Sozialunternehmen

Welches Auto der neue Treberhilfe-Chef fährt

Gideon Joffe ist seit zwei Wochen neuer Chef der Berliner Treberhilfe. Das Sozialunternehmen war durch die Maserati-Affäre in Misskredit geraten. Welchen Dienstwagen sich der 38-Jährige leistet und wie viele Klagen derzeit laufen, darüber spricht er mit Morgenpost Online.

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Die durch die „Maserati-Affäre“ in die Schlagzeilen geratene Treberhilfe Berlin hat inzwischen mit Gideon Joffe ihren fünften neuen Geschäftsführer, nachdem Firmenchef Harald Ehlert sich im März 2010 auf die Rolle des Gesellschafters zurückzog. Trotz der massiven Anwürfe von außen hat es das Unternehmen geschafft, weiter am Markt zu bestehen. Und das, obwohl die Diakonie das Obdachlosen-Hilfsunternehmen aus dem Verband ausschließen möchte, Sozialsenatorin Carola Bluhm (Linke) droht, Subventionen zu entziehen, und die Staatsanwaltschaft prüft, ob Harald Ehlerts Geschäftsführung zu beanstanden ist. Keine einfachen Startbedingungen für den 38 Jahre alten neuen Chef der Treberhilfe.

Morgenpost Online: Herr Joffe, wie ist die Stimmung im Unternehmen? Warum wechseln so viele Mitarbeiter?

Gideon Joffe: Ich habe es in der kurzen Zeit noch nicht geschafft, alle Mitarbeiter der fast 30 Projekte und Einrichtungen zu besuchen. Ich war allerdings überrascht, wie gut die Stimmung der Mitarbeiter ist, wenn man bedenkt, wie die Treberhilfe in letzter Zeit dargestellt worden ist. Die Zahl der Mitarbeiter ist von 2006 bis 2009 von 130 auf 280 gestiegen. In diesem Jahr standen etwa 50 Einstellungen 75 Kündigungen gegenüber. Die aktuelle Zahl von etwa 220 Mitarbeitern kommt vor allem dadurch zustande, dass Teilzeitarbeitsverhältnisse in volle Arbeitsstellen umgewandelt wurden. Betrachtet man die Entwicklungen der letzten Jahre, so ist das Verhältnis von Einstellungen zu Kündigungen in etwa gleichgeblieben.

Morgenpost Online: Der Treberhilfe wird aber auch vorgeworfen, sie zahle schlechter als andere und biete den Mitarbeitern zudem nur den vorgeschriebenen Mindesturlaub…

Gideon Joffe: Ein unabhängiger Wirtschaftsprüfer bestätigt, dass die Treberhilfe ohne Sonderzahlungen durchschnittlich zwölf Prozent besser bezahlt als das Land Berlin. Mit Sonderzahlungen sind es immerhin noch fast fünf Prozent. Auch einer Senatsverwaltung liegen diese Ergebnisse vor. Das Einstiegsgehalt nach TV-L (Tarifvertrag der Länder) beim Land Berlin liegt bei 2150 Euro, bei der Treberhilfe sind es 2300 Euro. Eine schlechte Bezahlung kann also nicht der Grund sein.

Morgenpost Online: Sie haben erst vor wenigen Wochen als Geschäftsführer der Treberhilfe begonnen und sollen sich selbst um den Job beworben haben. Was hat Sie dazu veranlasst?

Gideon Joffe: Ich habe mich nicht als Geschäftsführer beworben, sondern bereits vor Monaten der Treberhilfe meine Unterstützung angeboten. Ich habe Erfahrung mit sozialen Organisationen, die in Turbulenzen geraten sind. Ich betrachte es als ein sinnvolles Ziel, die irrationale Diskussion um die Treberhilfe wieder in sachliche Bahnen zu lenken. Selbst Kritiker aus Politik, Verbänden und Konkurrenz loben die herausragende Qualität der Arbeit und die exzellente Personalpolitik.

Morgenpost Online: Harald Ehlert hat durch sein Verhalten als Chef einer sozialen Einrichtung mit Maserati und Chauffeur sowie einem opulenten Gehalt die Treberhilfe in einen schlechten Ruf gebracht. Er gilt als starke Persönlichkeit, können Sie überhaupt eigenverantwortliche Entscheidungen treffen, oder hält er doch noch die Fäden in den Händen? Schließlich gehört ihm die Firma.

