Sonntag im Park

Mauerpark - wo Berlin ganz entspannt Berlin ist

Jeden Sonntag wird der Mauerpark in Prenzlauer Berg zu einem der spannendsten Orte der Stadt. Wer hier auffallen will, der muss schon ein besonderer Typ sein. Gedichte schallen durch Megafone, Hunderte feiern eine Karaoke-Party, andere bummeln über den Flohmarkt oder picknicken. Eine Galaxie für sich.

Dirk ist hier der Eisbrecher. Mitten im Sommer, bei 31 Grad im Schatten. Ganz in schwarz gekleidet, sein rot-blondes Haar hat sich an die Seiten seines länglichen Kopfes zurückgezogen, wankt er mehr auf die Stein-Bühne, als dass er geht. Sein Kopf hängt etwas verschüchtert auf der Brust, das Hemd spannt um die Bauchgegend – als erster greift er heute zum Mikro. Joe Hatchiban, der im Mauerpark in Prenzlauer Berg jeden Sonntag Berlins größte Karaoke-Party veranstaltet, gibt das Startsignal für Dirk. Leise plätschern aus den selbstgebauten Boxen die ersten Orgel- und Bläsertöne von Frank Sinatras "Summer Wind" in das große Halbrund. Ach, Dirk, möchte man ihm zuflüstern, das wird doch nichts, lass es lieber sein.

Aber Dirk lässt es nicht sein. Er weiß ganz genau, was er tun muss, wenn er auf der Bühne steht. Singen. Mit Whiskey in der Stimme. Gefühle zulassen. Sich öffnen. Die ersten Worte verlassen Dirks Mund – und die Menge staunt, klatscht, jubelt. Dieser Mann kann singen. Und wie.

Am körperlichen Ausdruck könnte er noch arbeiten. Wie eine Schaufensterpuppe steht Dirk da, nur sein linker Arm schaukelt ein wenig hin und her, während Joe Hatchiban ihn filmt, um den Auftritt bei "YouTube" zu veröffentlichen. Das ist Hauspolitik beim "Bearpit-Karaoke": Jeder Song kommt ins Netz. Und jeder wird umjubelt.

Hatchiban ist Ire, arbeitet als Fahrradkurier. Vor einiger Zeit erfand er die Mitsing-Party im Amphitheater des Mauerparks. Mit seinem orangefarbenen Lastenfahrrad karrt er Wochenende für Wochenende Laptop, Boxen, Sonnenschirm und einen kleinen Generator in den Park. Mittlerweile ist "Bearpit" eine Institution. Der Publikumsmagnet auf Berlins größtem Spielplatz. Und Hatchiban ist der Zampano. Der Dompteur einer nach skurrilen, lustigen, mitreißenden Momenten gierenden Meute. Er ist der Mann, der sie alle vereint an dem Ort: die Mitte-Schickeria und die digitale Bohème, die Hartz-IV-Familie und die Touristen, Studenten und Lehrer, Kinder und Großeltern. Deutsche, Vietnamesen, Südafrikaner. Anfangs, im März, kamen vielleicht 50 Leute. Jetzt sind es mehr als 1000.

Rudimente erinnern noch an die Teilung Berlins

Am Bühnenrand lehnt ein älteres Touristenpärchen, sie mit Berlin-T-Shirt, er mit Berlin-Aufnäher auf dem Rucksack. Beide tragen Plastik-Schiebemützen, ihre Köpfe wippen im Takt der Sinatra-Klänge. Sie halten Händchen, strahlen und schauen auf Dirk – und Dirk schaut in den Himmel. Auf der Suche nach dem Sommerwind, der nicht kommen will. In diesem Augenblick könnte es nirgendwo auf der Welt besser sein. Dirk gibt das Mikro an Hatchiban zurück, schleicht von der Bühne. Der riesige Applaus begleitet ihn auf seinen Platz.

Hatchiban hat Berlins vielleicht heterogensten Ort homogener gemacht. Er hat eine Attraktion erschaffen, die alle genießen. Eine Konsensveranstaltung in einer Ecke Berlins, in der das Wort Konsens als Schimpfwort gilt. An einem Ort durch den jahrzehntelang die Mauer lief. Auf dem schmalen, lang gezogenen Grünstreifen zwischen Bernauer Straße im Süden und Gleimstraße im Norden erinnern nur noch Rudimente an die Teilung Deutschlands. Kleine Löcher in den Pflastersteinen, in denen einst Verankerungen für Zaunpfähle steckten. Eine verschmierte und beklebte Karte am Eingang Bernauer Straße. Ein altes, NVA-graues Wachhäuschen, in dem eine hübsche, braunhaarige Frau steht und gedankenverloren in den Himmel schaut. In der rechten Hand hält sie ein Bier, die linke stützt ihr Kinn. Das auffälligste Relikt ist die steile Böschung, die hoch führt zu den Schaukeln und zum Ostrand des Mauerparks, der heute wie damals von den großen Flutlichtmasten des Jahn-Sportparks beäugt wird. Wenn diese überdimensionierten OP-Lampen auf den Fußballplatz strahlen, in dem früher der BFC Dynamo seine Europapokalspiele austrug, fällt ein fahler Rest des Lichts auf die Parkfläche.

