S-Bahn-Kollaps

Stadtbahn gekappt - BVG stoppt Ferienfahrplan

Bei der S-Bahn sind zwei Drittel aller Züge ausgefallen - ab Montag rollt auf etlichen Abschnitten keine S-Bahn mehr. Die zentrale Stadtbahnstrecke fällt komplett weg: Am Bahnhof Zoo, am Hauptbahnhof, am Hackeschen Markt, am Alexanderplatz und an anderen Stationen fährt keine S-Bahn mehr. Nun springen die Berliner Verkehrsbetriebe der S-Bahn bei: Die BVG stoppt ihren Ferienfahrplan und setzt zusätzliche Busse ein.

Das Video konnte nicht gefunden werden.
Fr, 17.07.2009, 18.36 Uhr

Krisengespräch mit Junge-Reyer und BVG

Video: TVB
Beschreibung anzeigen

Das Chaos bei der Berliner S-Bahn wird jetzt noch größer. Die täglich bis zu 1,3 Millionen Fahrgäste müssen sich von Montag an auf noch mehr Zugausfälle einstellen. So stellt das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn den Zugbetrieb in der Berliner Innenstadt zwischen Zoologischem Garten und Ostbahnhof komplett ein. Auch zwischen Olympiastadion und Spandau sowie Adlershof und Flughafen Schönefeld werden in den nächsten zweieinhalb Wochen keine Züge mehr fahren. Erst vom 10. August an soll sich das Angebot schrittweise wieder verbessern.

Berlins Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) lotete in einem Gespräch mit dem Bahnvorstand und der Spitze der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) Auswege aus dem anhaltenden Verkehrschaos bei der Berliner S-Bahn aus. Gesucht wurden Lösungen, um den bevorstehenden Ausfall in der Innenstadt abzumildern.

Die BVG kommen der S-Bahn nun zur Hilfe und verzichten weitgehend auf ihren Ferienfahrplan mit weniger Fahrten und längeren Takten. Danach wird das Unternehmen alle verfügbaren Busse aus ihren Depots holen und damit die X- und M-Linien verstärken, die wegen die S-Bahnausfälle besonders gefragt sind. Auch bei der U-Bahn werde die BVG alles auf die Schienen schicken, was möglich sei, hieß es. Auch die Tramlinien würden verstärkt.

Nach Angaben Junge-Reyers wird die S-Bahn die zusätzlichen Verkehrsleistungen direkt bei der BVG und anderen Verkehrsunternehmen bestellen. Überdies werde der Bahnkonzern seiner S-Bahntochter mit eigenen Bussen aushelfen. Außerdem würden die Prignitzer Eisenbahn und die Niederbarnimer Eisenbahn der S-Bahn zur Hilfe kommen. Die Kosten für die Bestellung dieser zusätzlichen Verkehrsleistungen sollen mit den einbehaltenen Geldern aus dem S-Bahnvertrag verrechnet werden.

Auslöser für die weitere Zuspitzung der Krise bei der S-Bahn sind nochmals verschärfte Sicherheitsauflagen des Eisenbahn-Bundesamts (EBA) für die wichtigste Baureihe der S-Bahn – die Baureihe 481/482. Frühestens Anfang Dezember könne wieder der normale Fahrplan gelten, sagte der für Personenverkehr zuständige Bahnvorstand Ulrich Homburg. Wegen des erforderlichen Austauschs von Tausenden Rädern sowie zusätzlicher Sicherheitschecks kann die Berliner S-Bahn nur noch ein Drittel ihrer Fahrzeugflotte einsetzen.

Reguläre Fahrplan erst Ende des Jahres

Die staatliche Aufsichtsbehörde hatte am Donnerstag nach mehrtägigen Beratungen entschieden, dass zusätzliche Radwechsel und eine weitere Verkürzung von Prüffristen für Räder und Achsen der Züge der Baureihe 481 nötig sind, um die Sicherheit im S-Bahn-Verkehr zu garantieren. Auf den dadurch verursachten Fahrzeugmangel will die S-Bahn mit einem – gegenüber den vergangenen Tagen – nochmals ausgedünnten Notfahrplan reagieren.

Neben der Einstellung des Verkehrs auf der Stadtbahn zwischen Zoologischer Garten und Ostbahnhof sieht dieser vor, weitere sechs Strecken in den Randbereichen Berlins und im Umland nicht mehr zu bedienen. Die Fahrgäste sollen auf Straßenbahnen und Busse der BVG oder Regionalzüge ausweichen.

