Baupfusch

Kreuzberger Pamukkale-Brunnen wird abgerissen

Nur wenige Wochen sprudelte im Jahr 1998 der Pamukkale-Brunnen im Görlitzer Park. Dann bröckelte der Stein, wurde das Wasser abgedreht, das Areal abgesperrt. Acht Jahre stritten sich der Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain und der Künstler vor Gerichten über Schuld und Schadenersatz. Jetzt verschwinden die Pamukkale-Terrassen.

Foto: Marion Hunger

Mehr als zehn Jahre nach seiner Einweihung wird der Pamukkale-Brunnen im Görlitzer Park wieder abgerissen. Die terrassenförmige Anlage war schon kurz nach ihrer Eröffnung im Sommer 1998 gesperrt worden, weil sich das verwendete Baumaterial, Kalksand-Steinblöcke aus Portugal, als untauglich für Berliner Klimaverhältnisse erwies und bröckelte. Acht Jahre schwelte zwischen dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg und dem Künstler ein Rechtsstreit, der vor mehreren Gerichten ausgetragen wurde. Bildhauer Wigand Wittig wurde letztlich zur Zahlung von 1,1 Millionen Euro an den Bezirk verurteilt. Und der Brunen verschwindet nun.

„Das ist wie ein Albtraum“, sagt Irmgard Klette. „Es sollte ein fröhlicher Platz für Kinder werden, und jetzt sieht es hier aus wie 1945 nach einem Bombenabwurf.“ Die 75-Jährige hat sich den größten Teil ihres Lebens für den Görlitzer Park eingesetzt. Begonnen hatte es 1959. Sie und ihr Mann – beide in Kreuzberg geboren und aufgewachsen – suchten schon seit mehreren Jahren eine Wohnung. Als sie im Bezirksamt nachfragen wollten, sahen sie Pläne für einen Park, der auf dem Reichsbahngelände an der Görlitzer Straße entstehen sollte. Genau dort wollten sie wohnen. Und dort wohnen sie auch heute noch. Nicht immer in derselben Wohnung. Aber stets mit dem gleichen Blick auf das ehemalige Reichsbahngelände, das nach und nach zum Park umgestaltet wurde.

Irmgard Klette war eigentlich von Anfang an dabei. Es war für sie in bisschen auch wie die Suche nach dem Sinn des Lebens. „Ich wusste damals schon, dass ich selber keine Kinder bekommen kann“, erinnert sie sich. „Aber ich liebe Kinder und wollte etwas für sie tun.“ Und so ein Park zum Spielen und Toben sei genau das gewesen, was in der dicht besiedelten Gegend gefehlt habe. So war die eloquente Frau schon bald in vielen Kreuzberger Institutionen für ihre unorthodoxe Verhandlungsführung und ihren Durchsetzungswillen beim Kampf für den Görlitzer Park bekannt. Die heißt nicht nur Klette, hieß es, die ist auch wie eine Klette.

Bildhauer Wigand Wittig hat den Brunnen entworfen

„Der Pamukkale-Brunnen“, sagt Irmgard Klette, „sollte das I-Tüpfelchen sein“. Vorbild für die Wasserspiele im Görlitzer Park waren die beeindruckenden Kalksinterterrassen im Südwesten der Türkei. Nach ihnen ist die Kleinstadt Pamukkale benannt. Die Terrassen stehen auf der Liste des Weltkulturerbes der Unesco. Sie werden umspült von etwa 30 Grad heißem Quellwasser.

