Demonstration

Zehntausende protestieren in Berlin gegen Atomkraft

Bei der größten Anti-Atom-Demonstration seit mehr als 20 Jahren haben am Samstag in Berlin Zehntausende den sofortigen Ausstieg aus der Kernenergie und die "Stilllegung aller Atomanlagen weltweit" gefordert. Die mit Sonderzügen und Bussen aus dem gesamten Bundesgebiet angereisten Demonstranten zogen friedlich durch das Regierungsviertel zum Brandenburger Tor.

Mehrere Zehntausend Menschen haben am Sonnabend in Berlin für einen weltweiten Ausstieg aus der Atomenergie demonstriert. Unter dem Motto „Mal richtig abschalten“ zogen die Teilnehmer vom Hauptbahnhof zum Brandenburger Tor, vom Lärm etlicher Trommeln und Trillerpfeifen begleitet. Die Veranstalter sprachen am Nachmittag von 50.000, die Polizei von 36.000 Teilnehmern. Mehr als 300 Traktoren waren schon am Vormittag aus Gatow zur Straße des 17.Juni gefahren. In der Innenstadt kam es zu erheblichen Staus.

Seit einer Woche war der Trecker-Treck aus dem niedersächsischen Wendland rund um das Atomlager Gorleben unterwegs gewesen, 30 Jahre nach der ersten Protestfahrt im Jahr 1979. „Wir haben gehofft, dass so viele Menschen gemeinsam mit uns auf die Straße gehen“, sagte Otto Stumpf, schon damals unter den Demonstranten.

Aus ganz Deutschland waren die Atomkraftgegner in Bussen und Sonderzügen zur größten Anti-Kernkraft-Demo seit Jahren gekommen. Ergraute Alt-Aktivisten hatten sich ebenso auf den Weg gemacht wie junge Umweltschützer. Auf Transparenten forderten sie ein sofortiges Ende der Kernenergie. Viele waren durch die Meldungen über das marode Atommüll-Lager Asse bei Wolfenbüttel mobilisiert worden. Neben Tausenden roten Sonnen mit dem 80er-Jahre-Slogan „Atomkraft? Nein Danke“ wehten Spruchbänder mit Sätzen wie „Atomlobby in die Asse“ oder „Atomkraft: Sicher ist nur das Risiko“ über den Köpfen. Auch Prominente wie Rocksängerin Nina Hagen und Spitzenpolitiker reihten sich ein, darunter Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse (SPD), die Grünen-Spitzenkandidaten Renate Künast und Jürgen Trittin, Grünen-Parteichefin Claudia Roth sowie Vertreter der Linkspartei.

„Die Asse hat viel in den Köpfen bewegt“, erklärte Hans-Rainer Mellmann die große Resonanz – vom Fahrersitz seines 42 Jahre alten Deutz-Treckers herunter. „Wir haben einfach Angst“, sagte Irmgard Herwig. Die 78-Jährige aus Wolfenbüttel nahm zum ersten Mal in ihrem Leben an einer Demonstration teil.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) wertete die Demonstration als klares Signal an Kanzlerin Angela Merkel (CDU). „Die Botschaft der Zehntausenden an die Bundeskanzlerin und an die Union ist eindeutig: Hört endlich auf, den verlängerten Arm der Atomindustrie zu spielen“, so Gabriel. Auf der Bühne sprach auch der Bauer Fritz Pothmer. „In meiner Familie bin ich in der dritten Generation im Widerstand“, sagte der 25-Jährige und schaute über die lange Schlange der Traktoren. „Eigentlich sind die Trecker nicht zum Demonstrieren gebaut und werden auf den Höfen dringend gebraucht“, rief er in sein Mikrofon. „Aber wir können nicht anders, der politische Irrsinn zwingt uns.“