Jugendgewalt

Eine Berliner Richterin am Ende der Geduld

Mit ihrem "Neuköllner Modell" sorgte Kirsten Heisig bundesweit für Aufsehen. Nun hat die Berliner Richterin ein Buch geschrieben und analysiert darin schonungslos die Jugendkriminalität. Sie warnt: Wird jetzt nicht schnell und konsequent gegen junge Straftäter vorgegangen, verliert nicht nur Berlin den Kampf gegen die Gewalt.

Foto: M. Lengemann / Martin Lengemann

Jugendrichterin Kirsten Heisig hat keine Geduld mehr. Am 13. September erscheint ihr Buch, in dem sie das Problem der Jugendkriminalität analysiert und Lösungsvorschläge zur Verbesserung der Situation vorlegt. „Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter“, lautet der Titel des Buches (Herder Verlag). Darin untersucht die Berliner Richterin das Phänomen der Jugendkriminalität nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen Regionen Deutschlands und anderen Großstädten Europas. „Wenn wir nicht rasch und konsequent handeln, wenn wir unsere Rechts- und Werteordnung nicht entschlossen durchsetzen, werden wir den Kampf gegen die Jugendgewalt verlieren“, schreibt Heisig zum Schluss.

Problem wirksam bekämpfen

Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre habe sie eine Gesamtschau vorlegen wollen, um eine Gesamtlösung zu erarbeiten, sagte Heisig gestern. Mit dem Buch wolle sie auch Vorwürfe entkräften, ihr sei nur an kurzfristiger Medienpräsenz gelegen. Vielmehr liege ihr am Herzen, das Problem endlich wirksam zu bekämpfen. „Meine Lösungsvorschläge sind eher konservativer Natur“, sagt Heisig. Sie setzt darauf, die vorhandenen Regelsysteme zu verstärken und zu verknüpfen. Insgesamt müssten die Behörden endlich besser und wirkungsvoller zusammenarbeiten. „Sie werden bei mir nichts von härteren Strafen oder so lesen“, sagt Heisig. Die bestehenden Möglichkeiten der Kriminalitätsbekämpfung reichen demnach aus – wenn sie denn abgestimmt aufeinander auch eingesetzt werden.

Für das Buch hat Heisig nicht die schlimmsten Fälle aus ihrer Tätigkeit ausgewählt, sagt sie, um nicht sensationslüstern zu wirken. Es sind eher die typischen Fälle, die sie anführt, die einem ständig wiederkehrenden Muster folgen. „Und wenn wir das Muster erkennen, können wir frühzeitig eingreifen“, sagt Heisig. „Es ist eigentlich so einfach.“ Doch dazu müsste bei allen Beteiligten die Einsicht reifen, dass diejenigen, die vor Ort am Problem arbeiten, wissen, worum es geht.

Nach jahrelanger Tätigkeit als Jugendrichterin im Amtsgericht Moabit hatte Kirsten Heisig das sogenannte Neuköllner Modell ins Leben gerufen. Sie reagierte darauf, dass die damals gängige Praxis im Jugendstrafrecht ihrer Erfahrung nach viel zu oft wirkungslos verpuffe. Mit dem bürokratischen, zeitaufwändigen Ablauf eines normalen Jugendstrafverfahrens erreiche man nichts, lautete ihr ernüchterndes Fazit. Die Kriminalität müsste viel schneller da bekämpft werden, wo sie entsteht, in den Problembezirken, lautete Heisigs Lösungsansatz. Nach anfänglichen Widerständen erhielt sie die Möglichkeit, ihr Modell im Norden Neuköllns zu erproben.

Ziel des Neuköllner Modells ist eine möglichst rasche Gerichtsverhandlung nach einer Straftat, für deren Ahndung maximal ein Dauerarrest von vier Wochen in Betracht kommt. Die Gerichtsverhandlung soll bereits innerhalb von drei Wochen nach der Tat stattfinden. „Wenn meine Tochter ihr Zimmer nicht aufräumt, reicht es ja auch nicht, wenn ich ihr drei Wochen später Fernsehverbot erteile“, sagt Heisig. Ein schnelles Eingreifen ermögliche zudem eine frühzeitige Kontaktaufnahme der Verfahrensbeteiligten, also Polizei, Staatsanwaltschaft, Jugendgerichtshilfe und Jugendrichter. Trotz einiger Anfangsschwierigkeiten bei der Umsetzung ziehen die Beteiligten inzwischen eine positive Zwischenbilanz des Neuköllner Modells.

Berlin als Vorreiter

Berlin gilt deutschlandweit als Vorreiter im Kampf gegen die Jugendkriminalität. Die Abteilung 47 der Staatsanwaltschaft betreut derzeit 500 jugendliche Täter, die zehn oder mehr Taten begangen haben. Seit 2007 hat die Justiz das Vorgehen auf „Schwellentäter“ ausgeweitet: Jetzt erhalten bereits Täter mit fünf bis zehn Taten eine intensive Betreuung durch die Justiz. Ihre Fälle werden zentral von je einem Polizeibeamten und Staatsanwalt geführt. Seitdem sinkt die Zahl der neuen Serientäter, da immer mehr bereits im Vorfeld entdeckt werden. Während laut Statistik Kriminalität unter Jugendlichen insgesamt abgenommen hat, steigt sie bei bestimmten Delikten wie schwerer Körperverletzung und Raub.

Inzwischen sitzt nach Auffassung Heisigs die erste Generation der jugendlichen Intensivtäter im Gefängnis, die Lage auf Berlins Straßen ist etwas sicherer geworden. „Es wird aber eine zweite Generation geben“, sagt Heisig. Jugendliche Straftäter hätten auch aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre gelernt. Statt auf offene Straßenkriminalität setzten sie jetzt mehr auf Diebstahl, Internetkriminalität und Wohnungseinbrüche.

Der Herder Verlag hegt offenbar große Erwartungen in das Buch der Berliner Jugendrichterin. Das Cover samt Foto der Autorin prangt auf der Titelseite des Kataloges – und nimmt damit den wichtigsten Platz des Herbstprogrammes ein, vor Werken von Bundesinnenminister Thomas de Mazière (CDU) und dem Papst.