Missbrauchsdebatte

Eklat um Berliner Rektor auf Kirchentag

Auf dem ökumenischen Kirchentag in München ist sexueller Missbrauch in christlichen Kirchen zentrales Thema. Nun stürmte der Sprecher eines Opfer-Netzwerks auf eine Bühne, um den Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, zum Schweigen zu bringen. Mertes räumte sein Versagen ein, blieb aber.

Foto: dpa / dpa/DPA

Kaum stand Pater Klaus Mertes vom Berliner Canisius-Kolleg am Mikrofon, schon ging ein älterer Herr nach vorn und rief Mertes zu, er solle aufhören. Diese ganze Veranstaltung zum Thema Missbrauch müsse abgebrochen werden. „Hören Sie auf, Sie haben versagt“, rief der Mann.

Es war Norbert Denef, Sprecher des Netzwerks Betroffener von sexualisierter Gewalt, einst selbst missbraucht. Er warf der Runde auf dem Podium sowie dem ökumenischen Kirchentag vor, dass bei dessen Debatten über Missbrauch in der katholischen Kirche Opfer nicht zu Wort kämen. Dabei hätten die den Skandal erst aufgedeckt. So spitzte dieser Eklat das zentrale Thema des verregneten Kirchentags zu auf die Frage: Wie hält es die Kirche mit den Opfern?

Darüber jedoch konnte Denef auf dem Podium gestern nicht mitdiskutieren. Er musste unten vor der Bühne bleiben, wo ihn ein Fotografenrudel umringte und alsbald Ordner abdrängten. Warum einer wie Denef nicht nach oben geladen wurde, blieb unklar. Kirchentagsregie gegen Betroffene?

„Die Aktion haben wir gut geplant“, sagte Denef hinterher. „Die sollen endlich nicht mehr über, sondern mit den Betroffenen diskutieren“, fordert er. Denef hat im April das Netzwerk mitgegründet, um „einen Kanal für die Stimmen der Betroffenen“ zu schaffen. „Wir können es nicht zulassen, dass die Kirche das ganze Thema selber aufarbeiten darf. Das wäre ja so, als wolle die Mafia ihre eigenen Verbrechen aufarbeiten.“ Er habe im Vorfeld des Kirchentags die Veranstalter aufgefordert, die Opfer zu Wort kommen zu lassen, und Protest angekündigt.

Opfer wollen mitreden

Der heute 60-jährige Denef wurde als Messdiener im Alter von neun Jahren das erste Mal vom Pfarrer seiner Heimatgemeinde in der Nähe von Leipzig missbraucht, später auch von einem weiteren Kirchenangestellten. Zehn Jahre lang. Nach Jahrzehnten der Scham, der Depressionen und des Schweigens zeigte er Mitte der Neunziger seine Peiniger an. Als erstes Opfer eines sexuellen Missbrauchs bekam er 2005 eine Entschädigung von der katholischen Kirche bezahlt – mit der Auflage zu schweigen. Doch das wollte Denef nicht mehr. Er hat seine Erfahrungen in einem Buch veröffentlicht. Jetzt spricht er mit seinem Netzwerk für die Opfer. „Es werden immer mehr, die sich uns anschließen“, sagt Denef. „Die Betroffenen wollen nicht mehr kleingehalten werden.“

Immerhin vermochte Klaus Mertes mit Denefs Anklage umzugehen – wenn die Reaktion Denef auch nicht zufriedenstellte. Denef habe recht, sagte Mertes. Es seien die Opfer gewesen, die den Stein ins Rollen brachten. Er, Mertes, habe nur deren Berichte publik gemacht, als er die Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg offenlegte. Er könne als Jesuit, als Vertreter der Kirche, nur über diese sprechen. Heftig prangerte Mertes die Sexuallehre der Kirche an, die bei Homosexualität oder Masturbation „sprachlos“ sei und durch die Priesterweihe ein leicht zu missbrauchendes „Machtgefälle“ zwischen Priestern und Laien geschaffen habe. „Es riecht nach Machtmissbrauch“, rief Mertes, „wenn die Kritik an Geistlichen als Majestätsbeleidigung hingestellt wird.“ Dringend müsse über die Hierarchien diskutiert werden. „Die katholische Kirche versteht sich als Institution, also ist es katholisch, nach den Strukturen dieser Institution zu fragen.“ Die 5000 Zuhörer jubelten vor Begeisterung.

Noch weiter ging der katholische Theologe und Psychologe Wunibald Müller, der mit pädophilen Tätern arbeitet. Er hinterfragte das ganze Priestersystem. Warum sei es Frauen verschlossen? „Von einer Priesterschaft, die aus Männern und Frauen bestände, würde eine andere Ausstrahlung ausgehen“, sexuell Gestörte würden weniger angezogen. Warum erkenne die Kirche nicht an, dass viele Priester schwul sind? Die Pädophiliegefahr nehme zu, „wenn homosexuelle Priester nicht zu ihren Gefühlen stehen dürfen und eine Vermeidungshaltung gegenüber ihrer Sexualität entwickeln“. Warum der Zölibat? „Von einer Priesterschaft, die Verheiratete und Zölibatäre umfasst, ginge eine positive psychologische Wirkung aus.“ Auf solche Sätze hatten die Kirchentagsbesucher gewartet.

Am Druck fehlt es nicht. Alle Veranstaltungen des Kirchentags zum Thema Missbrauch stoßen auf größtes Interesse bei den 125000 Dauerteilnehmern. Stets gibt es Riesenbeifall, wenn grundlegende Strukturreformen gefordert werden. Übrigens können sich Missbrauchsopfer in München vertraulich von kirchlichen Seelsorgern und Psychologen beraten lassen.