Kinderschutz

Berlin will Erzieher und Trainer stärker überprüfen

Auf die Fälle von Kindesmissbrauch will Berlin jetzt mit einer schärferen Überprüfung von Mitarbeitern in Kindereinrichtungen reagieren. Sie sollen künftig ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen - dies listet auch Exhibitionismus oder Verbreitung von Kinderpornografie auf. Berlins Sportvereine machen den Anfang.

Nach den Missbrauchsskandalen will Berlin die Mitarbeiter an Schulen, Kitas, in Jugendeinrichtungen und Sportverbänden stärker überprüfen. Die Senatsverwaltung für Bildung, Forschung und Wissenschaft bestätigte Morgenpost Online, dass alle Mitarbeiter, die ehrenamtlich oder hauptamtlich Minderjährige beaufsichtigen wollen, künftig ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen müssen. Dieses listet im Gegensatz zum einfachen alle Straftaten auf – etwa auch Exhibitionismus oder Verbreitung von Kinderpornografie.

„Wir streben an, das erweiterte Führungszeugnis in künftigen Rahmenverträgen mit Freien Trägern und allem Personal, das in den Sekundarschulen tätig ist, aufzunehmen“, sagte der Sprecher der Bildungsverwaltung, Jens Stiller. Es ergebe sich „aus der Logik der Sache“, die Richtlinie auch für öffentliche Schulen und Kitas einzuführen. Konkrete Pläne zur Umsetzung gibt es noch nicht. Die bildungspolitischen Sprecher der CDU- und FDP-Fraktion forderten, die Richtlinie für alle pädagogischen Berufe umzusetzen. „Allein schon, um einen Generalverdacht gegen Lehrer auszuschließen, wäre das eine gute Idee“, sagte Sascha Steuer (CDU).

Den ersten Schritt machte jetzt der Landessportbund mit den großen Vereinen und Verbänden. „In Berlin sind rund 160000 Kinder und Jugendliche in Sportvereinen. Wir dürfen ihr Vertrauen und das ihrer Eltern nicht missbrauchen“, sagte Klaus Böger, Präsident des Landessportbundes (LSB). In einer gemeinsamen Erklärung verpflichteten sie sich nun, von allen Übungsleitern, Trainern und anderen Personen, die mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt kommen, das erweiterte polizeiliche Führungszeugnis einzufordern. Bisher mussten nur hauptberuflich angestellte Trainer ein einfaches Führungszeugnis vorlegen. Diese neue Vereinbarung zwischen Senat, Sportjugend und Jugendring soll ab dem 1.Mai gelten.

KInderschänder suchen im Internet nach Tipps für Vereine

Mit der neuen Richtlinie setzt der Senat eine Gesetzesänderung zum besseren Kinder- und Jugendschutz vom vergangenen Jahr um. Arbeitgeber dürfen demnach von ihren Mitarbeitern das erweiterte Führungszeugnis verlangen.

„Es gibt keinen Grund, unsere Übungsleiter unter einen Generalverdacht zu stellen“, sagte Böger, „aber wir wissen, dass solche Übergriffe geschehen.“ So hatte der Berliner Fußball-Verband allein für das vergangene Jahr zwölf Verdachtsfälle gemeldet, von denen drei strafrechtlich verfolgt wurden. Details will der Verband in den kommenden Tagen bekannt geben. Auch beim SC Charlottenburg gab es einen anonym gemeldeten Fall aus der Fußballabteilung. „Wir haben das Problem, dass sich Täter häufig gezielt Tipps in Internetforen geben, in welchem Verein es besonders einfach ist, an Kinder zu kommen“, berichtete Jugendreferent Heiner Brandi.

Die neuen Leitlinien, an denen der LSB nach eigenen Angaben schon seit drei Jahren arbeitet, sollten ein „Schutzschirm sein, der verhindert, dass Menschen mit bestimmten Absichten den Weg in unsere Vereine finden“, sagte Brandi. In Seminaren in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk sollen Trainer und Vereinsverantwortliche zudem für das Thema sexueller Missbrauch sensibilisiert werden. Wer die Kosten trägt ist noch unklar. Hertha-Manager Michael Preetz kündigte dennoch schon an, alle Trainer schulen zu lassen. Auch der Berliner Landesjugendring, zu dem 29 Organisationen wie CVJM, THW oder Pfadfinderring gehören, hat die neue Vereinbarung mit dem Senat unterzeichnet.

GEW spricht von „politischem Schnellschuss“

In Sachsen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen werden dementsprechend bereits ab Mai alle neu eingestellten Lehrer und anderes pädagogisches Personal schärfer kontrolliert. In Berlin könnte eine entsprechende Regelung zur nächsten Einstellungswelle im Juni greifen, sagte Jens Stiller, Sprecher der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Forschung und Wissenschaft. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen habe absolute Priorität. „Es macht keinen Sinn, eine Regelung zum Schutz vor Missbrauch noch nicht umzusetzen, obwohl man es jetzt bereits könnte.“ Entsprechende Schritte würden nun eingeleitet.

Im Abgeordnetenhaus war man mit dieser Planung noch nicht vertraut. Die zuständigen Bildungsexperten von SPD, Linke und den Grünen wollten sich darum noch nicht äußern. CDU- und FDP-Fraktion begrüßten den Vorstoß. „Angesichts der aktuellen Diskussion um Kindesmissbrauch muss man alles unternehmen, um die Kinder zu schützen und die Eltern zu beruhigen“, sagte Sascha Steuer von der CDU. Mieke Senftleben (FDP) forderte, eine bundesweit einheitliche Regelung für alle pädagogischen Berufe einzuführen.

Die Berliner Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft kritisierte die Forderung als „politischen Schnellschuss“, der zu kurz greife. „So etwas kann man ruhig einführen, das schadet nichts“, sagte GEW-Sprecher Peter Sinram. „Aber lösen wird sie die Problematik auch nicht.“ Das Führungszeugnis könne weitere Missbrauchsfälle nicht verhindern. „Das schafft nur ein Klima des Hinschauens und Aufarbeitens an den Schulen.“ Es müsse darum gehen, Eltern, Schüler und Lehrer zu schulen und Ansprechpartner an Schulen zu haben.