Denkmäler

Berlingründer reisen auf dem Tieflader

Wiedersehen mit zwei Berlinern in Übergröße: Zwei steinerne Statuen, die jahrelang im Depot standen, reisten durch Berlin - von Kreuzberg nach Spandau. Die Stadtgründer Markgraf Johann I. und Otto III. gehörten einst zur sogenannten "Puppenallee" im Tiergarten. Auf der Zitadelle Spandau steht ihnen eine große Zukunft bevor.

Foto: Krauthoefer

Die großen alten Männer sind zurückgekehrt. Die Berlingründer Markgraf Johann I. und Markgraf Otto III. haben wieder Einzug auf der Zitadelle Spandau gehalten, auf der sie schon vor mehr als 700 Jahren weilten. Am Mittwoch kam das Brüderpaar allerdings nicht hoch zu Ross, sondern festgegurtet auf einem Tieflader. Ein atemberaubender Vorgang für Transporteure, Denkmalschützer und Verwaltungsmitarbeiter: Denn die 2,75 Meter hohe Figurengruppe musste das enge Tor zur Zitadelle passieren. Sie tat es, millimetergenau und ohne weiteren Schaden zu nehmen.

Schon zuvor fehlten beiden Markgrafen die marmornen Nasen- und Fußspitzen und andere Teile des ansonsten stattlichen Denkmalkörpers. Sie werden nicht ergänzt, auch wenn es ab Herbst zur Sanierung der Skulpturen kommt. Denn ihnen steht eine große Zukunft bevor. Die beiden Fürsten und mit ihnen 24 weitere Marmorstandbilder und 40 Büsten, die früher an der Siegesallee in Tiergarten standen, sollen Kernstück einer einmaligen Ausstellung werden. Ihr Titel steht schon fest: "Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler".

Skulpturen aus verschiedenen Epochen der Stadtgeschichte werden dafür in Depots und Lagerräumen gesucht und zusammengestellt. "Das Deutsche Historische Museum, das Landesarchiv, die Stiftung Topografie des Terrors und die Körberstiftung sind mit im Boot", sagt Spandaus Kunstamtsleiterin Andrea Theissen. Im Herbst 2012 soll die Ausstellung öffnen. Bis dahin muss das Domizil für die Kunstwerke hergerichtet werden. Es ist das bislang nicht restaurierte und ungenutzte Proviantmagazin der Zitadelle. Die klassizistische Kaserne soll eine Wechselausstellung aufnehmen und Ort für Debatten über die verschiedenen Denkmäler sein.

Ausstellung für zwölf Millionen Euro

Etwa zwölf Millionen Euro stehen für das Ausstellungsprojekt bereit. Eine Hälfte stammt aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, die andere kommt von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie.

Spandaus Kulturstadtrat Gerhard Hanke (CDU) hofft, dass sein Bezirk durch die einzigartige Denkmalsammlung zur bundesweiten Attraktion wird. "Jeder Schüler unseres Landes wird kommen, weil die Ausstellung ein Gang durch die deutsche Geschichte ist." Eine Glanz- und Gloria-Schau werde es nicht, sagt Kunstamtsleiterin Theissen.

Die Zeit des Dritten Reiches soll vertreten sein, ebenso die DDR-Zeit. Als steinerner Zeuge darf ein Lenin-Denkmal nicht fehlen. Andrea Theissen weiß auch schon, welche Skulptur nach Spandau kommen soll. Es ist der tonnenschwere Kopf des großen Denkmals, das am früheren Leninplatz in Friedrichshain stand und jetzt im Seddinberg in Köpenick unter Sand vergraben ist.

Das detaillierte Konzept für die Ausstellung arbeitet Uta Lehnert aus, die Autorin des Buches "Der Kaiser und die Siegesallee". Sie hatte die Idee, die Figuren der einstigen Siegesallee von ihrem bisherigen Aufenthaltsort, dem Lapidarium im Pumpwerk am Halleschen Ufer, auf die Zitadelle Spandau zu bringen. In diesen Tagen folgen den beiden Markgrafen weitere Skulpturen, im Mai soll der gesamte Umzug auf die Zitadelle vollzogen sein. Dort werden die Marmorstandbilder im Herbst restauriert. "Besucher können dabei zuschauen", kündigt Stadtrat Hanke an. Landeskonservator Jörg Haspel ist froh, dass die Statuen wieder öffentlich zu sehen sind. Dies sei im Lapidarium, das 2008 an Kunstsammler Christian Boros verkauft wurde, nicht der Fall gewesen.

Vergraben und wieder ausgebuddelt

Aus Sicht von Haspel sind die Skulpturen der Siegesallee "noch in erstaunlich gutem Zustand, wenn man bedenkt, was sie alles hinter sich haben". Die 32 Denkmalgruppen entstanden von 1898 bis1901. Kaiser Wilhelm II. hatte 1895 beschlossen, auf der Siegesallee die Marmorstandbilder der Fürsten Brandenburgs und Preußens aufstellen zu lassen, von Albrecht dem Bären bis zu Kaiser Wilhelm I. "Puppenallee" hieß die Straße im Volksmund. 1938 wurden die Skulpturen an die große Sternallee versetzt. 1950 stellte man sie vor dem Schloss Bellevue ab. Vier Jahre später wurden sie neben dem Schloss vergraben und erst 1978/79 wieder ans Tageslicht geholt. Die meisten gelangten ins Pumpwerk, in dem der Senat seit 1976 erhaltenswerte Denkmäler aufbewahrte.