Studie

Wie Berlins Jugendliche Gewalt erleben

Die erste große Studie des Senats zu Jugendgewalt in Berlin zeigt, dass jeder sechste Schüler der Hauptstadt im vergangenen Jahr schon einmal Opfer von Gewalt war. Auffällig dabei: Viele Zwischenfälle ereignen sich in der U-Bahn.

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Etwa jeder sechste Berliner Jugendliche ist in den vergangenen zwölf Monaten Opfer von Kriminalität geworden. Das ist das Ergebnis einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, die am Mittwoch vorgestellt wurde. 17,9 Prozent der befragten Jugendlichen gaben an, sie seien beraubt, erpresst oder geschlagen worden. Im Bundesdurchschnitt waren es 16,8 Prozent. Berlin habe demnach keine auffallend höher Kriminalitätsrate als andere Städte. Befragt wurden 3167 Berliner Schüler aus neunten Klassen im Jahr 2010 mit ausführlichen Fragebögen. Demnach wurden 17,9 Prozent der befragten Jugendlichen Opfer von Körperverletzung, Raub, Erpressung oder ähnlichem. Die Zahl der Opfer einer Körperverletzung liegt bei 12,8 Prozent. Im öffentlichen Nahverkehr (an Haltestellen, in Bussen oder Bahnen) geschahen 21,1 Prozent der Taten. Anzeigen der Opfer bei der Polizei gab es in 27,4 Prozent der Fälle, zudem verübten 19 Prozent der Jugendlichen selber eine Gewalttat. Auf mindestens fünf Gewalttaten im vergangenen Jahr kommen vier Prozent der Schüler. 83 Prozent der Täter waren nach Angaben der Opfer männlich. Die wenigsten Gewalttäter gibt es unter Schülern aus Familien, die aus Westeropa oder Asien stammen: 7,1 bzw. 7,8 Prozent. Unter den Jugendlichen deutscher Herkunft haben 10,2 Prozent eine Gewalttat verübt. Bei den Befragten mit russischer oder türkischer Abstammung lagen die Quoten bei 17,1 bzw. 14,0 Prozent. Leichte Gewalt von Eltern wie eine Ohrfeige erlebten 37,6 Prozent, schwere Gewalt wie einen Schlag mit der Faust oder einem Gegenstand 14,5 Prozent. Schwere Gewalt erlebten 9,2 Prozent der deutschstämmigen Jugendlichen, 20,5 Prozent der türkischstämmigen und 29,7 Prozent der asiatischstämmigen.

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Sie wurden beraubt, erpresst und geschlagen. 17,9 Prozent der Berliner Jugendlichen im Alter von 13 bis 15 Jahren haben solche Torturen in den vergangenen zwölf Monaten erlebt. Das geht aus einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen hervor, die gestern von Professor Christian Pfeiffer vorgestellt wurde. Befragt wurden von Juni 2010 bis April 2011 mehr als 3000 Berliner Neuntklässler nach ihren Erfahrungen als Opfer oder Täter von Gewalt. Jeder sechste berichtete von Körperverletzungen, Raub oder sexueller Misshandlung.

In einem jüngsten Fall ermittelt nun die Staatsanwaltschaft. Zwei 16-jährigen Schülern des Potsdamer Sportinternats wird sexuelle Nötigung vorgeworfen. Sie sollen einen 13- und einen 14-Jährigen misshandelt haben.