Hier ist keiner anders und doch nicht jeder gleich

Anfang der 1990er-Jahre sollte hier eine 14 Hektar große Naherholungsfläche ohne Schnörkel erschaffen werden. Ein Freiraum im dicht besiedelten Prenzlauer Berg – ein Symbol der Wiedervereinigung. Doch die Stadt hatte nicht genug Geld, das Gelände freizukaufen – so sind bis heute nur acht Hektar realisiert worden. In einem Kompromiss zwischen Stadt, Bezirken und den Eigentümern der Fläche soll der Park nun weiter in Richtung Wedding ausgeweitet werden. Dafür könnte an der Westseite, an der momentan der Flohmarkt beheimatet ist, eine Wohnsiedlung entstehen. "Die geplante Luxuswohnbebauung würde eine soziale Mauer zwischen Wedding und Prenzlauer Berg schaffen", argumentiert die Bürgerinitiative "Park statt Mauern".

Doch noch steht hier keines der geplanten Häuser, die den Ausblick auf den Sonnenuntergang verhindern. Noch ist dies der Ort individueller Entspannung. Jammen, flirten, malen, selbstgeschriebene Gedichte per Megaphon vortragen. Hier ist keiner anders und doch nicht jeder gleich. Einmal pro Woche steigen einfach alle gemeinsam ein in die große Entschleunigungsmaschine.

Nicht mal auf dem Flohmarkt geht es hektisch zu. Szenemädchen mit riesigen Sonnenbrillen fläzen sich auf Retromöbeln, Verkäufer von Bio-Lebensmitteln füttern den Zeitgeist, Mittvierziger mit Pferdeschwanz stöbern in alten Led-Zeppelin-Platten. Ganz oben auf einem lieblos hingeworfenen Haufen alter CDs liegt die Single "Ich find' dich scheiße" des Mädchen-Trios Tic Tac Toe. Sie kostet 50 Cent.

Nicht schön, aber fesselnd

Die T-Shirts der Flohmarkt-Gänger sind lila, neongelb oder grellpink. Erich Honecker grüßt an jeder Ecke von großen Postern, DDR-Fahnen wehen, fast jeder will ein Stück Geschichte verkaufen. Der Geruch von Köfte und Zwiebelkuchen zieht über das schmale Gelände, es ist eng. Gewusel, Gedrängel, kein Geschubse. "Man kann den Geist Berlins an jedem Flecken atmen", sagt Mica aus Südkorea, die seit sechs Jahren in Berlin wohnt. Sie steht vor einem typischen Krimskrams-Stand und hält ein Glas Wein in der Hand. Das tiefe Rot des Burgunders spiegelt sich in ihren schmalen Augen.

Über ihr hängt ein Straßenschild mit verrosteten Lettern. Kastanienallee. Berlin, das ist für Mica die Stadt, in der das geschafft wurde, wozu Korea bis heute nicht in der Lage ist: zwei Länder, die zusammengehören, zu vereinen. Fast jeden Sonntag kommt sie hier her, weil das Flair des Mauerparks, das Zusammenstehen der Nationen ihr Mut macht. "Weil das hier Berlin ist", wie sie sagt.

Wenn das hier Berlin ist, dann ist Berlin ziemlich verdreckt. Plastiktüten, Bierdosen, Zigarettenstummel, Dönerreste in Alufolie liegen entweder neben den hilflos überquellenden Mülleimern oder direkt auf dem Rasen der Wiese, die ihren Namen nicht recht verdient. Der Mauerpark ist nicht im eigentlichen Sinne schön. Aber im besten Sinne fesselnd.

Publikumshungrige Literaten und Hobby-Marktschreier

Für die Boule-Spieler, die hier in der Nähe der Max-Schmeling-Halle auf kleinen Kiesfeldern eiserne Kugeln auf eine hölzerne werfen. Für die Gaukler, die Kinder mit Luftballonhunden verzücken und Studenten von hinten Wasser in den Nacken spritzen. Für die Basketballer, die unweit des Amphitheaters spielen. Für die Kleinkünstler, die auf Einrädern jonglieren. Und nicht zuletzt für die Parteien, die hier kurz vor der Bundestagswahl auf Stimmenfang gehen. Der Mauerpark ist eine Galaxie inmitten der Hauptstadt, in der verschiedene Planeten friedlich koexistieren. Eine Galaxie, in der nur derjenige auffällt, der es um jeden Preis will. Publikumshungrige Literaten, Hobby-Marktschreier, Ganzkörpertätowierte mit Propellern auf dem Kopf. Alle anderen verschwimmen am Sonntag zu einer großen Masse. Joe Hatchiban hat mit seinem "Bearpit-Karaoke" zu dieser schönen Entwicklung beigetragen.

Die Sonne verabschiedet sich langsam in die Nacht, von der Bühne wabern die letzten Töne von Britney Spears' "Oops, I did it again" in das Amphitheater. In dem standen auch schon die Berliner Nonsens-Rapper "Icke und Er" und sangen: "Ick brauch' keen Hawaii, denn ditt jefällt mir hier, ick bleib' in Berlin." Was für ein passender Soundtrack.

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