Die gelernte Verkäuferin Irmgard Klette hatte in der Freizeit Schülern ihres Kiezes Unterricht gegeben; oft auch Kindern, die aus türkischen Familien kamen. Sie kannte die Befindlichkeiten. Sie wusste, „dass es ein tolles Gefühl für die Eltern war, hier auch ein Stück Heimat hingebaut zu bekommen. Quasi wie eine Anerkennung: Ihr seid uns wichtig.“

Und sie hatte dann auch oft von dem Projekt erzählt. Diesen Brunnen, entworfen von dem Bildhauer Wigand Wittig, der an die auf unzähligen Urlaubskarten abgebildete Wasserlandschaft in der Westtürkei erinnern soll. Ein Pamukkale in Kreuzberg. „Ich hätte mich nicht mehr auf die Straße wagen können, wenn dieser Brunnen nicht gebaut würde“, sagt sie.

Und als es dann ernsthafte Bedenken gab und Streichpläne, die auch den Brunnen betrafen, wurden sie aktiv. Irmgard Klette fuhr damals ins Rote Rathaus und bat um ein dringendes Gespräch mit dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU). Der kannte sie schon und verabschiedete sie mit dem Versprechen, er werde den Pamukkale-Brunnen abends bei der Sitzung des Hauptausschusses auf die Agenda setzen. So kam es dann auch. Das Geld für den Brunnen wurde bewilligt: Umgerechnet rund 1,6 Millionen Euro. Unter anderen für 1000 Kalksandsteinblöcke aus Portugal. Genau genommen war das schon der Anfang vom Ende.

3,7 Millionen Mark wurden angeblich in den Sand gesetzt

Am 22. Januar 1998 titelte die "Bild"-Zeitung: „3,7 Mio in den Sand gesetzt“. Das klang prophetisch, war zu diesem Zeitpunkt aber so noch nicht gemeint. Tatsächlich ging es damals nur um die Betriebskosten des Brunnens, der noch gar nicht eingeweiht war; jährlich umgerechnet rund 50.000 Euro. Auch dafür fand sich ein Geldtopf. Das eigentliche Desaster wurde erste Monate später sichtbar, nach dem ersten Winter, als der Pamukkale-Brunnen zu bröckeln begann.

Irmgard Klette dachte damals sofort an einen Lkw-Fahrer aus Portugal, der Sandstein-Blöcke für den Bau des Brunnens nach der Kreuzberg gebracht, sich an die Stirn getippt und sinngemäß gesagt hatte: „Diese Steine für einen Brunnen? Was denken sich die Berliner? Diese Steine gehen doch bei dem Winter hier kaputt.“

Künstler Wittig, der den Sandstein höchstpersönlich ausgewählt hatte, sah es anders. Er vermutete die Ursache für die sich zersetzende Brunnenfassade in der unzureichenden Bauausführung. Später soll er auch von einer „gewollten Romantisierung“ gesprochen haben. Die Risse im Sandstein seien ein „gewünschter Effekt“, der mit der geforderten Frostsicherheit nichts zu tun habe.

Zu diesem Zeitpunkt war das ursprünglich als Freizeitort geplante Gelände schon umzäunt. Vorbei war es mit dem Platz für Kinder. Schilder warnten: „Betreten verboten!“ Und es schwelte ein Rechtstreit zwischen der Versicherung der Freien Planungsgruppe Berlin, die den Brunnen baute, dem Künstler Wittig und dem Bezirksamt, der mehr als acht Jahre dauern sollte. Sechs Gutachten wurden erstellt, die mehr als 50.000 Euro kosteten; ganz zu schweigen von den Anwaltskosten für dieses Verfahren, das mehrere Gerichte beschäftige.

