Ausstellung zum Humboldt-Forum

Wie das Stadtschloss als Museum funktionieren soll

Heute Abend eröffnet Bundespräsident Köhler die Ausstellung "Anders zur Welt kommen. Das Humboldt-Forum im Schloss". Die Schau zeigt, wie das im Stadtschloss im Innern einmal konzeptionell aussehen könnte. Morgenpost Online konnte sich bereits vorab umschauen.

Es ist die Woche des Humboldt-Forums. Erst am Montag stellten der frühere Berliner Kultursenator Thomas Flierl, ein vehementer Schlossgegner, und Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, in der Rotunde des Alten Museums den von ihnen herausgegebenen Band "Humboldt-Forum Berlin. Das Projekt" vor. Und heute Abend nun eröffnet Bundespräsident Horst Köhler eben dort die von vielen Fragen begleitete Ausstellung "Anders zur Welt kommen. Das Humboldt-Forum im Schloss". Die Präsentation des Sommers, die weit über die Grenzen Berlins Aufmerksamkeit bekommen wird: Das künftige Humboldt-Forum am Schloßplatz gilt als das Aushängeschild einer weltoffenen, zukunftsorientierten Republik.

Zeugnisse ferner Reiche

Morgenpost Online konnte bereits vorab einen Blick in die Schau werfen. Sie ist über mehrere Räume als assoziative, bunte Zeitreise angelegt. Dabei führt sie durch Jahrhunderte und durch Kontinente und verwandelt den Besucher in einen modernen Weltreisenden, der es lernt zu staunen über die Wunderschätze dieser Welt (Kulturen): vorbei an Reisekarten, Vasen, Maisgöttinnen, Türkisen, Federn, Mordswerkzeugen, Muscheln und Schuhen denkt oder träumt sich der Besucher in fremde, ferne Reiche. Sogar Schnecken bekommen wir zu sehen - als Kronzeugen der Evolution. Unter unseren Füßen breitet sich eine vielfarbige Weltkarte aus, die uns von Asien bis nach Amerika leitet, vorbei an einer faszinierenden Flotte von Mini-Holzbooten aus der Südsee, einer Publikumsattraktion in Dahlem. Sie wird fester Bestandteil des Humboldt-Forums werden.

Die Ausstellung wirft einen Blick darauf, wie das Humboldt-Forum konzeptionell aussehen könnte. Lange wurde über das Schloss gestritten und die Architekturentwürfe, doch erst jetzt nimmt mit der Ausstellungseröffnung das Konzept Kontur an. "Wir wollen zeigen", so Hermann Parzinger, Präsident der Staatlichen Museen und künftiger Hausherr des Humboldt-Forums, "in welcher Gestalt ein Humboldt-Forum sich entwickeln könnte. Wir arbeiten mit dem Grundgedanken der Beweglichkeit." Was heißen soll: Wir experimentieren, Änderungen sind jederzeit möglich. "Wir wollen Objekte sprechen lassen. Es öffnen sich Dialoge aus der Perspektive der Wissenschaft oder stellen sich Fragen, wie funktioniert überhaupt ein Stamm." Damit beschreibt Parzinger den Ausgangspunkt der Ausstellungsidee: Es gibt fein gesponnene Dialoge zwischen Kunst und Wissenschaft, Kultur und Natur, Teilbereiche, die einst als ein Ganzes gedacht wurden.

Neuer Museumstyp für das 21. Jahrhundert

Dass das Humboldt-Forum als Haus der Weltkulturen kein "normales Museum" werden soll, ist allen Beteiligten klar. "Wir sind quer durch die Welt gereist", erzählt Parzinger, "haben uns verschiedene Institutionen angeschaut, Anregungen geholt, wie sich Kulturen heute präsentieren." "Welt in Bewegung" gilt überhaupt als Zauberformel des neuen Humboldt-Forums.

Parzinger und seine Mitstreiter wollen, daran messen sie auch ihren Erfolg, einen neuen Museumstyp des 21. Jahrhunderts kreieren. Einen Ort, an dem sich die Kulturen der Welt begegnen, ein offenes Laboratorium, ein Wissens-Theater, eine Stätte des Lernens - und vor allem des Staunens über die Schätze unserer Welt. Der ehemalige Kultursenator Thomas Flierl nennt es basisdemokratisch ein "Volkshaus", das die Gegensätze Ost und West, Tradition und Moderne vereinen soll.

Drei Institutionen finden sich hier zusammen: die Staatlichen Museen, deren außereuropäische Sammlungen (Ethnologisches Museum, Asiatisches Museum) aus Dahlem an den Schloßplatz ziehen werden, die Humboldt-Universität und die Zentral- und Landesbibliothek Berlin. In den vergangenen Jahren hat die Trias bei einigen Ausstellungen ("Tropen", "Das ABC der Bilder"), von der Öffentlichkeit wenig beachtet, diese Kooperation schon erfolgreich "geübt". "15 Ausstellungen haben wir in letzter Zeit als Trainingsprogramm absolviert. Wir sind also eine produktive Zusammenarbeit gewöhnt", erklärt der Kunstwissenschaftler Horst Bredekamp von der Humboldt-Universität. Der Besucher merkt relativ schnell, hier ergänzen sich Wissenschaft und Sammlungen auf ideale Weise. Oft wird das am kleinsten Objekt sichtbar: beispielsweise an der Untersuchung von etwa 500 indianischen Ketten, deren feine Perlchen aus Früchten beziehungsweise Samen bestehen, die untersucht und systematisiert werden, um eine Typologie zu erstellen. Die Welt ist eben manchmal klein.

