Kommentar

Brennende Autos und pseudolinke Lebensstil-Diktatur

Wieder brannten Autos in Berlin - man könnte fast meinen, das wäre normal. Joachim Fahrun findet nicht, dass das normal ist - sondern dass es etwas von Terrorismus hat.

Jetzt hat es Bärenmenü getroffen. Unbekannte haben Autos angezündet, die Kinder in Kitas und Schulen mit Essen beliefern. Das Unternehmen sei Teil eines Konzerns, der auch Militär und Haftanstalten versorge, lautet die krude Begründung der linksextremen Täter. Zuvor mussten schon Paketversender, die Bahn oder Umzugsautos im Weltbild der Brandstifter die Übel des Kapitalismus verkörpern. Angesichts solcher Angriffsziele muss sich sogar jeder aufrechte Revolutionär schämen. Die Zielscheibe der Weltverbesserer zeigt ganz kleines Karo.

Aber die Lage ist zu ernst für Spott: Die systematischen Anschläge auf Unternehmen gehen über die zur skandalösen Normalität gewordenen Zündeleien an Privatautos hinaus. Hier sind keine versprengten Einzeltäter am Werk, die in dunklen Straßen Gelegenheiten nutzen, sondern organisierte Gruppen. Das hat eine neue Qualität. Aus der „Spaß-Guerilla“ gegen den Zuzug von Normal- und Besserverdienern in bestimmte Stadtteile hat sich Terrorismus entwickelt.

Man darf in diesen Krisenzeiten am kapitalistischen System zweifeln. Es ist legitim, wenn auch ökonomisch unsinnig, vom Staat Jobs für alle Arbeitslosen zu fordern. Jedem ist es unbenommen, sich nach Zeiten zurückzusehnen, als die Häuser besetzt, das Bier billig und die Bürger weit weg waren. Und es ist sogar geboten, darauf hinzuweisen, dass unsere Gesellschaft viele arme, arbeitslose oder kranke Menschen abkoppelt. Was die jedoch davon haben, wenn der Mercedes eines Facharbeiters oder der Transporter von Bärenmenü brennt, erschließt sich niemandem.

Die Gewalt richtet sich gegen Dinge, bedroht aber in einer unsäglich selbstgerechten Weise die Lebensentwürfe und Geschäftsideen anderer Menschen. „Die Grenze verläuft nicht zwischen oben und unten, sondern zwischen dir und mir“, heißt ein Spruch in der Nähe der Autonomen-Hochburg Köpi in Mitte. Wir sind also der Feind. Menschen, die sich eine Wohnung in Friedrichshain kaufen. Oder mit ihrem Audi zum Essen nach Kreuzberg fahren. Vielleicht einen Anzug tragen oder ein Fahrrad für 1000 Euro besitzen. Die Perspektive der Kämpfer ist irreal: Wer ernsthaft „die Straßen von Mitte für die Menschen zurückerobern“ will, hat wohl noch nie die Massen gesehen, die dort jeden Tag und jede Nacht mit Lust unterwegs sind.

Gerade das ökoliberale Milieu, das insgeheim dachte, was fahren die auch mit ihren dicken Autos nach Kreuzberg, muss sich entscheiden: Wollen wir uns einer faschistoiden Lebensstil-Diktatur unterwerfen? Haben wir Sympathie für Leute, die sich anmaßen zu entscheiden, welche Menschen in einem Stadtteil zugelassen sind und welche nicht? Berlins linke und alternative Parteien müssen den pseudorevolutionären Kämpfern endlich entschlossen entgegentreten. Wer wie die Grünen die Besetzung des Flughafens Tempelhof und somit den Höhepunkt der autonomen „Action Weeks“ unterstützt, ermuntert die anreisenden Easyjet-Revolutionäre in ihrem diktatorischen Unwesen, das kein aufgeklärter Großstädter tolerieren kann.