Kunst & Mode

Kreuzberger Ruine verwandelt sich in Denkfabrik

Das "Aqua Carré Berlin" ist zu neuem Leben erwacht: Entstanden ist ein Zuhause für Kunst- und Modeschaffende. Morgenpost Online hat sich angesehen, wie aus einer alten Fabrik in Kreuzberg eine Heimat für Berlins kreative Szene wurde.

Foto: Christian Kielmann / Kielmann

In großen blauen, altbackenen Reklamebuchstaben steht „Aqua Butzke Werke“ oben an dem Anbau an der Lobeckstraße in Kreuzberg. Hier und da haben sich Graffiti-Sprayer verewigt, das Gebäude hat definitiv schon bessere Tage gesehen. Eine Idee davon, wie es auf dem Areal unweit des Moritzplatzes einmal gewesen sein könnte, bekommt man nach zweimal Abbiegen erst im Innenhof des 130 Jahre alten Hauptgebäudes – auch wenn die Zeiten, in denen hier bis zu 800 Mitarbeiter Armaturen gefertigt, verpackt und diese dann in Lkw den Hof verlassen haben, schon lange vorbei sind. Zwölf Jahre ist es her, dass das Unternehmen dem Kreuzberger Standort den Rücken gekehrt hat. Von hektischer Betriebsamkeit keine Spur mehr. Zwischen den verschiedenfarbig geklinkerten Mauern mit den Rundbogenfenstern stattdessen einfach nur eines: Stille.

Dass statt Industriemaschinen auf den vier Etagen mittlerweile kreative Köpfe heißlaufen, entdeckt man bei einem Rundgang mit dem Mann, der den Generalschlüssel besitzt. Amir Abadi, 43 Jahre alter Architekt, gehört mit seinem Büro „Neoplan“ nicht nur zu den rund 85 Mietern des „Aqua Carré Berlin“, wie der 12000 Quadratmeter umfassende Komplex mittlerweile heißt. Er hat das denkmalgeschützte Gebäude ab Ende 2006 auch innen umgebaut, nachdem es vier Jahre zuvor in den Besitz der „Norddeutsche Grundvermögen GmbH“ übergegangen war.

"Die Idee war ursprünglich, aus der alten Fabrik Wohnlofts zu machen“, sagt Abadi. Doch da diese Ecke von Kreuzberg „nicht so die Lage mit Champagner-Views“ sei, sei die Idee aufgekommen, ein Künstlerhaus zu etablieren, zumindest temporär. Oder wie es Jean-Jaques de Chapeaurouge von der Norddeutsche Grundvermögen ausdrückt: „Das Milieu schreit nach ortstypischem Besatz.“

Zunächst habe man sich auf die Suche nach etwas gemacht, dass zur Stadt passe und „in Kreuzberg nicht auf Widerstand stößt“. Man wurde fündig: Der Verein Kreuzberger Musikalische Aktion (KMA), der sich mittels Musik, Tanz und handwerklichem Arbeiten um die Sozialisierung von Problemkids kümmert, wurde einer der ersten Mieter. „Damit vertrug sich aus unserer Sicht eine Ergänzung aus Ateliers, Performancekünstlern, Handwerksbetrieben“, sagt de Chapeaurouge. „Vorbedingung war es, ein Grundkonzept zu entwickeln, welches von dieser Zielgruppe angenommen werden konnte. Von ganz wesentlicher Bedeutung war dabei die psychologische Struktur des Vorhabens: Künstler brauchen ein Zuhause, Plätze, um sich zu treffen, Anregung, um kreativ sein zu können, Menschlichkeit.“

Mund-zu-Mund-Propaganda

Was der Projektentwickler damit meint, erschließt sich nicht sofort, wenn man durch die Treppenhäuser und Flure streift. Pure, mitunter raue Industriearchitektur, unpersönlich wirkende Gänge, in denen es hallt. Hier und da noch gelbe Markierungen auf grauen Betonböden. „Die Architektur nimmt sich zurück“, nennt das Abadi und erläutert das Ziel, neutrale, hochwertige Räume zu schaffen, die nicht „totmodernisiert“ seien und den rund 300 Kreativen eigene Gestaltungsmöglichkeiten und ein Gefühl von Freizügigkeit ließen. An den weißen Wänden stehen in hellgrauen Lettern Zitate von Nietzsche, von Degas. Oder von den Ärzten: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt so ist, wie sie ist. Es wäre nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.“

Fast ist man überrascht, als sich die Tür zum hauseigenen Café öffnet und der Blick auf gut aussehende Menschen zwischen 30 und 40 fällt, die in Lounge-Atmosphäre gelöst miteinander plaudern und Latte Macchiato trinken. Hätte man so eher in Mitte erwartet. Man kennt sich, teilweise schon aus der Zeit, in der man hier noch nicht Nachbar war. „Wir haben gar keine Anzeigen geschaltet, um nach Mietern zu suchen“, erzählt Abadi. „Das lief alles über Mund-zu-Mund-Propaganda.“ Er erinnert sich an eine Besichtigung in den unfertigen Räumen, bei der ein potenzieller Mieter mit dem Finger „Reserviert für“ und seine Unterschrift auf eine völlig verdreckte Scheibe schrieb. Pro Etage sind es zwölf bis 30 Ateliers. Eine Idee, um welche Art von Mieter es sich darin handeln könnte, geben schmale, rechteckige „Schaufenster“ neben jeder verschlossenen Tür. Manchmal sind Fotos drin, manchmal Gegenstände.

