Verdichtung

Bezirk plant Wohnriegel am Berliner Mauerpark

Vor allem am Sonntag geht es bunt und laut zu im Berliner Mauerpark. Bands spielen, es wird gegrillt, gespielt, auf dem Flohmarkt gehandelt, Karaoke gesungen. Ein Volksfest - kostenlos, fröhlich, unorganisiert, das Tausende Menschen anzieht. Bald könnte es damit vorbei sein. Denn der Bezirk plant eine weitere Bebauung des Gebietes.

Während der Bezirk Mitte seine Pläne feiert, den Mauerpark zu vergrößern, sind Anwohner und Initiativen auf beiden Seiten der Bezirksgrenze von Wedding und Prenzlauer Berg in heller Aufregung. Sie stören sich daran, dass ein etwa 30 Meter breiter Häuserriegel an der Westseite des Mauerparks entstehen könnte.

Er soll mit Unterbrechungen von der Bernauer Straße bis zur Höhe Kopenhagener Straße führen. Auf einem Treffen Ende Juli hatte Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) die Bürgerinitiativen und Vertreter der Bezirksverordneten-Versammlung informiert, wie der Kompromiss von Bezirksamt und Vivico aussehen soll. Der ehemaligen Bahntochter Vivico gehört das Gelände am Rand des Parks.

Demnach erhält der Bezirk für die Erweiterung des Mauerparks eine Fläche von 50 mal 1000 Metern von der Vivico. Im Gegenzug wird auf der restlichen Fläche Baurecht geschaffen für sechs- bis siebengeschossige Häuser. "Wir wollen auf dem ehemaligen Bahngelände eine Mischbebauung ermöglichen, mit Wohnhäusern und Hostels sowie zur Eberswalder Straße hin einem Hotel", sagt Gothe.

Der Bürgerverein Gleimviertel lehnt die Neubauten ab und kritisiert den "unsensiblen Umgang mit historisch bedeutsamem Areal". "Der so entstehende Park würde in seiner schmalen, lang gezogenen Form nicht funktionieren", sagt Heiner Funken vom Bürgerverein. Ein "unglaublicher Nutzungskonflikt" werde aufgemacht. Denn Bewohner der neuen Häuser könnten sich durch das laute Leben und Treiben im Park gestört fühlen und um 22 Uhr die Polizei rufen. Auf dem benachbarten Falkplatz wurde das Grillen beispielsweise bereits untersagt, weil sich Anwohner von Lärm und Rauchschwaden gestört fühlten.

Vor allem an den Sommer-Sonntagen herrscht bei gutem Wetter Volksfeststimmung im Park - im besten Sinne. Bands in teils erstaunlicher Qualität spielen, es gibt Karaoke, einen stark besuchten Flohmarkt und einen Blumenhändler, bei dem sich die Anwohner mit Pflanzen für ihre Balkone eindecken. Die vor allem jungen Menschen grillen, liegen in der Sonne, jonglieren oder joggen. Und noch spät am Abend kann es passieren, dass Dutzende Besucher zu Trommelrhythmen tanzen. Ein Auslaufgebiet für die Anwohner im bereits dicht besiedelten Prenzlauer Berg. Doch die Müllberge am Ende des Tages sprechen allerdings eine ebenso deutliche Sprache. Mitunter kommt es in der Nacht zu Randale.

Wenn es zu der geplanten Bebauung kommt "verkommt der Park zum Vorgarten einer Wohnsiedlung", sagt Funken. Außerdem werde die Trennung von Prenzlauer Berg und Wedding durch die Häuser manifestiert statt gelockert. Der Bürgerverein schlägt vor, den Park ohne Bebauung fertigzustellen.

Baustadtrat Gothe hingegen ist mehr als glücklich, dass es nach Jahren stockender Verhandlungen endlich gelungen ist, einen Kompromiss zu finden: "Wir erhalten 5,25 Hektar zusätzliche Fläche für die Vergrößerung des Mauerparks, ohne dass wir dafür etwas zahlen müssen. Das ist fast eine Verdoppelung der jetzigen Größe von acht Hektar."

Berlin will Fördergeld behalten

Es geht ihm auch darum, dem Senat die Peinlichkeit zu ersparen, den Zuschuss von 2,3 Millionen Euro an die Allianz-Umweltstiftung zurückzuzahlen. Der würde nämlich fällig, wenn das Land Berlin die Vereinbarung, den acht Hektar großen Mauerpark bis 2010 mindestens auf eine Größe von zehn Hektar auszuweiten, nicht umsetzen würde. Als der Park Anfang der 90er-Jahre angelegt wurde, hatte die Allianz-Umweltstiftung das Vorhaben nur mit dieser Bedingung unterstützt. Ansonsten müsse die Fördersumme zurückgezahlt werden. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung steht hinter dem Bezirk und trägt Gothes Plan mit.

Für die Vivico sei der Kompromiss umsetzbar, auch wenn sie keinen Gewinn damit mache, sondern es sich um ein Null-Summen-Geschäft handele, sagte Sprecher Wilhelm Brandt. "Unser kleineres Grundstück wird durch eine dichtere Bebauung wertvoller, nur so können wir uns das Verschenken leisten", so Brandt weiter. Genaue Pläne, wie die Bebauung aussehen soll, gebe es noch nicht. Dafür sei es viel zu früh. Außerdem habe das auf dem gesamten Areal ansässige Gewerbe bestehende Mietverträge, für die dann mittelfristig Lösungen gefunden werden müssten.

Doch der Bürgerverein Gleimviertel geht davon aus, dass der Kompromiss nicht realisiert wird. Denn dazu müsse ein Bebauungsplan aufgestellt werden, dem wiederum die BVV zustimmen müsste, sagt Heiner Funken vom Bürgerverein. Doch bei dem Treffen Ende Juli hätten die stadtentwicklungspolitischen Sprecher mehrerer Parteien die Pläne für den Gebäuderiegel abgelehnt. Funken zufolge wäre auch eine Änderung des Berliner Flächennutzungsplanes erforderlich. Sie müsste vom Abgeordnetenhaus beschlossen werden. mit hed

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