Bildungspolitik

Berlin verliert eine ganze Lehrergeneration

Obwohl Berlin dringend Lehrer braucht, wandern immer mehr junge Pädagogen ab. Auch Eric Willems verlässt die Stadt - obwohl er gerne geblieben wäre. Doch in Hamburg wird er besser bezahlt und schneller Beamter. Er ist nicht der Einzige, der geht.

Foto: Reto Klar

Eric Willems (34), Lehrer für Deutsch, Philosophie und Ethik am Hellersdorfer Melanchthon-Gymnasium, gehört zu den Pädagogen, die Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) im Blick hat, wenn er sagt, dass junge, gut ausgebildete Lehrer gern nach Berlin kommen, um dort zu arbeiten. Auch Willems, der in Stuttgart studierte, hat sich sehr für Berlin interessiert und deshalb vor vier Jahren in der Hauptstadt um eine Lehrerstelle beworben.

Der Fortgang seiner beruflichen Karriere dürfte den Bildungssenator allerdings weniger erfreuen. Willems hat sich zum kommenden Schuljahr in Hamburg beworben – mit Erfolg. Er wird dort seine berufliche Laufbahn als Beamter fortsetzen. „Ich habe die Ungerechtigkeit im Lehrerzimmer einfach nicht mehr ertragen“, begründet der 34-Jährige seine Entscheidung. Ein Teil seiner Kollegen sei verbeamtet und damit finanziell besser gestellt. Auch deren Karriereaussichten seien klarer. Die Familienplanung habe ebenfalls eine Rolle gespielt, sagt Willems, der bald Vater wird. „In Hamburg bekomme ich mehr Geld und die Chance, Oberstudienrat zu werden.“ Von den etwa 70 Lehrkräften seines neuen Kollegiums seien 15 aus Berlin, betont Willems. „Alles junge Leute, die ihre Ausbildung mit sehr guten Noten abgeschlossen haben.“

Eine empfindliche Lücke

Am Melanchthon-Gymnasium entsteht mit dem Weggang des jungen Lehrers eine empfindliche Lücke. Eine Tatsache, mit der derzeit viele Berliner Schulen zu kämpfen haben. So auch die Rosa-Luxemburg-Oberschule in Pankow. Dort haben vier junge Lehrkräfte den Antrag auf Freistellung vom Land Berlin gestellt, weil sie sich in anderen Bundesländern bewerben wollen, wo sie schnell verbeamtet werden. Der Erste hat bereits eine Stelle in Brandenburg sicher.

Ralf Treptow, Schulleiter des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums und Vorsitzender der Vereinigung der Oberstudiendirektoren, hält diese Entwicklung für fatal. „Wir verlieren eine komplette Lehrergeneration, die der Mitte 30-Jährigen“, warnt er. Berlin habe in den vergangenen Jahren nur wenige junge Lehrer eingestellt, zum anderen würden sich jetzt viele in anderen Bundesländern bewerben. „Diese Leute fehlen nicht nur kurzfristig. Langfristig sind es die, die Verantwortung im Schulsystem übernehmen müssten, sei es als Schulleiter oder in anderen Positionen“, sagt Treptow.

Allein an den sechs staatlichen Schulämtern des Landes Brandenburg haben sich etwa 700 Interessierte mit Wohnort Berlin beworben. Stephan Breiding, Sprecher des Bildungsministeriums in Potsdam, betont allerdings, dass auch Quereinsteiger dabei seien.

Ralf Treptow beklagt zudem, dass die Bewerbungsrunden für Lehrer erst Mitte Juni angesetzt sind und auch noch immer nicht feststeht, wie viele Stellen eine Schule selbst ausschreiben kann. „Unter diesen Voraussetzungen können wir das neue Schuljahr nicht rechtzeitig planen.“ Allein an seiner Schule fehlten gegenwärtig fünf Lehrer. Auch Paul Schuknecht, Vorsitzender der Vereinigung Berliner Schulleiter, hält die Einstellungstermine für viel zu spät. „Wir müssten jetzt bereits die Zusagen erteilt haben. Stattdessen ermitteln die Bezirke gerade erst den Bedarf an Lehrern“, sagt er.

Eric Willems findet es besonders bitter, Berlin verlassen zu müssen, weil ihm ein Lehrstuhl für vergleichende Ethik an der Freien Universität angeboten wurde. „Das hätte ich neben meiner Arbeit als Lehrer sehr gern gemacht“, sagt er. Auch an seiner Schule habe er gern gearbeitet.

Die Ungerechtigkeit im Lehrerzimmer hat auch Nico Schuler (36) dazu gebracht, 2009 von Berlin, wo er verwurzelt war, nach Hamburg zu wechseln. „Ausschlaggebend war die Familienplanung“, sagt er. Schuler verdient jetzt in Hamburg 700 Euro netto mehr als bisher in Berlin. Und er schwärmt davon, wie professionell die Hansestadt auf seine Bewerbung reagiert hat. „Das ging alles superschnell“, sagt er.

Die Hauptstadt sei mit der Erhöhung der Einstiegsgehälter für angestellte Lehrer an die Grenze dessen gegangen, was für eine Stadt wie Berlin möglich sei, sagt indes Jens Stiller, Sprecher von Bildungssenator Zöllner. Die Einstellungstermine begründet er damit, dass man den 400 Referendaren, die Mitte Juni fertig werden, die Chance geben wolle, sich ebenfalls zu bewerben. „Wir stellen nicht später ein als im vergangenen Jahr“, so Stiller.