Festumzug

Das gibt es beim Karneval der Kulturen zu sehen

Ein bisschen Südsee in Kreuzberg und Neukölln: Beim Karneval der Kulturen präsentieren Hunderte aus dem Ausland stammende Teilnehmer heimatliche Folklore. Morgenpost Online hat zwei Gruppen bei den Vorbereitungen beobachtet.

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Am Wochenende kommt die Südsee nach Berlin: Auch dieses Jahr nimmt die polynesische Gruppe "Perlen der Südsee" am Karneval der Kulturen teil. Dafür trainieren sie im Freien für ihren achtstündigen Marsch durch Kreuzberg.

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Vorsichtig steigt sie auf die dreistufige Klappleiter und holt sorgfältig eine rosa Maske vom Schrank herunter. Eine Orchidee, sagt sie, die ein chinesisches Mädchen zu ihrem schlichten, traditionellen Kleid auf dem Kopf tragen wird. Man sieht Nubia Ramirez (49) an, dass sie müde ist. Doch sie weiß: Die Strapazen haben am Sonntag ein Ende. Beim großen Umzug zum Karneval der Kulturen.

Seit 1996 organisiert die Werkstatt der Kulturen in Neukölln die Veranstaltung in der Stadt, in der so viele Ausländer leben wie sonst nirgendwo in Deutschland. Mehr als 90 Gruppen aus über 70 Nationen beteiligen sich in diesem Jahr am Karneval der Kulturen. 2008 kamen 1,55 Millionen Besucher.

Nubia Ramirez freut sich schon auf den Umzug am Sonntag. Ihre Gruppe, „Comparsa Chamanes“, wird „Babylon – eine Allegorie der Toleranz“ aufführen. Die Kolumbianerin, die 1999 nach Berlin gezogen ist, 2002 die Gruppe „Comparsa Chamanes“ ins Leben gerufen - das sind 40 Maskenträger, die in diesem Jahr von der Tanzgruppe „Step by Step“, der polnischen Gastgruppe „Akcent“ und den 20 Trommlern der „Fried Drums“ begleitet werden.

Das wird eine große Sache für Nubia Ramirez : Allein schon der Wagen der Gruppe soll knapp 13 Meter Höhe erreichen - und es steht allerhand darauf: Eine Nachbildung des Ischtar-Tors mit der Prozessionsstraße, dazu der babylonische Hofstaat - Priester, Königinnen, Fürsten und die Dame mit dem kosmischen Ei. Hinter dem Wagen: Soldaten mit Trommeln und etwa 50 Tänzerinnen. Den Abschluss bilden drei Giganten: Nebukadnezar II. mit seiner Geliebten und Pazuzu, ein babylonischer Dämon. Nubia Ramirez war in der Bibliothek, hat sich Bücher über antike Formen und Stile ausgeliehen sowie ein Kostüm- und Modebildbuch. Sie zeigt auf das Bild eines Hohepriesters aus der Zeit von 200 vor Christus - das Bild hat die Maske ihres Sohnes inspiriert. Ramirez' Sohn Juan (29) und auch Tochter Maria (26) machen beim Karneval der Kulturen mit.

Seit drei Monaten üben die „Chamanes“ die Choreographie – an den Kostümen wird auch seitdem gearbeitet. Den Wagen hat Ramirez' Mann gebaut, der ist Tischler. In seiner Werkstatt liegen überall Masken, Kostüme und Requisiten, auch Ischtartor, umgedreht. Die Kugel, mit der die drei Giganten spielen werden, ist noch nicht ganz fertig. Am Sonntag müssen die „Chamanes“ sechs-sieben Stunden dem Publikum ihr Bestes geben. Die exotische Show soll ein „regalo para Berlin“ sein – ein Geschenk für die Stadt. Dabei gehe es nicht um den Preis, den ihre Gruppe gewinnen könnte, sagt Ramirez. Obwohl sie sich den schon von Herzen wünscht.

Die Mitglieder der Tanzgruppe „Aloha – Perlen der Südsee“ proben draußen. Sechs Frauen in blauen, schulterfreien Kleidern sitzen auf dem Boden. Sie formen mit ihren Händen einen Trichter vor dem Mund, als würden sie rufen. Dann strecken sie die Arme lang aus und bewegen sie wellenartig zu Südseeklängen aus dem Lautsprecher. An ihren mit weißen Muscheln beklebten Hüten tragen die Frauen feuerroten Federschmuck.

Südsee in Reinickendorf

Südsee in Berlin-Reinickendorf: Getanzt wird auf einem kleinen Gartengrundstück bei Mele Köhnckes Schwiegereltern. Fichten ragen in den Himmel, die Frauen tanzen auf einem Stück Rasen zwischen der Garagen und zwei hohen Hecken.

Mele Köhncke ist 37 Jahre alt und stammte stammt von der Südseeinsel Tonga. Ihre beiden ihre jüngeren Schwestern, die 29-jährigen Zwillinge Mafi und Lavinia, sind auch gekommen. Insgesamt 18 Frauen tanzen am Sonntag mit den "Perlen der Südsee" beim Karneval der Kulturen durch Kreuzberg und Neukölln.

In diesem Jahr stellt Mele Köhncke die Südseeinsel Samoa vor. Sie hat den Tanz für den Karneval der Kulturen choreographiert und die Kostüme genäht: „Blau, weiß und rot, das sind die Farben der Flagge von Samoa. Die Federn gehören zur traditionellen samoanischen Tracht“, erklärt sie. Schon zum vierten Mal organisiert sie gemeinsam mit ihrem deutschen Mann Peter eine Tanzgruppe für den alljährlichen Karnevals-Umzug. Immer hat sie den Umzug einer anderen der 120 polynesischen Südseeinseln gewidmet.

Die Kinder sitzen am Gartentisch und schauen den Müttern zu, ab und zu springen sie auf und wollen mitmachen. „Ich habe Tanzen in der Schule gelernt“, sagt Mele, und dass Tanzen in Tonga als Unterrichtsfach genauso wichtig sei wie Mathematik.

Wie man ein Erdbeben tanzt

Zehn Tänze hat Mele Köhncke einstudiert. Sie erzählen verschiedene Episoden aus der Geschichte Samoas. Zum Beispiel vom Erdbeben auf der Insel Savai’i. Wenn der Tanz beginnt, legen die Söhne der Köhnckes, Lucas (8) und Tobias-Hakaumotu (9), bunte Blüten auf einem traditionellen Teppich nieder, dem Tapa. „Um Respekt mit den Verstorbenen zu zeigen“. Dann legen die Tänzerinnen los: Sie klatschen in die Hände, drehen sich, ziehen die Füße hoch. Der Tanz drücke auch die Naturgewalt des Bebens aus, erklärt Mele Köhncke.

Kennen gelernt haben sich Peter und Mele Köhncke, als er vor 13 Jahren eine Weltreise unternahm. „Da macht er mal eine Reise und gleich ist hier die Bude voll,“ knurrt Köhnckes Vater, der ab und zu durch den Garten wuselt und aufräumt. Doch es ist nur Spaß. Fünf Minuten später kehrt Köhncke Senior zurück, um ein Foto seiner Enkelsöhne vorzuzeigen: Nackt und mit Federn geschmückt führen die Jungen einen Tanz auf. „Dafür haben sie einen Preis bekommen,“ sagt der Opa stolz.