Winterschäden

Tauwetter lässt Berliner Straßen aufbrechen

Nach dem Schneechaos ist vor dem nächsten Ärger: Wie jedes Jahr verwandeln sich die Berlins Straßen mit dem ersten Tauwetter in Schlaglochpisten. Auch der herumliegende Silvestermüll und nicht geräumte Wege ärgern die Berliner.

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Berlins Straßen sind teilweise wieder vom Schnee befreit – dem Tauwetter sei Dank. Ungefährlicher werden Berlins Straßen dadurch trotzdem nicht, zeigen sich doch jetzt wieder die zahlreichen Schlaglöcher, die der Winter in die Fahrbahnen gefressen hat.

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Ungeräumte Straßen, vereiste Gehwege, Matschberge am Straßenrand – der Ärger über das Schneechaos ist noch nicht vorbei, da zeigt sich bereits das nächste Winterproblem. Berlins Straßen verwandeln sich mit dem ersten Tauwetter in Schlaglochpisten. Auf vielen Routen wie der Schöneberger Hauptstraße oder der Otto-Suhr-Allee in Charlottenburg bröckelt der Asphalt, tiefe Löcher tun sich auf.

Noch haben die Tiefbauämter der Bezirke keinen Überblick über die Winterschäden auf ihren Straßen. Doch bereits jetzt zeichnet sich ab, dass der starke Frost der vergangenen Wochen den Asphalt an vielen Stellen gesprengt hat. Beispiel Charlottenburg-Wilmersdorf: Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) rechnet mit massiven Schäden „auf nahezu allen Hauptverkehrsstraßen“. Ausnahmen erwartet der Stadtrat nur auf den Abschnitten, die im vergangenen Jahr gründlich saniert worden sind wie beispielsweise auf der Straße des 17. Juni.

Dabei hat der Winter gerade erst begonnen. „Wir werden uns vermutlich im Februar, März alle wieder die Augen reiben, weil wir feststellen, dass wir zu mehr als Flickschusterei nicht in der Lage sind“, prognostiziert Gröhler. Das sei den Bürgern kaum zu vermitteln. Gut zwei Millionen Euro, die dem Bezirk 2011 für die Straßenunterhaltung zur Verfügung stehen, seien jedoch nicht mehr „als ein Tropfen auf einen kochend heißen Stein“. Im Bezirk habe sich ein Investitionsbedarf für Straßen, Rad- und Gehwege von rund 100 Millionen Euro aufgestaut.

„100 Kilometer Schrottstraßen“

Ein ähnliches Bild zeichnet sein Pankower Kollege Jens-Holger Kirchner (Grüne). Für eine Bestandsaufnahme sei es zwar noch zu früh, sagt Kirchner: „Es hat ja noch nicht einmal richtig getaut.“ Aber auf wichtigen Hauptstraßen wie der Gustav-Adolf-Straße und der Berliner Allee seien bereits jetzt tiefe Schlaglöcher entstanden. 2,9 Millionen Euro stehen 2011 für Instandsetzungsarbeiten zur Verfügung. Von 584 Kilometern Straßen im Bezirk, so schätzt Kirchner, seien aber „100 Kilometer Schrottstraßen“. Mehr als eine provisorische Reparatur mit Kaltasphalt sei bei der Witterung derzeit ohnehin nicht möglich. In Spandau rechnet Tiefbauamtsleiter Michael Spiza ebenfalls damit, „dass es überall zu massiven Schlaglöchern kommen wird“, wie sie schon jetzt auf der Heerstraße erkennbar seien.

Die zwölf Bezirke hoffen, dass der Senat ihnen wieder mit einem Schlagloch-Sonderprogramm hilft, die größten Winterschäden zu beseitigen. 2010 hatte der Senat zur Beseitigung der Schlaglöcher zusätzlich 25 Millionen Euro verteilt. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung will über ein neues Sonderprogramm nicht vor März entscheiden. „Erst wenn der Winter zu Ende ist, können wir die Notwendigkeit beurteilen“, sagte Sprecher Mathias Gille.