„Diesen Raum hätte ich 500 Mal vermieten können“, sagt Abadi, klopft bei der Nummer 213 und begrüßt freundschaftlich „Alex“ alias Alexander Dobrovolny, der hinter einer Kleiderstange auftaucht. Mit Labelagent betreibt er einen Modevertrieb. Und hat sich das 220 Quadratmeter große „Sahnestückchen“ des Hauses sichern können. „Das Tolle ist neben der zentralen Lage auch die Zusammenarbeit unter den Mietern: Man kann viele Dinge inhouse erledigen“, sagt er. Einmal brauchte er dringend jemanden, der seine Website gestaltet – und musste nur ein paar Stufen nach unten gehen. Wenige Meter weiter kündigt sich noch ein anderer Alex an. Man hört Bässe, erspäht nach Öffnen der schweren Tür einen Raum im Raum, in dem Musik aufgenommen wird, Reggae, Dub. Auch bei „One Drop“ stößt man auf so eine Nachbarschaftshilfe-Geschichte. Alexander Hornbachs Gegenüber hat eine Vinylschneidemaschine aus New York mitgebracht, er braucht nur zu klopfen, wenn er Bedarf hat.

„Das hier ist nicht nur so ein ,Künstlerregal', in dem ausschließlich Bildende Kunst ihren Platz hat. Das ist ein ganz eigener Kosmos“, sagt Abadi, beinahe mitgerissen. Und klopft schon wieder an der nächsten Tür, in der sie mit der Ateliergemeinschaft von Matthias Röhrborn und Jan Bauer dann doch zu Hause ist, die Bildende Kunst. Gemälde lehnen an den Wänden, auf einem ist der Papst zu erkennen. Die beiden Maler, die mit Vollgeklecksten Hosen dastehen, schätzen die Möglichkeit zur Interaktion, aber vor allem auch die Ruhe im Haus. Tatsächlich soll es Mieter geben, die jeglichen Kontakt meiden und die man stets nur grußlos vorbeihuschen sieht.

"Lobeckstudios“ geplant

Die Künstler liefern dem Architekten das Stichwort. Er erzählt von einer Reinigung an der Ritterstraße, mit der man ausgemacht habe, dass deren Außenwände und Dach bemalt werden dürfen. Auch wenn es hier vielleicht keine „Champagner-Views“ gibt, ein wenig ansehnlicher darf es schon sein, denn Abadi plant eine Erweiterung des Komplexes. Er deutet auf einen zweistöckigen Gebäudeteil: „Der wurde einmal für vier Etagen konzipiert, deshalb wollen wir ihn so bald wie möglich aufstocken.“ Entstehen sollen auf 3500 Quadratmetern die „Lobeckstudios“, ein Ort, an dem Kreative und Kulturwirtschaft zusammenkommen. Maler mit Galeristen, Designer mit Agenturen und so fort. „Wenn wir es schaffen, würden wir gern zur Hälfte Vertreter der Filmwirtschaft dort unterbringen“, so Abadi, der auch Projektentwickler ist. Verschiedene Besonderheiten hat er bereits im Kopf, befahrbare Laderampen zum Beispiel. Oder eine Dachterrasse, auf der Platz für Filmvorführungen wäre. Oder die neutrale Fassade, auf der sich Street-Art-Künstler verwirklichen könnten.

Die genauen Mietpreise stehen noch nicht fest. „Standortgerecht“ sollen sie laut Norddeutsche Grundvermögen sein, „Mondpreise“ wären nicht durchsetzbar. Wie der Architekt glaubt auch Jean-Jaques de Chapeaurouge an die Zukunft der Kreativwirtschaft in Berlin: „Berlin hat als eine der wenigen Städte in Deutschland die nötige Dichte, um ein spannendes, urbanes Umfeld liefern zu können“, sagt dieser. Deswegen müssten standorttypische Lösungen her, die Strukturen bilden, an die sich neue Strukturen anlehnen können und die nicht einfach duplizierbar seien. So entwickele man Wachstum. Tatsächlich würden die neuen Lobeckstudios in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Bechstein-Haus liegen. Dort und auf einem Nachbargrundstück an der Oranienstraße plant der Materialgroßhändler Modulor auf 16000 Quadratmetern ein „Kreativ-Kaufhaus“, das ab 2010 rund 250 Architekten, Handwerkern und Künstlern Platz bieten soll.

Amir Abadi blickt jedenfalls mit Zuversicht in die Zukunft. „Wir haben hier sozusagen krisenfest geplant, es gibt keine goldenen Wasserhähne oder so was.“ Das Wichtigste seien jedoch „300 gute Nachbarn mit viel Potenzial“. Abadi hat übrigens selbst schon von den viel gepriesenen Synergien profitiert. Als „Dr. Atmo“ hat er in den vergangenen Jahren bereits mehr als 40 Alben produziert. Nun widmet er sich dem Projekt „Atmo and the Lightz“, einer neunköpfigen Band, die Chill-Out-Musik macht. Die meisten stammen hier aus dem Aqua Carré – und aufgenommen werden soll das nächste Album natürlich auch hier.

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