Faszinierende Kunstkammer

Das Humboldt-Forum gründet auf der Idee der faszinierenden Kunstkammer, so wie sie im 17. Jahrhundert von Gottfried Wilhelm Leibniz entwickelt wurde, und auf die reale hohenzollernsche Kunstkammer, aus der die heutigen Berliner Sammlungen letztlich entstanden sind.

Am Anfang der Ausstellung wird der Besucher an den Genius Loci als Fenster zur Welt geführt: Gezeigt wird eine Filmprojektion des Schloßplatzes als Ort dieses Museums des 21. Jahrhunderts. Vorgestellt wird auch noch einmal der Siegerentwurf des italienischen Architekten Franco Stella. Dann öffnet sich eine lange weiße Raumflucht, in der die komplexe Wissenschafts- und Sammlungsgeschichte von der Kunstkammer bis zur Gründung des Königlichen Museums für Völkerkunde durch den damaligen Leiter Adolf Bastian im Jahre 1873 gezeigt wird. An der Wand sehen wir als Faksimile die eng beschriebene Inventarliste der Kunstkammer von 1605 - sie macht deutlich, was sich hier an Schätzen versammelte. Der Ursprung unserer heutigen Museumslandschaft. Zudem zeigt sie, dass sich der Auftrag der Museen nicht verändert hat: Sammeln, forschen, dokumentieren heißt heute noch das museale Grundprinzip. Und wir sehen: Diplomaten, Offiziere und Kaufleute, darunter auch der Graf von Hoffmannsegg, brachten von ihren weiten Reise viele der außereuropäischer Artefakte mit nach Europa.

Das Scharnier zwischen gestern und heute bilden die Namensgeber der Ausstellung: die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt. Hier kann der Besucher beispielsweise die Reisen Alexanders im Detail nachvollziehen. Es sei damals ein "ehrendes Sammeln" gewesen, erklärt Horst Bredekamp, kein kolonialistischer Raubzug.

In den Räumen, wo wir die Länder durchwandern, geht es um die genuin menschlichen Themen, die immer aktuell sind: Ritual, Macht und Konflikt, Austausch und Migration. Wir sehen eine Reihe von dünnen Schleiern in Vitrinen - gewebt, gehäkelt und genäht. Woher kam eigentlich die Verschleierung? Und was bedeuten die verschiedenen Arten dieses Kopfschutzes? Wie gehen wir heute in Europa damit um?

Am Schluss gelangen wir zu einer schwarz-weißen Porträtreihe nordamerikanischer Indianer, 1898 wurde die Serie von einem Weißen fotografiert. Wie sah der Weiße den Schwarzen? Was sagen diese Bildnisse überhaupt über das europäische Selbstverständnis aus? Und wie sehen das zeitgenössische indianische Künstler? Sie sind durch einige poppige Bilder an den Wänden vertreten. Die Denkleistung muss der Besucher für sich erbringen. Zu lesen gibt es genügend. Am Ende der Ausstellung wird mancher Besucher vielleicht ermüdet schnaufen und dabei murmeln: Man lernt nie aus! Aber gerade das ist ja der schöne Erkenntnisgewinn dieser Ausstellung.

Offenes Wissenschaftslabor

Im allerletzten Raum wurde ein offenes Wissenschaftslabor mit gemütlichen Nischen samt Bücherregalen eingerichtet. Hier kann sich der Besucher dann erholen von seiner langen Weltreise oder aber sein Wissen erweitern beim Durchblättern der zur Verfügung gestellten Bücher ("Buddha", "Marco Polo"). Oder er guckt den wissenschaftlichen Mitarbeitern der drei beteiligten Institutionen über die Schultern, wie sie an ihren schlanken Arbeitstischen stehen oder sitzen und forschen, am Mikroskop oder am Bildschirm, dort die Katalogisierung der zoologischen Sammlung vorantreiben, verstaubte Tonträger rekonstruieren oder winzige, äußerst fragile Buddha-Bildnisse der Seidenstraße auf ihre Materialien hin untersuchen. Die lebendigen, auf internationalen Austausch angelegten Wissenschaften sollen ein permanenter Teil des Humboldt-Forums werden.

Dass sich eine ganze Reihe von Fragen ergeben, war zu erwarten. Wie etwa stellt sich künftig das Verhältnis der drei Wissenschaftsinstitutionen Staatliche Museen, Universität und Bibliothek zur Agora, diesem öffentlichen Raum, wo aktuelle, zeitgeistige Veranstaltungen und Workshops gezeigt werden sollen? Inwieweit wird das Haus der Kulturen der Welt dort mit den verschiedensten Programmen verankert sein? Dies alles scheint noch nicht abschließend geklärt, auch nicht, ob es einen eigenen Intendanten geben wird. 500 000 Objekte gehören in den Bestand des Ethnologischen Museums. Wenn aber nur zwei Prozent davon im Humboldt-Forum gezeigt werden können, wird das Ethnologische Museum dann künftig ein Museum im Depot?

Mit dieser Ausstellung im Alten Museum wird also deutlich, welche Fragen noch diskutiert werden müssen. Das ist eine gute Chance. Erst dann sind für das Humboldt-Forum auch Perspektiven für die Zukunft gelegt.