Kurras-Akten

Wie die Stasi die West-Berliner Polizei unterwanderte

West-Spione wie Karl-Heinz Kurras waren nur ein Mittel der Stasi, um die Berliner Polizei gegen die BRD aufzubringen und für die DDR einzunehmen. Tarnzeitschriften waren im Umlauf. Bis heute kennen viele nicht den wahren Herausgeber.

Durch einen Aktenfund konnte nachgewiesen werden, dass der West-Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hatte, ein Stasi-Agent war. Die DDR-Geheimpolizei nahm aber nicht nur mittels ihrer Spione Einfluss auf die West-Berliner Polizei. Sie versuchte auch, mit gezielter Desinformation unter den Beamten eine politische Stimmung pro DDR zu erzeugen.

Ein aufwendiges Beispiel ist die Tarnzeitschrift "Demokratische Polizei - Organ der Gruppe Demokratischer Polizeibeamter in Berlin". West-Berliner Polizisten erhielten das Blatt, das die Abteilung Agitation der Stasi seit 1954 herausbrachte, ein- bis zweimal monatlich an ihre Privatanschrift zugestellt, als Absender wurde ein West-Berliner Beamter angegeben. 1964 erschienen einem internen Stasi-Bericht zufolge 21 Ausgaben, davon eine Doppelnummer aus Anlass des zehnjährigen Bestehens, alles in allem 53 846 Exemplare.

Die Stasi verfolgte damit die Absicht, "den politischen Differenzierungsprozess innerhalb der West-Berliner Polizei zu verstärken und die demokratisch gesinnten Polizeibeamten zu unterstützen". Das Blatt betrieb auf subtile Weise Propaganda für die SED, indem den Lesern vorgegaukelt wurde, dass es sich um das Sprachrohr einer innerpolizeilichen Oppositionsgruppe handele. Gleichgesinnte Kollegen hätten sich zusammengefunden, weil sie erkannt hätten, welche Gefahren der Demokratie in Berlin drohten, behauptete ein Jubiläumsartikel 1964. "Aus den zunächst nur gelegentlichen Zusammenkünften ergab sich bald die Notwendigkeit eines festen Zusammenschlusses."

Direkt nach Bildung der Gruppe seien auch erste Publikationen erschienen. "Parteipolitisch ist unser Blatt nicht gebunden, wobei wir jedoch aus unserem Bekenntnis zur Demokratie keinen Hehl machen." Die Zeitschrift wandte sich etwa gegen die Bindungen West-Berlins und seiner Polizei an die Bundesrepublik oder gegen "Quertreibereien der West-Berliner CDU". Auch die Maßnahmen gegen eine Unterwanderung der West-Berliner Polizei durch den Staatssicherheitsdienst wurden unter Beschuss genommen, indem man sich für das "Recht der West-Berliner Polizeibeamten zum Besuch ihrer Verwandten in Ost-Berlin" einsetzte oder die "Verletzung der Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit" anprangerte. Viele Artikel richteten sich zudem gegen die eher konservative Gewerkschaft der Polizei oder leitende West-Berliner Polizeibeamte. Andere nahmen sich sozialer Fragen an, um Unzufriedenheit zu schüren.

Es gab auch eine Magazin für Polizisten-Frauen

Mit der gleichen Stoßrichtung wurden im Namen eines angeblichen "Frauen-Arbeitskreises" der "Gruppe Demokratischer Polizeibeamter in Berlin" fingierte Briefe an die Frauen West-Berliner Polizisten verschickt, 1964 immerhin 13 Ausgaben mit zusammen 6500 Exemplaren. "Die Frauenbriefe und die Demokratische Polizei", heißt es in einem Bericht der Abteilung Agitation, "stellen eine ständige spezielle aktive Maßnahme dar". Aus den seit 1961 erscheinenden "Frauenbriefen" ging 1966 das "Kleine Magazin für die Frau" hervor, das drei Jahre später den Titel "Berolina" erhielt. Auch dieses Blatt schürte geschickt Unzufriedenheit unter Polizisten. So wandte es sich gegen "die ständig zunehmende dienstliche Beanspruchung" der Ehemänner, die immer öfter abgespannt vom Dienst kämen. "Offensichtlich will die Polizeiführung aus unseren Männern Roboter machen oder auch in dieser Hinsicht Polizeisoldaten, die nur noch ab und zu Familienurlaub erhalten", hieß es 1968 in einem Artikel.

Beide Tarnzeitschriften, die die Stasi bis Anfang der 70er-Jahre herausgab, erzielten erhebliche Wirkungen. Einige der unfreiwilligen Bezieher übergaben das Blatt zwar Behörden, so dass es in die Akten des Berliner Staatsschutzes einging. Andererseits trugen die Hefte dazu bei, leitende Beamte zu diskreditieren oder auf andere Weise Unfrieden zu stiften, besonders wenn polizeiliche Interna, etwa aus Dienstbesprechungen, wahrheitsgemäß oder verfälscht vor der Öffentlichkeit ausgebreitet wurden.

Zum Teil hatten die Berichte auch disziplinarische Maßnahmen zur Folge, etwa wenn berichtet wurde, dass ein Verkehrsdelikt eines bestimmten Politikers mit Rücksicht auf dessen Person von der Polizei nicht geahndet worden sei. Aufgrund der vielen Interna, die in den Tarnzeitschriften ausgebreitet wurden, gingen Polizeiführung und Öffentlichkeit davon aus, dass ihre Quellen in der West-Berliner Polizei zu suchen seien, was die Verunsicherung noch verstärkte.

Dass die desinformatorische Wirkung sogar die Existenz der Staatssicherheit überdauerte, zeigt ein 1993 erschienenes Buch über die Berliner Polizei, in dem das Stasi-Blatt den "polizeilichen Fachzeitschriften und Verbandsorganen" zugeordnet wird und seine Artikel unbesehen als authentische historische Quellen Verwendung finden. Die Autoren, Lehrbeauftragte in der Polizei- und Verwaltungsausbildung, distanzieren sich in dem Buch von den damaligen Maßnahmen gegen eine Unterwanderung der West-Berliner Polizei, die sie auf eine "bisweilen schon psychoseähnliche Züge aufweisende Furcht vor kommunistischer ,Infiltration' und ,Subversion'" im Kalten Krieg zurückführen, und machen damit deutlich, dass die Aktivitäten selbst im engeren Bereich der Polizei offenbar noch unterschätzt werden.

Unser Autor Hubertus Knabe: Er leitet die Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Durch Veröffentlichungen zur Geschichte des geteilten Deutschland gilt er als einer der bekanntesten zeitgenössischen Historiker.