Nach mehr als 100 Jahren

Hertie in Berlin ist nun Geschichte

Zum letzten Mal hatten am Sonnabend die in Berlin verbliebenen Filialen Tegel und Hauptstraße geöffnet. Für die meisten der 260 Berliner Mitarbeiter ist nun die Zukunft ungewiss. Nur die Wenigsten haben bereits einen neuen Job gefunden. Auch die künftige Nutzung der geschlossenen Häuser ist völlig offen.

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Die mehr als 100-jährige Geschichte der Berliner Hertie-Kaufhäuser endete an der Berliner Straße in Tegel um 14.30 Uhr. Zuvor hatten Hunderte Kunden dem Haus auf der Suche nach Ausverkaufsschnäppchen oder um Abschied zu nehmen noch einen letzten Besuch abgestattet. „Außer ein paar kläglichen Resten ist nichts übrig geblieben“, resümierte Filialleiter Michael Gosda. An der Hauptstraße in Schöneberg war bereits um Punkt 12 Uhr Schluss. Geschäftsführer Dirk Büttner schloss die Glastüren und schickte die 48 Mitarbeiter nach Hause.

Das dritte Berliner Hertie-Kaufhaus an der Turmstraße in Moabit war bereits am Sonnabend vergangener Woche geschlossen worden. Die traditionsreiche Warenhauskette hatte in ihren guten Zeiten zehn große Kaufhäuser allein in Berlin betrieben. Nach einjähriger Insolvenzphase haben nun bundesweit alle 54 Hertie-Häuser geschlossen. Die meisten der insgesamt 2600 Mitarbeiter, von denen 260 in Berlin beschäftigt waren, erwartet nun die Arbeitslosigkeit. Entsprechend gedrückt war gestern die Stimmung unter den Verkäufern. „Wir haben bis zuletzt für den Erhalt unseres Hauses gekämpft und nun doch verloren“, sagt eine der Verkäuferinnen. Nun seien sie nur noch froh, wenn dieser „schreckliche Tag“ endlich zu Ende sei.

„Wir werden in der kommenden Woche noch aufräumen und einige Waren zurück an die Lieferanten schicken, mehr bleibt hier nicht zu tun“, so der Hertie-Tegel Filialleiter Michael Gosda. Im größten Berliner Hertie-Kaufhaus sind 98 Mitarbeiter von der Schließung betroffen. Der traurige Tag wird auf Wunsch der Hertie-Belegschaft, zu der auch die 45 Kollegen aus der Turmstraße gehören, mit einem großen Abschiedsfest in einer Strandbar in Spandau enden. „Die meisten wissen noch nicht, wie es für sie weitergeht“, sagt Gosda. Nur die Wenigsten hätten bereits einen neuen Job gefunden, auch seine eigene Zukunft sei noch ungewiss. Ungewiss ist auch, was aus den Kaufhausstandorten wird.

„Ich bin mir sicher, dass es wieder eine Einzelhandelsnutzung geben wird, dafür wurde das Haus schließlich gebaut“, sagt Filialleiter Gosta. Entschieden sei jedoch noch nichts. Auch in Schöneberg „bietet sich als Nachnutzung eigentlich nur Einzelhandel an“, meint der dortige Geschäftsführer Büttner. Aber auch in Schöneberg gibt es noch keine Klarheit, was aus dem Haus nun wird.

Die Unsicherheit, wie es in ihren Einkaufsstraßen weitergeht, beschäftigte gestern auch die Kunden und Anwohner. „In Zukunft werden wohl nur noch ein paar große Einkaufszentren in der Stadt überleben“, befürchtet Gerlinde Glitz mit Blick auf die andere Seite der Hauptstraße. Dort steht das Warenhaus der ebenfalls insolventen Woolworth-Kette. „Hier geht eine ganze Handelskultur flöten“, sagt die 54-Jährige.