuz auf einzelne Felder steuern. Auf diesen Feldern stehen die Namen berühmter und weniger berühmter Computerspiele: die Superhelden „Super Mario“ oder „Sonic“, das berühmte Windows-Spiel „Minesweeper“ und eben die „Lemmings“, jene ziellosen Wesen, die so süß „Yippieh“ rufen. Doch das Kuratoren-Team hat bewusst auch unbekanntere Spiele hier mit in die „Wand der Meilensteine“ aufgenommen. Mit dabei ist zum Beispiel „Zool“, das erste Spiel, das als Werbeidee der Lutscher-Firma „Chupa Chups“ auf den Markt kam. Oder „Herzog II“, das erste „Echtzeitstrategie“-Spiel, bei dem Einheiten aus der Luft gesteuert werden und in einen virtuellen Krieg geschickt werden. Auch das Thema Gewalt kommt im Museum vor – wenn auch nur an einer Stelle und sehr zurückhaltend. „Wir sehen das Problem“, sagt Lange, „und wollten wenigstens kurz auf die Diskussion eingehen.“ In der Konzeption habe er aber eng mit dem Jugendschutz zusammengearbeitet und keine gewaltverherrlichenden Spiele aufgenommen. „Einzelne Beispielvideos mussten wir im Nachhinein noch anders schneiden, “ sagt er, „damit auch wichtige Spiele wie ,Doom' oder ,Grand Theft Auto' mit vorkommen können.“

Schattenseite der Spiele

Viel wichtiger als die Gewaltdiskussion ist für ihn aber die Frage der Spielsucht. Auch sie wird an einer Stelle im Museum erwähnt. „Ich denke, dass sich hier in den kommenden Jahren noch viel entwickeln wird.“ Denn gerade Online-Rollenspiele wie World of Warcraft, das von Millionen Menschen auf der ganzen Welt gleichzeitig gespielt wird, bieten den Teilnehmern ein Rund-um-Programm: Eine Welt, die auf ihre Taten sofort reagiert, eine Möglichkeit, virtuelle Karriere zu machen – und sogar virtuelles Geld zu verdienen. „Selbst Freunde können die Spieler so im Netz finden.“ Dass diese Form der Unterhaltung auch negative Folgen auf das soziale Leben der Spieler haben kann, soll auch im Museum aufgezeigt werden. „Wir hoffen, solche Themen im Rahmen von Sonderausstellungen tiefer beleuchten zu können.“

Der Platz, das wird schnell deutlich, könnte in der Tat größer sein. „Sicherlich hätten wir die fünffache Fläche bespielen können“, sagt Andreas Lange. „Doch wir sind wirklich für diese schönen Räume, die auch nicht weit vom Alexanderplatz liegen.“ Das Museum sei schließlich auch ein Versuch, Touristen noch mehr in Richtung Friedrichshain zu locken. Außerdem hat den Kuratoren geholfen, dass der Deutsche Kulturrat vor zwei Jahren beschlossen hat, das Computerspiel offiziell als Kulturgut anzuerkennen – neben Literatur, Musik, bildender Kunst, Schauspiel, Tanz, Architektur und Film.

Kein Wunder also, dass im Computerspiele-Museum Spiele-Programmierer heute wie Künstler gefeiert werden. Auf einer Wand ganz hinten im Museum wird Alexei Paschitnow ab 21. Januar per Video erzählen, wie er auf die Idee zu „Tetris“ kam, jenem Mini-Spiel, bei dem kleine Blöcke vom Himmel fallen und richtig einsortiert werden müssen. Das kann Stunden dauern oder auch nur so lange, bis der nächste Bus kommt. Noch heute ist Tetris auf vielen Mobiltelefonen vorinstalliert – übrigens das nächste Thema für eine Erweiterung des Museums. Denn immer mehr Spiele werden inzwischen schon nur noch für Telefone, sogenannte Smartphones, entwickelt. Wer eines hat: Gut aufheben! In zehn Jahren sind die vielleicht auch reif fürs Museum.