Festumzug

700.000 beim Karneval der Kulturen in Berlin

Rund 700.000 Menschen haben am Pfingstsonntag in Berlin den Karneval der Kulturen verfolgt - und sie hatten Glück: Bis zum Spätnachmittag hielt das heitere bis sonnige Wetter. Eine Unwetterfront, die anderen Teilen Berlins heftigen Platzregen brachte, verschonte den Umzug mit seinen rund 90 Musik- und Tanzgruppen aus 70 Nationen.

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Mit einer symbolischen Straßenreinigung durch Schamanen ist der 14. Karneval der Kulturen eröffnet worden. Rund 90 Folklore- und Kostümgruppen sowie Musikervereinigungen aus 70 Ländern ziehen bis zum Abend in fantasievollen Kostümen durch Neukölln und Kreuzberg.

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Renate Oulitz hat sich auf den Karneval der Kulturen gut vorbereitet. Die Neuköllnerin steht am Sonntag neben der Currywurstbude am Hermannplatz auf einer Bockleiter, in der Hand hält sie ein voluminöses Fernglas. „Da vorn tanzen ein paar Kolleginnen von mir mit“, sagt sie und zeigt auf die schon zur Tradition gewordene Auftaktformation des Karnevals, die Afro-Brasilianer von Afeoxé Loni. Schamanen der weiß-gelb gekleideten Truppe haben soeben die Straße gesegnet sowie Umstehende mit Parfüm oder Schnaps bespritzt. Dann setzt sich der Zug des 14. Karnevals der Kulturen mit rund 90 Folklore-, Kostümgruppen und Musikgruppen aus 70 Ländern der Welt unter Trommelschlägen in Bewegung. Insgesamt kamen, so die Veranstalter, rund 700.000 Zuschauer zum Umzug durch Kreuzberg und Neukölln.

Während der Karneval der Kulturen in den vergangenen Jahren von traditionellen exotischen Gewändern dominiert wurde, sind inzwischen zunehmend auch Fantasiegruppen dabei. Beispielsweise die Lebende Keramik aus dem polnischen Bunzlau. „Wir sind zum zweiten Mal dabei. Unsere Gruppe umfasst rund 140 Leute“, sagt Justiyna Rutkowska-Talar. Die Künstlerin hat soeben ein Foto ihres von oben bis unten mit Lehm beschmierten Landsmannes Grzegorz Roman geschossen, der gerade gefüttert wird. Vorsichtig – damit der verkrustende Lehm nicht vom Gesicht platzt – schiebt ihm eine Kollegin Brotkrumen in den Mund.

Grzegorz ist Frontmann der Via Sudetica genannten Formation. Während er seine Stelzen schnürt, tauchen ein paar Mitspieler noch schnell ihre Arme in zwei Fässer voller Lehmsuppe, um sich und ihre Mitläufer damit einzustreichen. „Der Lehm symbolisiert unsere Region, die von ihm geprägt ist“, erklärt Justiyna die Idee.

Mit Klischees haben sich die Schrägen Schweizer Vögel auseinandergesetzt. Die in Vogelkostüme gekleidete Formation schleppt riesige Alphörner herum, die sogar richtige Harmonien hervorbringen können. Zusammengesetzt ist die Gruppe mit der laufenden Nummer 6 vor allem aus in Berlin lebenden Schweizern. „Es ist doch so: Überall leiden die Schweizer unter Vorurteilen. Auch in Berlin. Dagegen wird hier angegangen, denn Schweizer sind anders“, betont Gruppen-Sprecherin Regina. Sie stammt zwar aus Niedersachsen, hat aber Freunde in der Gruppe und kennt die Schweiz wirklich, wie sie sagt.

Ein Thema, das gerne mit der Schweiz in Verbindung gebracht wird, das Geld, bedient dann die den Schrägen Vögeln nachfolgende Truppe Calaca mit Künstlern aus Peru, Kolumbien und Deutschland. Der Verein hat seinen Wagen zum Geldtransport erklärt, um ihn herum tanzen verschiedene Währungen. Und wer genau hinschaut, sieht auf dem Wagen den Schriftzug „Fata Morgana“ stehen. Am Ende des Themenbildes macht ein künstliches Mastschwein münzdurchsetzte Haufen auf die Straße. „Wir Latinos sind Krisenexperten“, sagt Carmen Rojas vom Verein Calaca. „Wir kommen mit Krisen auf die Welt. Ihr hier in Europa seid gerade ein bisschen verloren mit der Krise, darum wollen wir euch beraten.“

Eine Gruppe aus Kuba ahmt mit ihrem Wagen die Schweiz nach. Ihr von einem grünen Traktor gezogener Wagen ist mit „Heimat Salsa“ betitelt, ausnahmslos alle Salsa-Tänzer tragen jedoch Alm-Tracht. Aus Tanzlehrer Juan wird so der Schorsch, aus Rebecca die Resi. Wer bislang meinte, ein Schuhplattler könne auf keinen Fall zu Salsa getanzt werden, wird von den Kubanern eines Besseren belehrt.

Auch am Rand des schier endlosen Zuges vom Herrmannplatz bis zur Yorkstraße mit geschätzten 700.000 Zuschauern ist Multikulti angesagt. Die türkischen und arabischen Kiosk-Inhaber machen den Umsatz des Jahres. Flaneure tragen ihre privaten Kreationen zur Schau. Da disputiert eine schmächtige Pastor-Karikatur mit einem säbeltragenden preußischen Polizisten. Ein nicht mehr ganz junges Paar zeigt der Welt die Rollenverteilung im eigenen Haushalt: Er als rotgewandeter Dompteur, sie in Leder samt Netzstrumpfhosen.

Gänzlich gesittet schieben sich dagegen viele Mädchen auch noch einen Tag nach dem großen Kinder-Karneval stolz als Prinzessinnen oder Fee verkleidet über die Fußwege – beobachtet von Hunderttausenden an den Fenstern, am Straßenrand und im Fernsehen.

Der 14. Karneval der Kulturen hatte am Freitag mit einem Straßenfest begonnen, das noch bis Pfingstmontag dauern soll. Am Samstag gingen die Kleinsten beim Kinderkarneval auf die Straße. Bei dem Festival wird das Miteinander von Menschen aller Hautfarben und Nationalitäten gefeiert – und das lockt selbst die Berliner, bei denen der Karneval im Februar nicht so hoch im Kurs steht, zum Feiern auf die Straßen.

Drei Gesamtformationen sind am Montag beim Karneval der Kulturen als Preisträger des Wettbewerbs 2009 ausgezeichnet worden. Die jeweils mit 1000 Euro dotierten Preise gingen an die Gruppen „Comparsa Chamanes“, „Grupo Peru“ und „Sapucaiu no Samba“, teilten die Veranstalter mit. Preise für ihre Wagen erhielten „Hura Echt Street Puppets“ aus Tschechien und „Serenata Lubola“ für ihre aufwendig gestalteten Figuren aus Pappmaché auf Fahrrad-Wägen.

Als Jugendgruppen geehrt wurden „Kids 44 – Wir sind Neukölln!“ und die von Lichtenberger Kindern gebauten „Berliner Großfiguren“. Seit mehreren Jahren zeichnet eine Jury herausragende künstlerische Projekte beim Straßenumzug des Karnevals aus.

(Internet: www.karneval-berlin.de )