Nahverkehr

Das Berliner S-Bahn-Chaos dauert noch bis August

Seit Monaten ärgern sich Berliner und Brandenburger über die S-Bahn. Die Züge sind überfüllt, fahren oft unpünktlich oder fallen ganz aus. Nun hat das Untenehmen rund ein Drittel aller Züge aus dem Verkehr gezogen. Morgenpost Online beantwortet die wichtigsten Fragen zur Krise bei der Berliner S-Bahn.

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Die Berliner S-Bahn-Fahrgäste müssen sich wieder auf längere Taktzeiten und Zugausfälle einstellen, weil noch Dutzende Züge vor einem weiteren Einsatz auf die Sicherheit ihrer Waggonräder untersucht werden müssen.

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Krise im Nahverkehr: Zu Wochenbeginn eskalierte die Situation, als die S-Bahn auf Anordnung des Eisenbahn-Bundesamtes über Nacht 190 Züge - rund ein Drittel ihrer Fahrzeugflotte - aus dem Verkehr ziehen musste.

Die Berliner S-Bahn wird kontinuierlich schlechter. Zu diesem Ergebnis kommt eine Qualitätsbilanz, die der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) am Freitag vorstellte. Im Gegensatz dazu konnten die anderen Verkehrsunternehmen in der Region ihre Qualität auf „stabil hohem Niveau“ halten. Im Urteil der Kunden bekamen private Anbieter im Regionalverkehr die besten Noten.

Der „rigide Sparkurs“ der vergangenen Jahre habe bei der S-Bahn zu massiven Einschränkungen bei der Fahrzeugreserve, bei den Instandhaltungskapazitäten und beim Service geführt, kritisierte der VBB. Fazit: Die Qualitätsmängel seien zwar in dieser Woche eskaliert, doch die Ursachen älter.

Laut dem Bericht hat sich die Pünktlichkeit der S-Bahn von 93,4 Prozent im Jahr 2007 auf 92,7 Prozent im vergangenen Jahr verschlechtert. In diesem Jahr fielen laut VBB bis Ende Mai schon 9000-mal Züge aus. Der Fahrzeugbestand schrumpfte seit 2006 von 671 Viertelzügen auf 630.

Als Reaktion auf die anhaltenden Missstände hat die Deutsche Bahn am Donnerstag in einem in der mehr als 80-jährigen Geschichte der S-Bahn einmaligen Vorgang die Führungsspitze ausgetauscht.

Was passiert jetzt eigentlich mit den abgelösten Bahnmanagern?

Der bisherige S-Bahn-Chef Tobias Heinemann und seine drei Geschäftsführer-Kollegen sind am Donnerstag nicht entlassen worden. Nach offizieller Lesart haben sie lediglich ihr Mandat als Geschäftsführer niedergelegt, der Aufsichtrat stimmte dem zu, ohne sie zu entlasten. Laut Bahn-Vorstand Ulrich Homburg haben alle unbefristete Arbeitsverträge und können innerhalb des Konzerns anders eingesetzt werden. Erst nach einer genauen Klärung der Ursachen aller Missstände soll über mögliche personalrechtliche Konsequenzen entschieden werden.

Können sie auch strafrechtlich belangt werden, wie es jetzt die Berliner CDU fordert?

Das ist möglich, wenn ihnen wissentliche Verstöße gegen Rechtsbestimmungen und damit der Straftatbestand des gefährlichen Eingriffs in den Schienenverkehr nachgewiesen werden kann.

Wieso fahren bei der S-Bahn oft zu kurze Züge?

Die S-Bahn verfügt derzeit nicht über ausreichend Züge, um einen regulären Fahrplan-Betrieb anzubieten. Insgesamt hat das Nahverkehrsunternehmen 632 Viertelzüge in ihrem Bestand. Als Viertelzug wird bei der S-Bahn die kleinste Zugeinheit bezeichnet, sie besteht aus zwei Wagen. Knapp 200 Viertelzüge stehen aktuell nicht zur Verfügung, weil Räder und Achsen nicht im vorgeschriebenen Maße auf Sicherheit überprüft wurden. Zudem haben zahlreiche Züge mehr Kilometer als zulässig ohne Wechsel der Räder zurückgelegt. Erst wenn die Sicherheitschecks erfolgt sind, oder die Züge neue Räder bekommen, dürfen sie wieder Fahrgäste transportieren. Auslöser für zusätzliche Sicherheitschecks war ein Unfall am 1.Mai in Kaulsdorf, bei dem ein mit Fahrgästen besetzter Zug bei der Einfahrt in den Bahnhof nach dem Bruch eines Rades entgleiste. Nur die geringe Geschwindigkeit des Zuges und die Tatsache, dass sich der Radbruch an einer Achse des letzten Wagens ereignete, ließ den Unfall glimpflich verlaufen.

Warum haben sich die Probleme Anfang der Woche so verschärft?

Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA), die oberste staatliche Kontrollbehörde für den Eisenbahnverkehr, hat bei unangemeldeten Kontrollen zu Wochenbeginn festgestellt, dass die Berliner S-Bahn Prüf- und Radwechselintervalle nicht einhält. Damit verstieß die Unternehmensführung sowohl gegen übernommene Selbstverpflichtungen, als auch gegen Vorgaben des EBA. Als Konsequenz daraus ordnete die Aufsichtsbehörde eine sofortige Außerbetriebnahme von 190 Viertelzügen an. Die Konsequenz: Seit Dienstagfrüh fahren S-Bahn-Züge nur noch auf den Ringbahn-Linien S41 und S42 halbwegs nach Fahrplan. Auf der Stadtbahn und den Nord-Süd-Linien S1 und S2 fahren die Züge statt im 10-Minuten-Takt nur noch im Abstand von 20 Minuten. Zudem bestehen die Züge zumeist nur noch aus sechs statt aus acht Wagen. Zwei Linien – die S45 (Berlin-Schönefeld–Hermannstraße) und die S85 (Grünau–Waidmannslust) sind komplett eingestellt.