Zumindest eine gute Nachricht im andauernden Chaos hatte Bahn-Vorstand Homburg am Donnerstag zu verkünden: Mit der neuerlichen EBA-Anordnung sei die Talsohle erreicht. Die Verfügung biete der S-Bahn eine verlässliche und planbare Grundlage für die schrittweise Wiederinbetriebnahme der Flotte. Nach seiner Einschätzung kann die S-Bahn ab Anfang Dezember wieder nach dem regulären Fahrplan fahren.

Einstellung auf etlichen Strecken

Die EBA-Anordnung hat erhebliche Auswirkung auf das gesamte S-Bahn-Angebot. Konkret heißt das: Lediglich die Ringbahnlinien S41 und S42 fahren weiter planmäßig im Zehn-Minuten-Takt. Die Ost-West-Linien werden zwischen Zoo und Ostbahnhof vollständig durch Regionalzüge ersetzt. Diese sollen zwischen Potsdam und Ostbahnhof tagsüber sieben Mal pro Stunde und Richtung fahren. Ebenfalls eingestellt wird der S-Bahn-Verkehr zwischen Westkreuz und Nikolassee, Mühlenbeck-Mönchsmühle und Blankenburg, Springpfuhl und Wartenberg sowie Strausberg und Strausberg Nord. Für alle Abschnitte stehen parallel laufende Bus- und Tramlinien zur Verfügung, heißt es bei Bahn.

Weiter eingeschränkt wird auch der Verkehr auf den Nord-Süd-Verbindungen. Lediglich die Linien S1 und S2 sollen noch im 20-Minuten-Takt fahren. Zusätzlich lässt die Bahn wie während der Fußball-WM 2006 eigens aus anderen Bundesländern herbeigeschaffte Nahverkehrszüge als S-Bahn durch den Fernbahntunnel unter dem Tiergarten fahren. Vier Mal pro Stunde und Richtung sollen sie zwischen den Ringbahnhöfen Gesundbrunnen und Südkreuz pendeln – mit Zwischenhalt im Hauptbahnhof und am Potsdamer Platz.

BVG will aushelfen

Die Berliner Verkehrsbetriebe kündigten an, zur Aufrechterhaltung des öffentlichen Nahverkehrs in der Stadt auf einen Ferienfahrplan mit längeren Taktzeiten zu verzichten. Stattdessen will die BVG in erheblicher Größenordnung zusätzliche Busse und Bahnen fahren zu lassen. "Mit Ausnahme der U4 werden wir ab Montag auf allen U-Bahn-Linien einen Fünf-Minuten-Takt fahren", sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz im Anschluss an ein Treffen von BVG-Vorstandschef Andreas Sturmowski mit dem neuen S-Bahn-Geschäftsführer Peter Buchner. Geplant ist außerdem, die Straßenbahnen auf der Metro-Linie M4 (Zingster Straße–Hackescher Markt) tagsüber im Abstand von vier Minuten fahren zu lassen. Insgesamt soll das Platzangebot auf den Tram-Linien um 25 Prozent und auf den Buslinien um 50 Prozent aufgestockt werden.

Zwei Monate freie Fahrt

Angesichts des S-Bahn-Chaos forderte die Berliner CDU als Entschädigung für die Fahrgäste zwei Monate freie Fahrt. Wer für Juli und August 2009 Monatskarten erworben hat, solle diese an S-Bahnschaltern gegen zwei weitere – und damit kostenlose – Monatskarten eintauschen können, erklärte der Landes- und Fraktionsvorsitzende der Berliner CDU, Frank Henkel, am Freitag. Abonnenten sollten den Kaufpreis für zwei Monate erstattet bekommen. Die Bahn hatte Stammkunden einen Monat freie Fahrt im Dezember angeboten.

Verzicht auf Parkgebühren gefordert

Der Autofahrerclub ADAC verlangte einen völligen Verzicht auf Parkgebühren in der Berliner Innenstadt. Da kein Ende der Zugausfälle abzusehen sei, müssten vor allem die Berufspendler aus dem Berliner Umland entlastet werden. Viele von ihnen würden inzwischen das eigene Auto nehmen, um ihren Arbeitsplatz in der Innenstadt zu erreichen, erklärte der Vorsitzende des ADAC Berlin- Brandenburg, Walter Müller. "Es ist legitim, für diese Menschen einen Ausgleich für die zusätzlichen Aufwendungen zu fordern, die sie zum Beispiel beim Tanken haben."

Nach Vorstellung Müllers könnten die Einnahmeausfälle an den Parkuhren durch die Gelder ausgeglichen werden, die der Senat an Zuschüssen für die S-Bahn einspart. Ausgefallene S-Bahn-Fahrten müssen nicht bezahlt werden. Müller rief Berufspendler dazu auf, nach Möglichkeit Fahrgemeinschaften zu bilden. (mit dpa/ddp)

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.