Notlandung in Schönefeld

Rosinenbomber verunglückte trotz Wartung

An mangelhafter Wartung des Oldtimers kann es nicht gelegen haben - erst vor wenigen Tagen war der Rosinenbomber gecheckt worden. Die Experten sind ratlos und suchen weiter nach der Ursache für die Bruchlandung in Schönefeld.

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Unmittelbar nach dem Start am Flughafen Schönefeld musste ein "Rosinenbomber" notlanden. An Bord der DC-3 befanden sich 25 Passagiere und drei Besatzungsmitglieder.

Video: Reuters
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Am Tag danach wird es zur Gewissheit: Nur durch eine große Portion Glück und das fliegerischen Können der Piloten sind die 28 Insassen des „Rosinenbombers“ mit der Kennung D-CXXX einer Katastrophe entgangen. War am Sonnabend noch von einer „kontrollierten Notlandung“ die Rede, wurde gestern deutlich, dass das 66 Jahre alte Propellerflugzeug vom Typ Douglas DC-3 kurz nach dem Start kaum noch manövrierfähig war. „Wir hatten viel Glück im Unglück“, sagte – sichtlich geschockt – der Chef vom Flugzeug-Eigner Air Service Berlin, Frank Hellberg. Er dankte ausdrücklich den beiden Piloten, dass sie die Notlandung so hinbekommen hätten, dass „keine Toten zu beklagen sind“. Sieben der 28 Insassen wurden beim Aufsetzen der Maschine verletzt, nur einer von ihnen – Co-Pilot Thomas Wolber – lag am Sonntag noch mit einem Nasenbeinbruch im Krankenhaus.

Schwerster Flughafen-Vorfall seit 1989

Für die Berliner Flughafengesellschaft ist die Notlandung des Nostalgie-Fliegers dennoch „der schwerste Vorfall seit 1989“. Bekannt wurde auch, dass die DC-3 von Air Service Berlin nicht zum ersten Mal technische Probleme hatte. Bereits 2003 habe es in Tschechien eine Notlandung gegeben, räumte Hellberg ein. Ursache war damals ein Brand im rechten Triebwerk. Danach sei das Triebwerk, ein 1200 PS starker Kolbenmotor, komplett ausgetauscht worden und seither ohne Probleme im Einsatz. Bis zum vergangenen Sonnabend.

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Gegen 14.45 Uhr sollte die Oldtimer-Maschine an diesem Tag zu einem Rundflug über Berlin (Motto: Die Rosinenbomber-Zeitreise) aufsteigen. Doch nur etwa drei Minuten nach dem Start kam es laut Technikchef Steffen Wardin im linken Triebwerk zu Aussetzern. Die Besatzung stellte den Motor daraufhin ab.

Die Maschine befand sich dabei bereits in einer Höhe von 200 bis 300 Fuß, also in mindestens 60 Meter Höhe. Zuvor hatte es noch geheißen, die Maschine war erst 15 bis 17 Meter über dem Boden. Der Pilot versuchte die Maschine, die bereits eine Geschwindigkeit von 85 Knoten (also knapp 160 Kilometern/Stunde) hatte, wieder zurück zum Flugplatz zu fliegen. Dabei kam es jedoch zu einem plötzlichen Leistungsabfall im bis dahin intakten rechten Kolbenmotor. Der Pilot musste deshalb sofort zur Notlandung übergehen, die DC-3 setzte hart auf einer Wiese nahe der brandenburgischen Ortschaft Selchow (Dahme-Spreewald) auf. Das Flugzeug, dessen Fahrwerk noch eingezogen war, rutschte dann etwa 150 Meter weit über den Boden und raste in einen Bauzaun, mit dem das Baustellen-Gelände des künftigen Hauptstadtflughafens Berlin Brandenburg International abgesperrt wird. Weil ein Metallpfosten im Weg stand, wurde dabei auch die rechte Tragfläche vom Rumpf abgetrennt.

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Wie es zu den Motorausfällen kommen konnte, ist weiter unklar. Experten der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig sind seit Sonnabendnachmittags dabei, die Unglücksmaschine genauer zu inspizieren. Gestern wurde begonnen, sie in ihrer Einzelteile zu zerlegen. Zuerst wurden die Motoren ausgebaut, dann sollten die Tragflächen abmontiert werden. Die Überreste des Rosinenbombers sollen in einen Hangar im Flughafen Schönefeld transportiert werden, wo die Untersuchung fortgeführt werden soll. Wann erste Ergebnisse vorliegen, konnte der diensthabende BFU-Untersucher Thomas Kostrzewa noch nicht sagen.

Die DC-3, die 1944 in den USA als Frachtflugzeug für die britische Royal Air Force gebaut, später dann zur Ölbekämpfung auf See eingesetzt und 2000 in England zum Passagierflugzeug umgebaut wurde, sei ordnungsgemäß gewartet worden, versichert der technische Geschäftsführer von Air Service Berlin, Steffen Wardin. Die beiden Triebwerke der DC-3 würden demnach alle 50 Flugstunden überprüft. Der letzte Sicherheitscheck sei am 9.?Juni, also vor erst vor wenigen Tagen, erfolgt. Seither sei sie gerade einmal acht Stunden geflogen. „Die Maschine entspricht dem Stand der Technik und wurde uns von der Werft als lufttüchtig übergeben“, sagte Wardin.

Zudem seien die beiden Motoren vom Serien-Typ Pratt & Whitney R-1830 erst vor wenigen Jahren neu, also ohne vorherige Flugstunden, eingebaut worden: Das linke Triebwerk vor zwei, das rechte vor drei Jahren. Mit inzwischen 450 beziehungsweise 650 Flugstunden liegen sie laut Air Service Berlin beide noch weit von der Grenznutzungsdauer von 1200 Flugstunden entfernt.

Auch die beiden Piloten gelten als erfahrene Flugkapitäne. Der 42 Jahre alte Martin Müller ist Chefpilot von Air Service Berlin und war bereits 450 Stunden lang mit DC-3 in der Luft unterwegs. Sein Co-Pilot Thomas Wolber kommt sogar auf 630 Flugstunden auf der DC-3. Offen ist, ob das stark beschädigte Nostalgie-Flugzeug noch repariert werden kann. Nach Unternehmensangaben war es der einzige flugtaugliche „Rosinenbomber“ in Deutschland, es soll daher instand gesetzt werden. Für Air Service Berlin ist das Flugzeug dabei weit mehr wert als seine Versicherungssumme von 750.000 Euro. „Die Maschine war tatsächlich an der Luftbrücke während der Berlin-Blockade beteiligt, sie ist daher eine Ikone der Stadt“, betont Firmen-Chef Hellberg. Doch auch das wirtschaftliche Überleben seiner kleinen, aus 22 Mitarbeitern bestehenden Firma, dürfte davon abhängen, ob sie die Folgen der DC-3-Bruchlandung verkraftet.

Die verkehrspolitische Sprecherin Claudia Hämmerling forderte bereits, künftige Rosinenbomber-Flüge über Berlin zu verbieten. Unter Sicherheitsaspekten und aus Emmissionsschutzgründen dürften Rundflüge mit technisch museumsreifen Flugzeugen nicht mehr genehmigt werden. Um sich ein Bild vom Rosinenbomber zu machen, reiche es völlig aus, ihn am Boden – etwa in Tempelhof – auszustellen, sagt sie.