Laut der vom Senat in Auftrag gegebenen Studie machten mit 17,9 Prozent in Berlin mehr Jugendliche Gewalterfahrungen als im Bundesdurchschnitt von 16,8 Prozent. Im Vergleich zu anderen Großstädten ist die Rate aber gleich hoch. Die Vergleichszahlen stammen allerdings aus einer Untersuchung von 2007 bis 2008. Auch bei der Anzahl der Täter liegt Berlin bundesweit etwa im Durchschnitt. 10,9 Prozent der Neuntklässler berichteten, innerhalb des vergangenen Jahres mindestens eine Gewalttat begangen zu haben. Betrachtet man das gesamte bisherige Leben, waren sogar 19 Prozent schon einmal an Delikten wie Raub, Erpressung oder Körperverletzung beteiligt. „Eine Besonderheit für Berlin ist, dass die Jugendlichen deutlich früher ihren Einstieg in die Gewalterfahrung haben“, sagte Pfeiffer. Schüler, die beispielsweise schon einmal eine schwere Körperverletzung begangen haben, waren in Berlin im Schnitt 13,1 Jahre alt. Bundesweit lag das Alter bei 13,7 Jahren. In ganz Deutschland aber ist die Gewalt unter Heranwachsenden in den vergangenen drei Jahren gesunken, und das vor allem in den Großstädten. Auffällig sei aber auch, so Pfeiffer, dass in Berlin viel häufiger als im Bund Gewalt in U-Bahnen, Straßenbahnen oder S-Bahnen erlebt werde. So trage sich jede fünfte Gewalttat nach Angaben der Berliner Neuntklässler im öffentlichen Nahverkehr zu. Das ist doppelt so viel wie im Bundesdurchschnitt und immerhin ein Drittel mehr als in anderen Großstädten.

Ein weiteres Ergebnis: Einige Migrantengruppen sind nach eigenen Angaben häufiger gewalttätig als Deutsche. So geben beispielsweise Neuntklässler aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion zu 17 Prozent an, im zurückliegenden Jahr ein Gewaltdelikt begangen zu haben, bei den türkischen Jugendlichen waren es 14 Prozent. Im Vergleich zur Bundesbefragung zeigt sich allerdings für alle Berliner Migranten eine geringere Gewaltbereitschaft. Pfeiffer führt das auf die bessere Integration in der Schule zurück. Wichtiger als die ethnische Herkunft seien aber Faktoren wie Armut, Bildung und das eigene Erleben von häuslicher Gewalt. „Bildung bekämpft männliche Machokultur“, so der Kriminologe. Außerdem ist die Quote der Jungen, die angeben, selbst Täter gewesen zu sein, fast drei Mal so hoch wie bei den Mädchen. Häufiger Konsum von Alkohol, Drogen oder von brutalen Filmen tragen dazu bei.

In Hauptschulenist das Gewaltpotenzial höher

Vorbildlich sei Berlin in der Gewaltprävention an Schulen. Insgesamt 72 Prozent geben an, schon an einer Präventionsmaßnahme teilgenommen zu haben. Das ist laut Studie bundesweit Spitze. Pfeiffer führt darauf auch die hohe Bereitschaft der Berliner Jugendlichen zurück, Delikte bei der Polizei anzuzeigen. „Durch die Studie erhalten wir wichtige Hinweise für die weitere Präventionsarbeit“, sagte Staatssekretär Thomas Härtel von der Landeskommission gegen Gewalt. So müssten noch mehr die Jungen in den Fokus genommen werden. „Männlichkeitsnormen können gewaltfördernd sein“, so Härtel. Das Problem habe er bereits mit muslimischen Imamen diskutiert.

Deutlich wird in der Studie auch, dass an Hauptschulen das Gewaltpotenzial größer ist als an anderen Schulformen. Die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen zu Sekundarschulen sei deshalb ein wichtiger Schritt. Gute Erfahrungen mit Gewaltprävention hat die Herbert-Hoover-Sekundarschule in Wedding. Sie stellte einen Verhaltenskodex für ein Miteinander ihrer Schüler auf, Schulsprache ist Deutsch. Alle Neuntklässler nehmen an einer Projektwoche zur Gewaltprävention teil. Dort lernen sie in Rollenspielen, Kontakt mit der Polizei aufzunehmen, sich in Opfer hineinzuversetzen und welche strafrechtlichen Folgen Mobbing und Gewalt haben können.