Gideon Joffe: Herr Ehlert ist Gründer und Teileigentümer des Unternehmens. Es stellt sich die Frage, ob die qualitativ gute Arbeit der Treberhilfe in den letzten 20 Jahren tatsächlich nichts mit ihrem Gründer zu tun haben kann. Bezüglich der eigenverantwortlichen Entscheidungen glaube ich nicht, dass die Gesellschafter so unwirtschaftlich handeln und mir ein Gehalt zahlen, damit ich das Denken und die Arbeit einstelle. Für das Problemauto hat sich Herr Ehlert übrigens entschuldigt. Darüber hinaus sollte aber nicht vergessen werden, dass höherwertige Dienstwagen auch in der Wohlfahrtspflege nichts Ungewöhnliches sind.

Morgenpost Online: Wie viele Rechtsanwälte beschäftigen Sie, wie viele Klagen laufen momentan?

Gideon Joffe: Es wäre erfreulich, wenn die Rechte der Treberhilfe so geachtet werden würden, dass wir auf die Beschäftigung von Anwälten verzichten könnten. Zu meinem Bedauern ist das nicht der Fall. Der Treberhilfe Berlin e.V. klagt gegen den Paritätischen Wohlfahrtsverband und die Treberhilfe gGmbH klagt gegen das Diakonische Werk. In beiden Fällen wird gegen den meiner Meinung nach rechtswidrigen Ausschluss geklagt. Darüber hinaus setzen wir uns mit der Senatsverwaltung für Soziales über die rechtlich bedenkliche Zuwendungspraxis auseinander. Unabhängig vom Ausgang dieser Verfahren werde ich mich dafür einsetzen, im Sinne der bedürftigen Menschen und unserer Mitarbeiter sinnvolle und stabile Kompromisse auszuhandeln.

Morgenpost Online: Was ist mit den 700.000 Euro Zuwendungen für das Straßensozialprojekt? Das Sozialgericht hatte ja entschieden, dass Sie zumindest eine Begründung für die Ablehnung durch die Senatsverwaltung für Soziales erhalten müssten. Steht Herr Ehlert dazu, für die 700.000 Euro aufzukommen?

Gideon Joffe: Die Zuwendungen der Senatsverwaltung für Soziales waren sowohl für die Beratungsstellen als auch für die Straßensozialarbeit vorgesehen. Die Arbeit in diesen Bereichen wird fortgesetzt. Das Sozialgericht hat der Sozialverwaltung drei Möglichkeiten nahegelegt: Ablehnung, Bewilligung oder Kompromiss. Eine Ablehnung wird schwer, die Bewilligung will die Sozialverwaltung nicht, und einen Kompromiss würde ich befürworten. Herr Ehlert hat erklärt, dass die Weiterführung der Projekte durch die Gesellschafter beschlossen wurde. Meine Aufgabe ist es nun, die Finanzierung sicherzustellen.

Morgenpost Online: Sie sind Betriebswirt. Hat die Rufschädigung dem Betrieb wirtschaftlich geschadet?

Gideon Joffe: Meiner Einschätzung nach ist der Umsatz 2010 in etwa so hoch wie der 2009. Die Missachtung der Rechte der Treberhilfe hat allerdings zu höheren Kosten – vor allem für die Rechtsbeistände – geführt.

Morgenpost Online: Was fahren Sie für ein Auto?

Gideon Joffe: Privat fahre ich einen Lupo, als Dienstwagen steht mir ein BMW X3 zur Verfügung.

Morgenpost Online: Halten Sie solche Geschäftswagen für ein Unternehmen, das sich aus der Zuwendung der öffentlichen Hand für Menschen in Not finanziert, für angemessen?

Gideon Joffe: Die Treberhilfe finanziert sich im Wesentlichen nicht aus Zuwendungen, sondern wie eine Arztpraxis oder eine Pflegestation aus abgerechneten Leistungen. Eine Finanzierung von repräsentativen Dienstwagen aus Zuwendungen oder Spenden lehnen alle Entscheidungsträger der Treberhilfe kategorisch ab. Zurzeit prüfe ich den Vorschlag des haushaltspolitischen Sprechers der Grünen, die Dienstwagenrichtlinie des Senats auch für die Wohlfahrtspflege anzuwenden.

Morgenpost Online: Wie ist die Prognose für die Treberhilfe?

Gideon Joffe: Ich glaube, dass sich die gute Qualität der Arbeit durchsetzt. Bei den Mitarbeitern bedanke ich mich für ihre hervorragende Arbeit und die guten Nerven.