Von Woche zu Woche zerfiel der Brunen mehr

„Die Dummen waren und sind die Anwohner und die Besucher des Parks“, resümiert Irmgard Klette. „Wir mussten erleben, wie der Brunnen Woche für Woche für mehr zerfiel.“ Ein paar Mal, sagt sie, habe es noch „so etwas wie Hoffnungsschimmer“ gegeben: Im Dezember 1999, als Irmgard Klette für ihr Engagement für den Görlitzer Park das „Bundesverdienstkreuz am Bande des Bundesverdienstordens“ erhielt und die Feierlichkeiten auch dafür nutzte, auf den traurigen Zustand des Brunnens zu verweisen. Oder im Juli 2000, als vor der an ein antikes Amphitheater erinnernden morbiden Brunnenkulisse eine Oper aufgeführt wurde. Claudio Monteverdis „Rückkehr des Odysseus“ in einer Kreuzberger Fassung mit Streichorchester, fünf Bläsern und einer Rockband. „Das war ein tolles Erlebnis“, erinnert sich Irmgard Klette. „Der Pamukkale-Brunnen war natürlich automatisch auch wieder ein Thema.“ Und nicht zuletzt dieser Tag im August letzten Jahres.

Friedberg Pflüger, damals noch Fraktionsvorsitzender der Berliner CDU, hatte den Görlitzer Park besucht. Er wollte sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel dafür gewinnen, sich für den Wiederaufbau des Pamukkale-Brunnen einzusetzen. „Für ein gutes und friedliches Zusammenleben zwischen Deutschen und Türken brauchen wird dieses Denkmal der Integration. Das ist eine nationale Aufgabe“, sagte Pflüger. Irmgard Klette stand damals neben ihm. Und sie weiß auch noch genau, dass er vorgeschlagen hatte, private Geldgeber aufzutreiben: „Ich kenne persönlich ein paar sehr reiche Türken.“

Wittig muss 1,1 Millionen Euro zahlen

Es wurde nichts daraus. Das lag nicht zuletzt an dem schwebenden Gerichtsverfahren, das keine Veränderungen an der Brunnenruine duldete. Das ist nun erledigt. Das Kammergericht verurteilte Wittig zur Zahlung von 1,1 Millionen Euro an den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

Der Künstler, der sich derzeit in Frankreich aufhält, soll aber schon deutlich gemacht haben, dass bei ihm nichts zu holen sei. Er habe jedoch vorgeschlagen, die 30.000 Euro Prozesskosten zu zahlen, allerdings nur in Raten, sagt Jutta Kalepky, parteilose Baustadträtin von Friedrichshain-Kreuzberg. Sie ist mit Wittig auch wegen der noch immer bestehenden Urheberrechte an dem Brunnen Gespräch.

Neue Ideen für das Areal gibt es schon

Und sie verspricht Veränderungen: Noch in diesem Monat soll der Schutt restlos beseitigt und auf den verbleibenden Betonterrassen Rollrasen ausgelegt werden. Kosten: insgesamt rund 80.000 Euro, zu zahlen vom Bezirk. Eröffnet werden soll außerdem – ebenfalls in diesem Monat –eine Ideenwerkstatt. Thema: die künftige Gestaltung der Reste des Pamukkale-Brunnens. „Wir wollen aber möglichst nicht nur mit Künstlern oder Kommunalpolitikern diskutieren. Mich interessiert vor allem die Meinung von den Leuten, die dort wohnen und die den Park auch benutzen“, sagt Jutta Kalepky.

Ideen gibt es schon heute. Einige wollen eine Plantage mit Obstbäumen, andere einen begrünten Hügel, wieder andere plädieren für den konsequenten Wiederaufbau zum „funktionierenden Pamukkale“, dafür könnten die verbliebenen Betonelemente dann ja auch eingefärbt werden. Ein Entertainer – Künstlername Doktor Seltsam – schlägt vor, jeder Passant solle doch einfach einen Stein mitnehmen, dann sei das Problem in zwei Monaten verschwunden.

Auch Irmgard Klette hat Vorstellungen: „Der Park hat nicht genug Spielmöglichkeiten für Kinder“, sagt sie. „Es könnte ein Platz werden, wo die kleinen Bewohner des Kiezes schaukeln, rutschen und klettern können.“ Dafür würde sie sich einsetzen. Aber vorher hat sie ein weitaus profaneres Ziel: „Ich kämpfe schon lange dafür, dass es hier endlich Toiletten gibt.“