Studie

Weniger Jugendgewalt in Berlin als befürchtet

Laut einer neuen Studie wurde jeder sechste Berliner Jugendliche in den vergangenen zwölf Monaten Opfer von Kriminalität. Doch die Macher der Studie wollten von "positiven Befunden" sprechen. Statistisch nämlich liegt Berlin unter dem Bundesdurchschnitt.

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Für die Studie „Jugendliche als Opfer und Täter von Gewalt in Berlin“, die am Mittwoch vorgestellt wurde, hat das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen 2010 insgesamt 3167 Berliner Jugendliche befragt. In den Jahren 2007 und 2008 waren in ganz Deutschland in einer ähnlichen Untersuchung des gleichen Instituts 44.000 Schüler befragt worden.

Die Fragen nach Gewalterfahrungen und Missbrauch der Studie sind allerdings nicht unumstritten und wurden im Vorfeld bereits heftig kritisier. Sie sein teilweise auf „unzulässige, tendenzielle und an manchen Stellen auch die Psyche“ gefährdende Art durchgeführt worden.

Laut der Studie ist jeder sechste Berliner Jugendliche in den vergangenen zwölf Monaten Opfer von Kriminalität geworden. 17,9 Prozent der befragten Neuntklässler gaben an, sie seien beraubt, erpresst oder geschlagen worden. Allerdings: Berlin liegt dabei nicht über dem Bundesdurchschnitt. Zudem gebe es wie in ganz Deutschland eine positive Entwicklung, hieß es bei der Präsentation der Untersuchung.

Zu den Ergebnissen ist anzumerken, dass der Rücklauf bei den Befragten nur bei 45 Prozent lag: 305 Berlin Schulklassen der Jahrgangsstufe 9 waren nach dem Zufallsprinzip ausgesucht. Nur 184 machten mit. In der bundesweiten Studie hatten immerhin 62 Prozent der Klassen die Fragebögen ausgefüllt.

12,8 Prozent der befragten Jugendlichen, also etwa jeder achte, wurde im letzten Jahr Opfer von Körperverletzung. Berlin habe aber keine auffallend höhere Kriminalitätsrate von Jugendlichen als andere Städte, sagte der Direktor des Forschungsinstituts, Christian Pfeiffer. „Es gibt positive Befunde und nicht primär Kritisches und Negatives zu berichten, etwa, dass Berlin am allerschlimmsten ist.“

In den ausführlichen Fragebögen gaben 19 Prozent der Berliner Schüler an, schon einmal eine Gewalttat verübt zu haben. Im Bundesdurchschnitt waren es 21 Prozent. In den letzten zwölf Monaten waren demnach elf Prozent der Jugendlichen einmal gewalttätig.

Schüler aus Einwanderer-Familien werden demnach häufiger gewalttätig. Besonders Jugendliche, deren Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion (17,1 Prozent) oder aus der Türkei (14,1 Prozent) stammen, weisen deutlich höhere Gewalt- und Kriminalitätsquoten als der Durchschnitt auf. Pfeiffer betonte, die Gründe dafür seien nicht die Herkunft, sondern lägen in anderen Bereichen: der sozialen Schicht, Gewalt in der Familie und einer teilweise vorhandenen Macho-Kultur. Vergleiche man etwa türkischstämmige und deutsche Jugendliche aus vergleichbaren Verhältnissen gebe es „keine Unterschiede“.

Eine Rolle könne in bestimmten Fällen auch die Religion spielen. Unter muslimischen Jugendlichen, die sich selbst als strenggläubig bezeichnen, ist der Anteil von Gewalttätigen größer als unter Jugendlichen, die sich als sehr christlich sehen.

Pfeiffer betonte aber: „Berlin schneidet bei der Integration deutlich besser ab als der Bundesdurchschnitt.“ Jugendliche mit ausländischem Hintergrund seien viel stärker in weiterführenden Schulen vertreten. Das sei auch entscheidend für den Kampf gegen Kriminalität: „Je besser die schulische Integration läuft, desto niedriger ist die Gewaltrate.“

In Berlin geschehen viel mehr Angriffe von Jugendlichen in der U- oder S-Bahn als sonst in Deutschland. Im öffentlichen Nahverkehr werden mehr als 20 Prozent der Taten verübt. Ähnlich wie im Bund sind die Täter meistens Jungen. Häufiges Trinken von Alkohol, Drogen wie Haschisch oder Gewaltfilme führen zu einer höheren Quote von Gewalttätern.

Pfeiffer lobte besonders die Präventionsarbeit der Berliner Polizei und der Schulen. „Berlin schneidet viel besser ab als erwartet. Das führen wir auf die Prävention zurück.“ Pfeiffer betonte: „Weiter so. Da ragt Berlin heraus.“

Als Folgerungen aus der Studie empfahl Pfeiffer: Videoüberwachung und mehr Kontrollen auf Bahnhöfen und in U-Bahnen, Computerspiele mit Gewalt möglichst reduzieren, konsequent gegen Schulschwänzen vorgehen, Alkoholmissbrauch und Haschisch bekämpfen, der Gewalt in Familien vorbeugen und mit den Schülern über Männlichkeitsbilder sprechen. „Bildung bekämpft Macho-Kultur“, sagte er.

Sinn der Studie sei, die tatsächlichen Zahlen von Kriminalität und Gewalt zu erforschen, erläuterten die Wissenschaftler. Die Kriminalstatistiken der Polizei würden ein zu großes Dunkelfeld offen lassen. „Wir als Kriminologen trauen diesen Statistiken nicht. Da taucht nur das auf, was angezeigt wird, etwa nur ein Viertel der Taten. Dreiviertel der Taten bleiben unentdeckt.“