Aber nicht nur für Autofahrer zeigt sich Berlin derzeit von seiner hässlichen Seite. Zum grauen Schneematsch auf Plätzen und Straßen gesellt sich nun auch der Silvestermüll – zum Teil begraben unter einer dicken Eisschicht. „Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass Flaschen und Böllerreste auch von denen wieder eingesammelt werden, die vorher ihren Spaß damit hatten“, mahnte Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Linke) noch vor Silvester. „Die Resonanz war unterschiedlich“, zog Lompschers Sprecherin Marie-Luise Dittmar am Montag Bilanz. „Vor allem viele Lokale haben ihren Silvestermüll weggeräumt. An anderen Stellen ist gar nichts passiert.“ Die Grünen mochten dafür nicht der BSR die Schuld geben. „Sie haben in diesen Tagen doppelt zu tun, die Leute müssen ihre Raketen-Reste selbst mitnehmen“, sagte Irmgard Franke-Dressler (Grüne). Sie selbst habe in einer großen Gruppe geböllert und den Müll eigenhändig entsorgt. Uwe Goetze von der CDU sieht das anders: „Wenn zur Beseitigung von Schnee und Eis zusätzlich Kräfte beschäftigt werden, muss dies künftig auch zur Beseitigung des Silvester-Mülls geschehen, sonst sieht es jedes Jahr so aus“, sagte Goetze.

Kehrmaschinen nicht einsetzbar

Mit 1200 Mitarbeitern war die Berliner Stadtreinigung (BSR) am Montag unterwegs, um den gröbsten Dreck wegzumachen. Für die Männer in Orange ist das ein bekanntes Dilemma. „Zunächst müssen wir uns um den Winterdienst kümmern. Erst dann ist der Böllermüll dran“, sagte BSR-Sprecher Bernd Müller.

Zwar sind touristische Plätze und Hauptstraßen oberflächlich von den Partyresten befreit, in Seitenstraßen aber liegen noch die abgebrannten Knaller. „Unsere Mitarbeiter können derzeit nur per Hand den Müll beseitigen. Unsere über 100 Kleinkehrmaschinen sind bei diesen Temperaturen nicht einsetzbar, weil sie mit Wasser arbeiten. Wir können das Eis nun mal nicht abpickeln“, sagte Müller.

Das sagen sich offenbar auch einige Hauseigentümer, die trotz der strengeren Vorschriften im Berliner Straßenreinigungsgesetz das Eis vor ihrer Tür nicht weggehackt haben. Viele Bürgersteige sind noch immer spiegelglatt. „Die gesetzlichen Vorschriften sind klar: Das Eis muss weg“, betonte Lompscher-Sprecherin Dittmar. Mehr als 7000 Beschwerden wegen nicht geräumter Gehwege sind im Dezember bei den zwölf Berliner Ordnungsämtern eingegangen. Circa 4000 Anzeigen haben die Ordnungshüter geschrieben. Allein die Mitarbeiter des Ordnungsamtes Mitte haben in diesem Winter 411 Anzeigen erstellt, weil die Räumpflicht nicht erfüllt war. „Stadtweit ist nicht ausreichend geräumt“, sagte Mittes Wirtschaftsstadtrat Carsten Spallek (CDU). Die Firmen hätten dieses Jahr einen erheblichen Aufwand betrieben, um Eis gar nicht erst entstehen zu lassen, hielt Katja Heers vom Verband Berliner Schneeräum-Unternehmen dem entgegen.

Voraussichtlich zum Ende der Woche werden vereiste Gehwege aber kein Thema mehr sein. „Es wird bis zu fünf Grad Celsius geben, am Wochenende tagsüber sogar sieben bis acht Grad ohne Nachtfrost“, sagte Stefan Kreibohm vom Wetterdienst Meteomedia. „Für die erste Januarhälfte ist der eiskalte Winter damit vorerst vorbei“, so Kreibohm.