Festnahme in Berlin

Polizei holt Ex-Terroristin Verena Becker aus Idylle

| Lesedauer: 8 Minuten
Dirk Banse und Uwe Müller
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Nachbar von Ex-RAF-Terroristin erzählt

Beamte des Bundeskriminalamts nahmen die frühere RAF-Terroristin Verena Becker in Berlin fest. Ihr wird zur Last gelegt, sich an dem Anschlag des "Kommandos Ulrike Meinhof" auf Siegfried Buback und zwei seiner Begleiter am 7. April 1977 als Mittäterin beteiligt zu haben. Ein Nachbar erzählt im Interview über Verena Becker und wie er sie kennen lernte.

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Das ehemalige RAF-Mitglied Verena Becker ist völlig überraschend festgenommen worden. Die Ermittler haben 32 Jahre nach dem Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback neue Erkenntnisse zu dem Fall - unter anderem weil Verena Becker an ihrer Autobiografie schreibt. Am Donnerstag standen die Ermittler vor ihrer Tür in einer Villa in Berlin-Zehlendorf.

Mit diesem Schritt hatte Verena Becker nicht gerechnet: Am Donnerstag wurde die ehemalige RAF-Terroristin von Beamten des Bundeskriminalamts (BKA) in Berlin verhaftet. Die Ermittler brachten die 57-Jährige zunächst in das Gebäude des Landeskriminalamts am Tempelhofer Damm, anschließend wurde sie nach Karlsruhe geflogen. Dort las ihr am Freitag ein Richter den Haftbefehl vor, der am am Freitagabend in Vollzug gesetzt wurde. Becker sitzt nun in Untersuchungshaft.

Verena Becker muss sehr überrascht gewesen sein. Noch am Mittwoch hatte ein Reporter der „Bild-Zeitung“ bei ihr geklingelt und sie gefragt, ob sie Siegfried Buback, einst Generalbundesanwalt, erschossen habe. Verena Becker antwortete ihm: „Nein, das wissen sie doch. Die Sache ist für mich erledigt.“ Auch ihre Nachbarn im noblen Viertel in Zehlendorf zeigten sich überrascht. „Sie wohnt schon seit zehn Jahren hier mit ihrer Schwester zusammen, sie ist total korrekt, unscheinbar und höflich“, sagte der Hausbesitzer. Vor der dreistöckigen Villa mit weißem Gartenzaun sind in einer kleinen Mauer mehrere Briefkästen eingebaut. Unter einer der beiden Hausnummern steht auf dem obersten Briefkasten der Name „Becker“. Die 57-Jährige, die 1977 zu einer lebenslangen Haft verurteilt und 1989 von Bundespräsident Richard von Weizsäcker begnadigt worden war, lebt zusammen mit ihrer Schwester im Gartenhaus hinter der Villa. Der Villen-Besitzer wusste von ihrer Vergangenheit: „Aber sie hat ihre Strafe verbüßt.“ Er könne nichts Negatives über sie sagen.

1980 war das Ermittlungsverfahren eingestellt worden

Schon einmal hatten die Bundesanwälte gegen Verena Becker wegen des Verdachts des dreifachen Mordes ein Ermittlungsverfahren geführt und sogar einen Haftbefehl erwirkt. Allerdings wurde das Verfahren im März 1980 eingestellt. Damals gab es keine Beweise. Seitdem ist die Kriminaltechnik aber erheblich weiterentwickelt worden. In diesem Jahr gelang es nun, die DNA von Verena Becker an mehreren Briefumschlägen nachzuweisen, in denen seinerzeit die Bekennerschreiben versandt worden waren. Zudem fanden sich auf Computern von Becker Hinweise auf ihre mögliche Mittäterschaft.

Was die neue Entwicklung in dem Fall besonders brisant macht, erklärt sich mit einem Rückblick in den März 1982. Damals erhielt die Bundesanwaltschaft einen wichtigen Hinweis auf den vermeintlichen Todesschützen von Buback. Das Bundesamt für Verfassungsschutz teilte auf informellem Weg mit, eine Quelle habe neue Erkenntnisse zu dem Verbrechen preisgegeben. Der Generalbundesanwalt war mit seinem Fahrer und einem Begleiter fünf Jahre zuvor in seinem Dienst-Mercedes getötet worden. Der Mörder hatte als Sozius auf einem Suzuki-Motorrad gesessen und mehrere Schüsse aus einem Gewehr abgefeuert.

27 Jahre später gewinnt der Hinweis, der einst die Bundesanwälte elektrisiert hatte, wieder an Bedeutung. Am Donnerstag vergangener Woche ist in Berlin die Wohnung jener Frau durchsucht worden, die damals die Quelle des Verfassungsschutzes war. Es handelt sich um niemand anderes als die jetzt verhaftete Verena Becker, die bereits 1977 wegen mehrfachen versuchten Polizistenmordes rechtskräftig verurteilt worden war.

Becker nannte Stefan Wisniewski als Täter

Becker hatte 1982 in Haft gegenüber einem Mitarbeiter des Verfassungsschutzes das RAF-Mitglied Stefan Wisniewski als Mörder von Generalbundesanwalt Buback genannt. Eine offizielle Aussage dazu will sie allerdings bis heute nicht machen. Die Hoffnung der Bundesanwaltschaft besteht wohl darin, dass Verena Becker in Haft unter dem Druck der neuen belastenden Indizien ihr Schweigen brechen wird. Die Frage ist, ob sie im Jahr 1982 gegenüber dem Verfassungsschutz Wisniewski ins Spiel gebracht hatte, weil er der Schütze war oder weil sie von sich selbst ablenken wollte.