Wie lange werden die Probleme noch anhalten?

Der für Personenverkehr zuständige Bahnvorstand Ulrich Homburg hat angekündigt, dass die technischen und organisatorischen Probleme „schnellstmöglich“ gelöst werden. Ein genauer Zeitplan soll von der neuen S-Bahn-Geschäftsführung Mitte nächster Woche vorgestellt werden. Experten rechnen jedoch damit, dass die Einschränkungen bis in den August hinein anhalten werden. Grund dafür ist, dass tausende Räder bei Wagen der Baureihe 481 ausgetauscht werden müssen. Die Räder müssen größtenteils erst noch geliefert werden. Das Grundproblem – die nicht ausreichende Festigkeit des Stahls für Räder und Achsen – ist zudem noch nicht gelöst.

Kann die BVG einspringen?

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und die Berliner S-Bahn sind zwei eigenständige Nahverkehrsunternehmen mit unterschiedlichen Eigentümern. Während die BVG dem Land Berlin gehört, ist die 1995 gegründete S-Bahn Berlin GmbH ein hundertprozentiges Tochterunternehmen der Deutschen Bahn AG. Beide Anbieter agieren jedoch im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg mit seinem einheitlichen Fahrscheinsystem. In der aktuellen Situation will die S-Bahn aber die BVG um Hilfe bitten. Denkbar sind eine Taktverdichtung auf einigen U-Bahn-Linien oder ein zusätzliche Buseinsatz. Gespräche darüber sollen am Montag beginnen.

Wem gehören S-Bahnhöfe und Züge?

Gleise, Bahnhöfe und die Fahrzeuge der S-Bahn gehören der Deutschen Bahn. Der Senat hat darauf keinen Zugriff. Allerdings werden durch das Land die Fahrten der S-Bahn bestellt und jährlich mit einem dreistelligen Millionenbetrag (2009: 232 Millionen Euro) auch bezahlt. Möglich sind auch Sanktionen: Für Zugausfälle und Qualitätsmängel im Jahr 2008 zog der Senat der S-Bahn fünf Millionen Euro ab. Geregelt werden die Verkehrsleistungen in einem Vertrag des Senats mit der S-Bahn, der noch bis 2017 läuft.

Kann der Senat den Verkehrsvertrag mit der S-Bahn kündigen, wie Politiker von FDP und Grünen es fordern?

Laut Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) wird diese Option gegenwärtig geprüft. Behördenintern gilt es aber als fraglich, ob private Eisenbahnunternehmen in der Lage wären, den S-Bahn-Betrieb kurz- oder mittelfristig zu übernehmen. Sie müssten etwa einen eigenen Wagenpark beschaffen, da die Züge der Deutschen Bahn gehören. Experten erwarten zudem, dass die Deutsche Bahn durch alle Instanzen gegen eine vorzeitige Vertragskündigung klagen würde. Ein solches Verfahren könnte bis zu acht Jahre dauern. Der Senat kann aber die Verkehrsleistung nach 2017 neu ausschreiben. Dafür hat sich die Verkehrssenatorin ausgesprochen. Eine Entscheidung darüber soll Ende 2011/Anfang 2012 fallen.

Wie viel Personal wurde abgebaut, wie viele Werkstätten geschlossen?

Seit 2005 hat sich die Zahl der Mitarbeiter bei der S-Bahn um etwa ein Viertel auf noch knapp 2900 Beschäftigte verringert. Zugleich sind drei von einst sechs Werkstätten – in Bernau, Erkner und Berlin-Friedrichsfelde – geschlossen worden.

Warum werden als Ersatz für die ausgefallen Wagen nicht Züge anderer Anbieter eingesetzt?

Das liegt an den technischen Besonderheiten der Berliner S-Bahn: Sie wird anders als die meisten Fern- und Nahverkehrszüge nicht mit Wechsel-, sondern mit Gleichstrom angetrieben. Zudem nutzt sie ein separates Gleisnetz mit spezieller Signal- und Sicherheitstechnik. Ein vergleichbares System gibt es in Deutschland nur noch bei der Hamburger S-Bahn. Doch da es selbst zu Hamburg noch einige technische Unterschiede gibt, können nicht einmal Züge aus der Hansestadt in Berlin eingesetzt werden.

Wird es eine Entschädigung für die Fahrgäste geben?

Laut Homburg werde über „Kompensationsleistungen“ für die Fahrgäste und den Besteller, das Land Berlin, nachgedacht. Wie diese aussehen, ließ er offen. Eine solche Ankündigung hatte auch die BVG nach dem Streik im Frühjahr 2008 gemacht. Am Ende wurde ein Sommerfest für die Kunden ausgerichtet. Im Einzelfall gab es aber Kulanzregelungen für Stammkunden. Ein Recht auf Entschädigung bei Verspätungen wie im Fernverkehr gibt es im Nahverkehr noch nicht.

Auch die BVG bietet auf ihrer Homepage Hinweise zum Ausweichen an