60 Jahre FU Berlin

Die FU Berlin ist endlich eine ganz normale Uni

Als Antwort auf die Humboldt Universität im Ostteil der Stadt wurde die Berliner FU unter dem Schutz der Amerikaner gegründet. Jahrzehntelang prägte die Universität mit ihren Kämpfen zwischen Links und Rechts das geistige Klima in West-Berlin. Dann änderte der Mauerfall die Prioritäten. 60 Jahre nach ihrer Gründung ist ein Studienplatz an der FU Berlin so begehrt wie nie.

Die Freie Universität Berlin ist heute eine ziemlich normale deutsche Alma Mater, wenn auch eine sehr gute. Mit ihrer internationalen Ausrichtung, ihren Mathematikern, Neurologen, Literatur- und Kulturwissenschaftlern hat die größte Universität der Stadt die Anerkennung und die Millionen aus der bundesweiten Exzellenzinitiative errungen. Die FU braucht heute einen flächendeckenden Numerus Clausus, um nicht von Bewerbern überrannt zu werden.

Aber bei allen akademischen Erfolgen, die sich seit den 1990er-Jahren mit dem Schrumpfen von 60.000 auf 34.000 Studenten mit 462 Professoren einstellten, hat die Entwicklung zu einer erstklassigen Stätte für Lehre und Forschung die FU auch aus dem Fokus der Berliner Öffentlichkeit gerissen.

Zu Mauer-Zeiten war das anders. Als Antwort gegen die von den Kommunisten dominierte Humboldt Universität im Ostteil 1948 unter dem Schutz der Amerikaner gegründet, war die FU während des kalten Krieges stets eine hoch politische Angelegenheit für die Stadt. "Im Wechselbad zwischen Liebe und Kritik" habe die FU stets im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung gestanden, stellte die ehemalige Wissenschaftssenatorin Barbara Riedmüller fest.

Obwohl als Hort der ideologiefreien Auseinandersetzung gedacht, entwickelte sich die FU doch nicht zu einer Insel der seligen Wissenschaft. "An der FU herrschte von allem Anfang an ein intensiv geführtes politisches Klima mit heftigen Barometerausschlägen", schreibt James Tent 1988 zum 40. Geburtstag der FU. Vom unversöhnlichen Antikommunismus bis über die linke Studentenbewegung um 68 war die FU stets ein Gravitationspunkt der politischen und gesellschaftlichen Debatten in Deutschland. Gebäude wie die berüchtigte Rostlaube stehen für den Ausbau zu einer kaum noch zu steuernden, anonymen Massenuniversität.

Diepgen als Studentenvertreter abgewählt

Ein heute bizarr anmutender Kampf "rechts gegen links" bewegte die FU, strahlte in die Mauerstadt aus und prägte Generationen von West-Berliner Bürgern.

So musste ein gewisser Eberhard Diepgen 1963 sein Amt als oberster Studentenvertreter aufgeben, in das ihn das Kuratorium gewählt hatte. Die Studenten jedoch setzten Diepgen zwei Wochen danach in einer Urabstimmung wieder ab. Die Mehrheit wollte kein Mitglied einer schlagenden Verbindung als AStA-Vorsitzenden. In einer Halb-Stadt, in der die bürgerlichen Kreise auf scharfe Abgrenzung zu linken "Gammlern" und "Steinewerfern" achteten, hat diese frühe Niederlage der Karriere des späteren Regierenden Bürgermeisters und CDU-Vorsitzenden nicht geschadet.

Die FU trug stellvertretend für die Stadt Konflikte aus. In den 1970er-Jahren waren Hochschulrahmengesetz und Mitbestimmungsrechte an der FU Schlager im Abgeordnetenhaus-Wahlkampf. Professoren erhielten Berufsverbote, weil sie zur Wahl der KPD aufriefen. Die FU galt zu weiten Teilen als "kommunistisch unterwandert". Den letzten großen ideologisch aufgeladenen Kampf führte die FU beim großen Streik 1988/89. Als Studenten monatelang die "be-freite" Uni proklamierten, Professoren aussperrten, Gremiensitzungen sprengten und Prüfungen verhinderten, zeigte sich noch einmal der große Einfluss der FU auf das geistige Klima in der Stadt.

Eier und Mehl gegen Professoren

Konservative Professoren unter dem Präsidenten Dieter Heckelmann strebten eine auch politisch motivierte neue Struktur der Fachbereiche an. Mal wieder Grund für Streit an einer Hochschule, die sich aus rein ideologischen Gründen etwa zwei Institute für Psychologie leistete, ein linkes und ein rechtes.

Die Studenten-Revolte begann am linken Lateinamerika-Institut, das sich als interdisziplinär arbeitendes Regionalinstitut in einem "Akt des Antiimperialismus" Jahre zuvor von der Romanistik losgelöst hatte. Das LAI sollte nun wieder den Romanisten angeschlossen werden. Die Studenten besetzten das Haus am Breitenbachplatz, hängten Transparente aus dem Fenster, bewarfen Professoren mit Mehl und Eiern und zogen agitierend durch die Seminare. Wenig später streikte fast die ganze FU, forderte selbstbestimmte Wissenschaft, wandte sich gegen eine reine Verwertungslogik des Wissens, gegen den Einfluss der Wirtschaft auf die Forschung.

Eher am Rande ging es auch um bessere Studienbedingungen und mehr Geld gegen die Enge in vielen Seminaren, also jene Fragen, die spätere Studentenproteste dominierten. Der Funke flog über zu anderen Hochschulen in Berlin und Westdeutschland, die FU bildete das Zentrum einer landesweiten Protestbewegung. Die Uni-Leitung schickte Polizei auf den Campus. Es kam zu Rangeleien zwischen Streikenden, Streikbrechern und Beamten, es gab Verletzte und Festnahmen. Die Stadt nahm Anteil am Treiben, je nach Standpunkt empört über die Politik oder über die Protestierer.

Der "Uni-Mut" der Studenten brachte kurz vor der Abgeordnetenhaus-Wahl Ende Januar 1989 Zigtausende auf die Straße und trug dazu bei, die Stimmung zu kippen. Schließlich verlor Diepgens CDU, es kam zur ersten rot-grünen Koalition in Berlin unter dem Sozialdemokraten Walter Momper.

Die rot-grüne Umarmungstaktik und der Beginn der Semesterferien erstickten die Streikbewegung. Die Aktivisten wurden nach klassischer West-Berliner Konfliktlösungs-Manier mit Tutorenstellen und Geld für Projekte befriedet. Parallel dazu zerbröselte wenige Kilometer von der FU entfernt unter dem Druck einer echten Revolution die DDR-Diktatur. Die Mauer fiel und die Stadt hatte unverhofft andere Sorgen als die politischen Stürme im Dahlemer Wasserglas.

Auch für die FU begann eine Zeit der Umwälzung: Institute wurden geschlossen und Fachbereiche mit ihren Pendants anderer Berliner Universitäten fusioniert. Das war zwar bisweilen umstritten, aber kaum jemand vermutete hinter dieser Rückkehr zur Normalität noch böses politisches Kalkül.

Heute wird wie überall auch an der FU um zukunftsfähige Strukturen und um das Budget von 350 Millionen Euro gefeilscht. Zum 60. Geburtstag kann die FU keine Sonderstellung mehr beanspruchen. Weil inzwischen alle Berliner Universitäten freie Universitäten sind, konnte die FU ihren ideologischen Ballast abwerfen und sich den Zukunftsfragen zuwenden.

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