Die jüngste Entwicklung muss Stefan Wisniewski beunruhigen. Er lebt nach Informationen von Morgenpost Online heute im Kölner Raum und galt einst als eines der skrupellosesten Mitglieder der RAF. In einem südjemenitischen Ausbildungslager erlernte „Fury“, so der Tarnname von Wisniewksi, das Terrorhandwerk und war als Karateausbilder tätig. Zudem soll er einer der besten Schützen unter den RAF-Terroristen gewesen sein. Die Rechtsanwältin von Wisniewski, Edith Lunnebach, sagte Morgenpost Online noch am vergangenen Mittwoch: „Mein Mandant und ich sehen den neuen Entwicklungen im Fall Buback gelassen entgegen.“

Wisniewski will nicht reden

Der 56-jährige Wisniewski, Sohn eines verschleppten polnischen Zwangsarbeiters, war bereits 1981 wegen der Entführung und Ermordung des Arbeitergeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Seit zehn Jahren ist er in Freiheit. Im Mordfall Buback ist gegen ihn nie Anklage erhoben worden. Der Hinweis von 1982 reichte nicht einmal aus, um ein förmliches Ermittlungsverfahren einzuleiten. Denn die damalige Becker-Aussage gegenüber dem Verfassungsschutz darf juristisch nicht genutzt werden. Damit soll die Quelle geschützt und nachrichtendienstliche Abläufe geheim gehalten werden.

Erst im April 2007 konnte gegen Wisniewski ein Verfahren wegen des Verdachts des Mordes an Buback eingeleitet werden. Anlass dafür war eine Aussage des ehemaligen RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock. Er behauptete ebenfalls, Wisniewski habe die tödlichen Schüsse auf den Generalbundesanwalt abgegeben. Allerdings gilt Boock als nur bedingt glaubwürdig. Trotzdem dauern die Ermittlungen gegen Wisniewski seit nunmehr zweieinhalb Jahren an.

Seine Anwältin sagte dazu: „Die Auswertung aller bislang verfügbaren Spuren hat keinen Tatverdacht gegen Herrn Wisniewski ergeben.“ Seine DNA wurde nach Informationen von Morgenpost Online mit Spuren abgeglichen, die an einem Motorradhelm, einer Motorradjacke und einem Motorradhandschuh der Suzuki gefunden worden waren. Die Auswertung erbrachte tatsächlich keine beweiskräftigen Treffer. Gleichwohl kann nicht ausgeschlossen werden, dass eine an der Motorradjacke gesicherte sogenannte Mischspur mit dem genetischen Material von Wisniewski übereinstimmt. Der Verdächtigte will sich laut seiner Anwältin selbst nicht äußern.

Keine DNA-Spuren von Becker am Tatort

Verena Becker, die wegen des Buback-Mordes ebenfalls nie angeklagt geschweige denn verurteilt worden ist, hatte 1982 gegenüber dem Verfassungsschutz drei Tatbeteiligte benannt. Demnach soll Günter Sonnenberg das Motorrad gefahren, Christian Klar das Fluchtauto gesteuert und Stefan Wisniewski geschossen haben. Alle drei Terroristen haben für ihre Verbrechen eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüßt.

Entgegen Beckers Version war 1980 das RAF-Mitglied Knut Folkerts wegen des Mordes an dem Generalbundesanwalt und seiner Begleiter zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt worden. Fünf Jahre später ergingen wegen des Anschlags auch Urteile gegen die RAF-Terroristen Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt. Das Verfahren gegen den mutmaßlichen Motorradfahrer Sonnenberg, den Richter bereits wegen zweifachen versuchten Polizistenmordes verurteilt hatten, wurde wegen seines schlechten Gesundheitszustandes eingestellt. Die Frage, wer geschossen hatte, blieb in den Prozessen unbeantwortet. Innerhalb der Bundesanwaltschaft galt zunächst Folkerts als Schütze. Einen Beweis dafür gibt es jedoch nicht.

Auch die Spurenauswertung ergab bislang keinen Beweis für die Anwesenheit von Verena Becker am Tatort. Beim Abgleich ihrer DNA mit der während der Tat benutzten Motorradkleidung stellte das Kriminaltechnische Institut des BKA fest, dass sie als Verursacherin der genetischen Spuren ausgeschlossen ist.

Als Verena Becker im Februar dieses Jahres in einem abgehörten Telefonat darüber sprach, ihre Erinnerungen aufschreiben zu wollen, weckte das großes Interesse bei den Bundesanwälten. Sie ließen Becker noch ein halbes Jahr Zeit mit der Niederschrift ihrer Memoiren, bevor sie einen Durchsuchungsbefehl beantragten. In ihrer Wohnung in dem Zehlendorfer Haus wurden drei Computer, ein Laptop und ein USB-Stick beschlagnahmt. Eine Woche später klickten die Handschellen.

Mitarbeit: Michael Behrendt, Sven Felix Kellerhoff, Steffen Pletl