Jeder sechste Berliner Jugendliche in den vergangenen zwölf Monaten ist laut einer aktuellen Studie Opfer von Kriminalität geworden. 17,9 Prozent der befragten Neuntklässler gaben an, sie seien beraubt, erpresst oder geschlagen worden. Das ist das Ergebnis der Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), die am Mittwoch vorgestellt wurde.
Die anonyme und repräsentative Befragung von mehr als 3000 Schülern ist die erste ausführliche Studie über das Dunkelfeld der Jugendkriminalität. Die offizielle Kriminalitätsstatistik der Polizei bildet oft nur einen Teil der Wirklichkeit ab. „Wir als Kriminologen trauen diesen Statistiken nicht. Da taucht nur das auf, was angezeigt wird, etwa nur ein Viertel der Taten. Drei Viertel der Taten bleiben unentdeckt“, sagte Professor Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, das die Studie im Auftrag der Landeskommission für Gewalt durchgeführt hat. Die positive Nachricht ist, dass die Situation der Jugendgewalt, anders als oft behauptet, in Berlin nicht deutlich schlimmer ist als in anderen Bundesländern oder Großstädten.
Tatort der Körperverletzungen, Raubüberfälle und Erpressungen ist laut Studie in 20 Prozent der Fälle die Schule. Auch damit liegt Berlin im bundesweiten Durchschnitt. Gründe für Gewalt oder andere Strafdelikte sind vor allem „falsche Freunde“, so Pfeiffer. An zweiter Stelle stehe Alkohol- oder Drogenkonsum. Weitere Risikofaktoren seien das Schulschwänzen, Gewalt in der Familie und Computersucht. Exzessives Spielen am PC führe zu schlechten Schulleistungen, was wiederum die Frustration erhöhe, sagt der Kriminologe Pfeiffer.
Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen untersucht Gewalt bei Jugendlichen bereits seit 1998. Die bisher größte Untersuchung stammt von 2007/2008. Damals befragte das Institut mehr als 44.000 Schüler bundesweit. An der neuen Studie nahmen 3167 Schüler teil. Das Institut ist unabhängig und arbeitet eng mit der Universität Hannover zusammen. Finanziert wird es unter anderem vom niedersächsischen Wissenschaftsministerium. Direktor ist Christian Pfeiffer.
Die Thesen und Studien des Instituts rufen immer wieder Kritik hervor, in diesem Fall unter anderem der türkischen Gemeinde. So wurden die Schüler neben ihrer eigenen ethnischen Herkunft auch nach der Abstammung gewalttätiger bzw. dominanter Mitschüler gefragt. Die Jugendlichen konnten ankreuzen, ob diese eine deutsche, oder - nach Ländern geordnet - eine andere Herkunft hatten. Auch wurde die religiöse Zugehörigkeit abgefragt, und ob die Schüler selbst schon gewalttätig wurden. Durch eine Identifikationsnummer seien die Antworten den Neuntklässlern eindeutig zuordbar gewesen, bemängelten Kritiker.
Die Kriminologen hingegen kritisierten die Berliner Schulen ihrerseits wegen fehlender Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Man habe 305 Schulklassen der Jahrgangsstufe 9 nach dem Zufallsprinzip ausgesucht. Nur 184 hätten mitgemacht, etwa 45 Prozent. In der bundesweiten Studie hätten immerhin 62 Prozent der Klassen die Fragebögen ausgefüllt. Diese Werte geben auch Anlass, die Aussagefähigkeit der Studienergebnisse zu hinterfragen.
mim mit BMO/dpa


